Nach scharfer Kritik aus der Behindertenhilfe wehrt sich Stuttgarts OB Nopper: Seine „Schlaraffenland“-Aussage sei aus dem Zusammenhang gerissen. Die Debatte hat aber Fahrt aufgenommen.
Ein Satz – und das soziale Klima friert ein. Als Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper wegen des enormen Spardrucks der Kommune von einem „Abschied vom Schlaraffenland“ sprach, fühlten sich viele vor den Kopf gestoßen – vor allem Menschen mit Behinderung und ihre Unterstützer. Es klang für sie, als sei ihr Anspruch auf Teilhabe ein übertriebener Luxus. Dabei, so betont Nopper jetzt, sei das missverstanden worden.
Wie ein Sprecher der Stadt Stuttgart mitteilt, habe sich Noppers Aussage ausdrücklich nicht auf Menschen mit Behinderung oder Leistungen der Eingliederungshilfe bezogen. Das Zitat sei aus dem Zusammenhang gerissen worden, heißt es in einer Stellungnahme.
Diakonie kritisiert „Schlaraffenland“-Metapher scharf
Die Kritik aber ließ nicht lange auf sich warten. Die Diakonie Stetten (Rems-Murr-Kreis), ein Träger mit rund 4000 Mitarbeitenden im Südwesten, schlug Alarm. Der Vorstandsvorsitzende Dietmar Prexl nannte die „Schlaraffenland“-Metapher „völlig fehl am Platz“. Sie lenke die Debatte weg von strukturellen Reformen hin zu pauschalen Kürzungen – auf dem Rücken der Schwächsten.
Auch Baden-Württembergs Landes-Behindertenbeauftragte, Nora Welsch, fand klare Worte: „Menschen mit Behinderung leben nicht im Schlaraffenland, sondern kämpfen tagtäglich um Teilhabe.“ Es sei eine sprachliche Entgleisung, die bei Betroffenen und Angehörigen für große Verunsicherung sorge.
Digitale Verwaltung spart Kosten, nicht an Menschen
Prexl blieb nicht bei Kritik stehen. Sein Vorschlag: Statt an Leistungen zu sparen, solle die Stadt endlich digitale Verwaltungsstandards schaffen. Eine moderne, medienbruchfreie Verwaltung sei das effektivere Sparmodell.
„Wenn wir digitalisieren, sparen wir Prozesse – nicht Menschen“, so Prexl. Der Träger biete der Stadt Stuttgart die Zusammenarbeit an: sofort, konkret, lösungsorientiert.
Die Diakonie hat unterdessen einen Slogan geprägt, der zum Widerstand gegen soziale Kürzungen aufruft: #NichtamMenschensparen. Die Resonanz ist groß – nicht nur in sozialen Netzwerken, sondern auch in anderen sozialen Einrichtungen.
Nopper fordert Bund zur Verantwortung bei Sozialprojekten auf
Frank Nopper hingegen pocht auf Korrektur: „Meine Aussage richtete sich ausschließlich auf Großprojekte wie das Operninterim oder die Villa Berg.“ Das Bundesteilhabepaket habe er nur beispielhaft genannt – nicht als Ziel für Einsparungen.
Vielmehr kritisiere er den Bund, der Leistungen beschließe, aber die Kosten auf Kommunen abwälze. „Dies wird im Ergebnis dauerhaft dazu führen, dass die Kommunen originär kommunale Projekte, auch originär kommunale Sozialprojekte, nicht mehr finanzieren können“, so Nopper. Und: „Wenn das Sozialministerium des Landes erklärt, dass Teilhabe keine Verhandlungssache sei, dann muss das Ministerium auch seiner Verantwortung gerecht werden und die Finanzierung sicherstellen.“
Ob es ein Missverständnis war oder ein unglücklicher Tonfall – fest steht: In der sozialen Debatte wiegt jedes Wort doppelt schwer. Menschen mit Behinderung erwarten nicht das Schlaraffenland, sondern Respekt. Und der beginnt bei der Sprache.