Problemfall ärztlicher Notdienst: Die Patienten hängen in der Warteschleife, die Mediziner haben wenig zutun. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Nicht nur Patienten klagen über die schlechte Erreichbarkeit des ärztlichen Notdienstes. Auch die Ärzteschaft in Stuttgart schlägt Alarm: Notfälle werden nicht erreicht, die Kliniknotaufnahmen laufen mit Patienten voll. So könne es nicht weitergehen.

Aller Anfang ist schwer, konnte man zu Beginn des Jahres noch denken, als die Umstellung des ärztlichen Notdienstes von der Rettungsleitstelle auf die Servicenummer 116 117 der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) im Land anlief. Nun muss man in Stuttgart feststellen: Das neue System funktioniert noch immer nicht. Die Patienten hängen weiter viel zu lange in der Telefonwarteschleife, sodass viele abspringen und sich an den Rettungsdienst wenden. Und die zum Fahrdienst eingeteilten niedergelassenen Ärzte haben wenig zu tun, weil die Patienten mit ihren gesundheitlichen Problemen gar nicht zu ihnen durchzudringen.

 

Ein Schlaglicht auf das Problem hat die Kritik mehrerer Stuttgarter Krankenhäuser geworfen, die beklagen, dass der ambulante ärztliche Notdienst nur unzureichend funktioniere und eine wachsende Zahl von Patienten in den überlasteten Notaufnahmen der Kliniken landeten. Nach wie vor, so der Vorwurf, werde die Servicenummer der KV zu wenig genutzt. Ein Arzt aus Stuttgart, der sich an dem Notdienst beteiligt und der anonym bleiben will, widerspricht: Das Problem sei nicht die mangelnde Nutzung der Nummer, sagt er. „Die Patienten kommen nicht durch.“

Rettungsdienst hat viele Bagatellfälle

Derzeit lägen die Telefonwartezeiten der Patienten „bei mindestens 30 Minuten, am Wochenende sind es auch 60 Minuten und mehr für Privatpersonen“, erklärt der Mediziner. „Deshalb verlieren die Patienten die Geduld und rufen die Nummer 112 an.“ Mit der Folge, dass Rettungswagen und Notärzte „für Bagatellfälle in Anspruch genommen werden, unnötig gebunden sind und für schwerere Fälle mitunter nicht sofort zur Verfügung stehen“. Der DRK-Kreisverband bestätigt die Entwicklung. Man stelle „generell eine Steigerung der Einsatzzahlen fest“, sagt Pressesprecherin Mira Hawlik. „Auch die Einsatzvorfälle aufgrund von Bagatellen nehmen stetig zu und umfassen zwischenzeitlich einen Anteil von rund 20 Prozent.“

Durch die schlechte Erreichbarkeit des ärztlichen Notdienstes gerieten auch bestimmte Patientengruppen aus dem Blick, stellt der Arzt fest. „Früher hatten wir viele Einsätze bei Migranten, in Asylbewerberheimen und bei anderen sozial Benachteiligten – diese Klientel sehen wir kaum mehr, die sind aber nicht weg.“ Bis Jahresanfang wurde auch der ärztliche Notdienst von den Disponenten der Rettungsleitstelle koordiniert. Die verteilten die Einsätze nach geschilderten Krankheitsbildern auf die niedergelassenen Ärzte und den Rettungsdienst.

Altenpflegeheime kommen jetzt besser durch

Heute haben die niedergelassenen Mediziner während ihrer Notdienste teilweise nur noch ein Drittel ihrer vorherigen Einsatzzahlen. „Damit warten am Wochenende vier Ärzte, die im Fahrdienst eingeteilt sind, zum Teil stundenlang auf Patienten, während diese ein paar Kilometer weiter vergeblich versuchen, bei der 116 117 durchzukommen“, kritisiert der Stuttgarter Arzt. Verbessert habe sich inzwischen nur, dass die Callcenter der KV für Altenpflegeheime wieder besser erreichbar seien, weil diese einen speziellen Zugangscode hätten. „Das wurde repariert“, erklärt der Arzt. Dennoch sieht er den Versorgungsauftrag, den die niedergelassene Ärzteschaft habe, in Stuttgart „im Augenblick nicht gewährleistet“.

Die Kassenärztliche Vereinigung stellt die Lage anders dar. Die Zahl der Anrufe beim ärztlichen Bereitschaftsdienst habe sich zwar „enorm erhöht“. Man verzeichne „pro Jahr über eine Million Anrufe, das bedeutet nahezu eine Verdopplung gegenüber der Vor-Corona-Zeit“, sagt Pressesprecherin Gabriele Kiunke. Allerdings ist seit Juni unter dieser Servicenummer der ärztlichen Bereitschaftsdienst für ganz Baden-Württemberg erreichbar. Deshalb baue man die Servicestellen auch „kontinuierlich und mit Hochdruck aus“. Seit Oktober 2021 habe man das Personal verdoppelt, man habe derzeit 150 Beschäftigte in den Callcentern. Ziel sei es, „im nächsten Jahr auf 220 Beschäftige aufzustocken“. Insgesamt habe sich die Situation schon verbessert. In Spitzenzeiten, also vor allem an Samstagen und Sonntagvormittagen, komme es „jedoch weiterhin vereinzelt zu längeren Wartezeiten“. Da zähle man „teilweise bis zu 500 Anrufe pro Stunde“, so Kiunke. Am vergangenen Wochenende aber habe die durchschnittliche Wartezeit „am Samstag bei fünf Minuten, am Sonntag bei rund zwei Minuten“ gelegen.

Viele Anrufe zum Thema Corona und Impfungen

Die hohe Zahl von Anrufen führt die KV auch darauf zurück, dass man sich wegen der Coronapandemie weiter in einer Ausnahmesituation befinde. „Wir haben viele Anrufe zum Thema Corona und Impfungen, die nicht beim ärztlichen Bereitschaftsdienst landen sollten“, sagt die KV-Sprecherin. „Zugleich registrieren wir, dass bei den Menschen die Fähigkeit einer medizinischen Selbsteinschätzung immer mehr abnimmt.“

Der Stuttgarter Arzt will das so nicht stehen lassen. Es habe zwar kurz eine vorübergehende Verbesserung der Lage gegeben, sagt er. „Jetzt ist es aber wieder schlechter“. Der KV fehle es in den Callcentern, die sich in Mannheim und Bruchsal befänden, einfach an Personal, und das vorhandene kenne sich in Stuttgart nicht aus. Die Behauptung einer Wartezeit am Telefon von nur zehn Minuten „stimmt definitiv nicht“, betont er.

Etwas besser, aber immer noch nicht gut

Der anonym bleibende Mediziner steht mit seiner Einschätzung in Stuttgart, wo von Ärzten vor der Umstellung des Notdienstsystems vehement gewarnt worden war, nicht alleine. Auch Markus Klett, der Vorsitzende der Stuttgarter Ärzteschaft, sagt über die Servicenummer 116 117, diese sei „meist dauerbelegt“. Der ärztliche Notdienst sei seit der Umstellung „weniger effizient“. Zwar sei manches besser geworden, findet Klett. „Aber gut ist es immer noch nicht.“

Der Vorsitzende der Ärzteschaft führt den Wandel auch auf den Einsatz unterschiedlich qualifizierter Kräfte zurück. „In der Rettungsleitstelle sind Profis am Werk“, sagt Klett. In den KV-Callcentern seien „immer neue Leute“ tätig, die noch medizinisch geschult werden müssten. Klett bedauert den Ausstieg der KV aus der Rettungsleitstelle.

Wie derzeit kann es nicht weitergehen

Noch deutlicher wird Michael Oertel; er ist seit Jahrzehnten Hausarzt in Stuttgart und koordiniert den Fahrdienst des ärztlichen Notdienstes. Am Wochenende kämen die Patienten bei der KV-Servicenummer „praktisch nie durch“. Eine Stunde Wartezeit sei nichts Besonderes. „Das ist ein absolutes Unding, ein echter Graus“, kritisiert Oertel. Auf der anderen Seite „dreht der Fahrdienst zum Teil Däumchen, obwohl die Leute ihn brauchen“. Deshalb steht für den Hausarzt fest: „So wie es im Augenblick läuft, geht es nicht.“ Und Michael Oertel betont: In dieser Frage gebe es in der Stuttgarter Ärzteschaft „an der Basis keine zwei Meinungen“.