Auch im OP ist die Klinikarbeit streng getaktet und auf Effizienz getrimmt. Foto: dpa/Arne Dedert

Der Stuttgarter Mediziner Thomas Strohschneider übt harte Kritik an der Entwicklung im Krankenhauswesen. Inzwischen schade die radikale Ökonomisierung den Patienten, sagt der Gefäßchirurg. So dürfe es nicht weitergehen.

Jahrzehnte hat der Gefäßchirurg Thomas Strohschneider in verschiedenen Kliniken gearbeitet, mehrfach in leitender Stellung, zuletzt als Chefarzt im Stuttgarter Karl-Olga-Krankenhaus. Jetzt hat der Mediziner ein Buch geschrieben, das hart ins Gericht geht mit Privatisierungen im Krankenhauswesen und mit dem System der Fallpauschalen. Diese Entwicklung schade den Patienten inzwischen massiv.

 

Herr Strohschneider, Sie beklagen eine radikale und weiter zunehmende Ökonomisierung im Krankenhauswesen. Sie nennen dafür zwei Ursachen: die zunehmende Privatisierungen von Kliniken und die Einführung der Fallpauschalen.

Fast 40 Prozent der Krankenhäuser sind heute in Deutschland privatwirtschaftlich geführt. Private Klinikkonzerne nehmen einen immer größeren Raum ein, zunehmend kommen internationale Konzerne ins Spiel. Es gibt traumhaft hohe Renditeerwartungen, die zum Teil über zehn Prozent liegen, das gibt es in keinem anderen Wirtschaftsbereich.

Was sind die Folgen?

In erster Linie hat das Folgen für die Patienten. Diese werden selektioniert danach, ob sie gewinnbringend sind oder nicht. Ich habe in meinem Buch den Fall eines Wohnsitzlosen ausführlich dargestellt, der wochenlang in der Klinik behandelt werden musste. Vor diesen kosten- und behandlungsintensiven Patienten würde man in solchen Kliniken am liebsten die Tür schließen, sie sind unerwünscht, die sollen bitte andere übernehmen. Privatwirtschaftlich geführte Kliniken holen sich die Perlen heraus, sie konzentrieren sich auf die Bereiche, in denen die Patienten vorbestellt kommen, wo man getaktet arbeiten kann, bei denen die Risiken abgeklärt sind. Solche Krankenhäuser haben deshalb sehr selten Kinderabteilungen, aber überproportional viele Orthopädien oder Wirbelsäulenabteilungen in ihrem Portfolio. Dort hat man deutlich bessere Erlösstrukturen.

Was kümmert das öffentlich-rechtliche oder freigemeinnützige Häuser?

Für die öffentlich-rechtlichen Krankenhäuser gibt es eine Garantenpflicht. Ein Landkreis ist danach verpflichtet, dass er alle medizinischen Grundabteilungen anbieten muss. Er muss also auch die erlösschwachen Abteilungen vorhalten und kann sich nicht nur auf die lukrativen Fachdisziplinen fokussieren. Wenn private Klinikträger mehr und mehr in Konkurrenz treten um die attraktiven und gewinnbringenden Bereiche, schwächt dies die öffentlich-rechtlichen Häuser. Das Minus nimmt weiter zu. Das ist ein großes Risiko für öffentlich-rechtliche, aber auch für kirchliche Träger.

Ist die große Privatisierungswelle in Deutschland nicht schon vorbei?

Nach den Kliniken kaufen die international agierenden Finanzinvestoren jetzt vermehrt Alten- und Pflegeheime, auch Medizinische Versorgungszentren werden zum Spekulationsobjekt. Von denen gehört heute schon ein zweistelliger Prozentsatz Finanzinvestoren. Das wird weitergehen, wenn man dem nicht Einhalt gebietet.

Kommen wir zu den Fallpauschalen. Die sind von der Politik zur Kostendämpfung eingeführt worden.

Dass die früheren Tagesfallpauschalen nicht gut waren und zum Teil zu sehr langen Liegezeiten geführt haben, bestreitet niemand. Dass wir aber versuchen, in das jetzige Fallpauschalensystem, das wir von Australien übernommen und in unserem Wahn perfektioniert haben, jede Krankheit da hineinzupressen, hat inzwischen äußerst negative Auswirkungen für die Patientenbehandlung. Bei einer Fallpauschale wird immer nach der Hauptdiagnose abgerechnet, für die Nebendiagnosen gibt es kaum Zuschläge. Aber wir haben heute eben selten Patienten mit nur einer einzigen Erkrankung, sondern mit fünf, sechs, sieben Begleiterkrankungen. Entweder man behandelt sie mit oder ignoriert sie, weil man dafür kein Geld im Fallpauschalensystem bekommt. Das Fallpauschalensystem betrachtet den Patienten nicht als Ganzes, sondern nur unter ökonomischen Gesichtspunkten.

Sie kritisieren Fehlanreize, die dieses System erzeuge, so dass unter anderem medizinisch nicht notwendige Eingriffe vorgenommen werden.

In Zielvereinbarungen werden an Privatkliniken, aber auch an öffentlich-rechtlichen Krankenhäusern indirekte Boni mit Chefärzten vereinbart. Dadurch sollen zum Beispiel gewisse Patienten- oder OP-Zahlen erreicht werden. Dies birgt die Gefahr, dass unnötige Behandlungen und Operationen durchgeführt werden. In Frankreich werden ein Drittel weniger Herzkatheter-Eingriffe vorgenommen, trotzdem sterben die Franzosen nicht häufiger an kardialen Erkrankungen. Ähnlich ist es mit Hüftoperationen oder Wirbelsäulenoperationen. Es ist erwiesen, dass, wenn man im Fallpauschalensystem mit einer Diagnose gute Erlöse erzielen kann, parallel dazu auch die Zahl der Eingriffe ansteigt. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass die Diagnose „Meniskus-Schaden“ in den letzen Jahren stark angestiegen ist.

Sie beklagen auch, dass aus ökonomischen Gründen immer wieder zwar günstige, aber unzureichende Prothesen verwendet werden.

Kliniken versuchen beim Einkauf zu sparen, das ist zunächst völlig in Ordnung. Der Sana-Konzern ist beispielsweise der größte Einkäufer in Deutschland im Medizinmarkt für Krankenhäuser. Sie machen das nicht nur für die eigenen Kliniken, sondern inzwischen für insgesamt 400 bis 500 Krankenhäuser, darunter sind auch welche in der Region Stuttgart. Man kann dadurch große Summen einsparen. Das Problem ist nur: Die Verträge enthalten Fristen und Abnahmegarantien. Erweist sich ein Produkt im Verlauf als schlecht, zum Beispiel eine Gefäßprothese oder eine Herzklappe, sollen die Ärzte trotzdem nicht das teurere, aber bessere Implantat des Wettbewerbers einbauen. Das kann für den Patienten gefährlich werden.

Dem halten Sie die starke These entgegen, die Kostenexplosion, mit der diese ganze Entwicklung begründet wird, sei eine Mär? Aber die demografische Entwicklung und medizinische Innovationen, also die Kostentreiber im System, sind doch real?

Ich bestreite nicht, dass die Kosten gestiegen sind. Aber eine Explosion ist etwas anderes als ein langsamer, linearer Anstieg. Die demografische Entwicklung macht maximal 25 Prozent dieses Kostenanstiegs aus. Studien belegen, dass ein wesentlicher Faktor der Kostensteigerung die Spitzen- und Hightech-Medizin ist. Man muss überlegen, was uns das als Gesellschaft wert ist. Und kostentreibend ist auch, wenn überflüssige Medizin gemacht wird, wenn Geld für Operationen rausgeworfen wird, die nicht nötig sind. Keine dieser Studien fragt allerdings: Wo wird dem Markt Geld entzogen? Dass ein privater Klinikkonzern mal locker zehn bis 15 Prozent Rendite an seine Shareholder ausbezahlt – Geld, das aus den Sozialkassen kommt – ist zu hinterfragen.

Sie plädieren für eine Rückkehr zum klassischen Krankenhaus. Was bedeutet das: Fallpauschalen weg, nur noch öffentliche Krankenhäuser?

Das Fallpauschalensystem sollte man beseitigen oder doch sehr stark modifizieren. Dafür gibt es genügend gute Vorschläge, ohne einen Rückfall in alte Zeiten. Dass man Kliniken zum Teil wieder rekommunalisieren sollte, ist völlig klar. Voraussetzung dafür wäre, dass Bund und Länder wieder ihrer gesetzlichen Verpflichtung zur dualen Finanzierung von Krankenhäusern nachkommen . Das Paradigma, dass eine Klinik Gewinne abwerfen muss, ist infrage zu stellen. Warum reicht nicht eine schwarze Null? Warum können nicht alle Gelder, die erwirtschaftet werden, wieder in das System zurückfließen?

Buch eines erfahrenen Mediziners

Person
Thomas Strohschneider ist 67 Jahre alt. Nach dem Abitur in Nürtingen hat er Zivildienst beim Roten Kreuz gemacht und dann Medizin in Tübingen und Montpellier studiert. Danach hat er in der Herzchirurgie der Uniklinik Ulm gearbeitet, den Facharzt für Allgemein- und Gefäßchirurgie gemacht, war Oberarzt an verschiedenen Krankenhäusern. Zuletzt war Thomas Strohschneider Chefarzt für Gefäßmedizin am Karl-Olga-Krankenhauses des Sana-Konzerns in Stuttgart. Er arbeitet heute als Arzt in Teilzeit im Cardiologicum im Stuttgarter Westen.

Buch
Thomas Strohschneider, Krankenhaus im Ausverkauf. Private Gewinne auf Kosten unserer Gesundheit, Vorwort Werner Bartens, 238 Seiten, Westend-Verlag Frankfurt am Main 2022. ury