Im Film wird die 13 Jahre alte Nelly im Urlaub in Rumänien entführt. Foto: SWR/INDI Film

Ausgerechnet ein gut gemeinter Jugendfilm des Südwestrundfunks hat den Unmut der Sinti und Roma auf sich gezogen. Die Grünen im Thüringer Landtag wollten die Ausstrahlung des Films gar ganz verhindern.

Stuttgart - Einen solchen Rummel um den Kinder- und Jugendfilm „Nellys Abenteuer“ hätten die Verantwortlichen beim Südwestrundfunk (SWR) sich wohl nicht träumen lassen. Das Drama um die 13 Jahre alte Nelly, die ihre Ferien mit ihren Eltern in Rumänien verbringt und dabei von Kriminellen entführt wird, ist zu einem Politikum geworden.

Ein vom Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma in Auftrag gegebenes Gutachten kommt zu dem Schluss, dass der Streifen rassistisch sei und vor allem Vorurteile schüre. Wegen des Trubels zieht der SWR die für den 3. Dezember angesetzte Ausstrahlung nun vor auf diesen Sonntag (12. November, 13.00 Uhr im SWR) - samt einer Filmdiskussion.

Darstellung von Sinti und Roma wird kritisiert

„Roma erscheinen demnach als Kleinkriminelle, Trickbetrüger, Bettler, beim Aufführen „traditioneller“ Tänze, als Kindesentführer usw.“, schreibt der Autor Pavel Brunßen von der Technischen Universität Berlin in dem Auftragsgutachten. Er stellt darin fest, dass die Armut der Roma und ihre sozialen Probleme als Minderheiten in ihren Gesellschaften nicht zum Tragen kämen. Stattdessen stünden sie als etwas Bedrohliches da.

Die so kritisierte Arbeit ist für Regisseur Dominik Wessely der erste Spielfilm - nach mehreren dokumentarischen Projekten. Wessely erzählt, wie Nelly (Flora Li Thiemann) bei einem Spaziergang in Sibiu (Hermannstadt) in Rumänien sauer wird und abhaut, als sie erfährt, dass die Familie womöglich nach Siebenbürgen ziehen wird. Nellys Vater Robert (Kai Lentrodt) soll dort einen Job annehmen und eine Windkraftanlage errichten. Für Nelly ein Schock.

Das Mädchen will nicht in dem fremden Land leben, flieht und fällt einer Gruppe von Sinti und Roma in die Hände. Hier lernt sie Tibi und Roxana kennen. Es entsteht eine Freundschaft, fast eine Jugendliebe zu Tibi. Die beiden Roma-Kinder verhelfen ihr schließlich zur Flucht, während Nellys Eltern auf einer ebenfalls abenteuerlichen Suche nach ihrer Tochter sind.

Gutachter hält Film trotz Happy-End für misslungen

So richtig nimmt das Drama aber erst seinen Lauf, als Nelly mit Tibis Hilfe versucht, wieder nach Hause zu finden. Dabei geraten beide in die Fänge des skrupellosen deutschen Unternehmers Reginald Wagner, gespielt von Gustav Peter Wöhler, der im malerischen Transsilvanien einen umstrittenen Staudamm bauen will. Das Dorf, in dem Tibi und andere Roma leben, ist von dem Projekt bedroht.

Es wäre kein Kinderfilm, wenn sich nicht am Ende alles zum Guten wenden würde – wie auch Nellys Einstellung zu dem Land, das ist wohl die erzieherische Botschaft des Films, der bereits im Kino lief. Bei mehr als 40 Filmfestivals holte er mehrere Auszeichnungen, unter anderem zwei Mal als „bester Film“, wie der SWR mitteilte.

Gleichwohl hält Gutachter Brunßen den Film für misslungen: „Im Film wird zwar aufgelöst, dass nicht die Roma Hokus und Iancu Drahtzieher der Entführung von Nelly sind, sondern im Auftrag des Deutschen Reginald Wagner handelten, hängen bleibt jedoch das Bild von den kriminellen, unzivilisierten, disziplinlosen und triebgesteuerten Roma, die keine Moral kennen.“

SWR-Programmdirektor sieht Geschichte von Hilfe und Freundschaft

Politisch führte die Einschätzung bei den Grünen im Thüringer Landtag zu einem öffentlichen Aufruf, den Film nicht unkommentiert zu zeigen. Doch anders als in Thüringen, wo Teile des Films gedreht wurden, mahnen etwa die Parteikollegen in Baden-Württemberg zu Gemach. Es gehöre zur Kunstfreiheit, dass sie auch für Debatten sorge, meint der medienpolitischen Sprecher der Grünen im Stuttgarter Landtag, Alexander Salomon. Sinnvoll sei aber sicher jeweils eine „pädagogische Einrahmung“ des Films.

Wohl auch deshalb schließt sich am Sonntag eine Filmdiskussion (14.30 Uhr im SWR) an. „Es wird jetzt Zeit, dass nicht allein auf Grundlage von Statements über den Film geurteilt wird. Unsere Zuschauer müssen sich selbst ein Bild machen können“, sagt SWR-Programmdirektor Christoph Hauser. Demnach zeige der Film, wie Nelly Vorurteile überwinde. Die Geschichte beruhe auf gegenseitiger kultureller Wertschätzung. Den Vorwurf, der Film beinhalte rassistische und gegen Roma gerichtete Züge, wies er zurück. „Nellys Abenteuer“ sei eine Geschichte von Hilfe und Freundschaft.

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