Kritik: Axel Ranisch inszeniert an der Staatsoper Stuttgart Mit dem Joystick in die Märchenoper

Von Susanne Benda 

Der Prinz, der nicht lachen kann (Elmar Gilbertsson), Chor, Truffaldino (Daniel Kluge) Foto: Matthias Baus
Der Prinz, der nicht lachen kann (Elmar Gilbertsson), Chor, Truffaldino (Daniel Kluge) Foto: Matthias Baus

Mit Sergej Prokofjews „Die Liebe zu den drei Orangen“ gelingt dem Regisseur Axel Ranisch an der Staatsoper Stuttgart intelligente Unterhaltung. Auch musikalisch ist der Abend ein großer Wurf.

Stuttgart - Klick. Enter. Serjoscha will noch nicht essen. Man sieht den Jungen nicht, man hört ihn nur sprechen. Nein, Papa, jetzt keine Tomatensoße, später vielleicht. Serjoscha sitzt vor seinem Computer. „Orange Desert III“ steht auf dem Bildschirm, der groß auf die Bühne des Opernhauses projiziert wird, und hätte es 1921 schon Computerspiele gegeben, so hätte sich Sergej Prokofjew sicherlich entflammt für das, was mit seiner Oper „Die Liebe zu den drei Orangen“ auch möglich ist. In Stuttgart gibt man sein Stück nämlich nicht nur in einer neuen deutschen Übersetzung von Werner Hintze, die um des Sprachflusses willen nur noch „Die Liebe zu drei Orangen“ heißt, sondern man verleiht Prokofjews Märchengroteske außerdem einen neuen, zusätzlichen Rahmen.

Das, könnte man denken, ist nun wirklich einer zu viel. Schließlich hat die Märchenoper, deren Libretto der Komponist nach einem Stück des Commedia dell’Arte-Dichters Carlo Gozzi selbst schrieb, schon zwei davon: Da sind zum einen zwei streitende Gruppen von Fans (der Komödie auf der einen, der Tragödie auf der anderen Seite), und da sind des weiteren eine gute und eine böse Macht, die von zwei Magiern beherrscht werden – hier Celio, dort Fata Morgana. Der Regisseur Axel Ranisch fügt jetzt noch die Computerspiel-Ästhetik der 90er Jahre hinzu. Und, o Wunder: Der dreifache Rahmen fügt sich nicht nur schlüssig in das vielfach verschränkte Bühnengeschehen ein, sondern baut immer wieder Brücken zwischen den Ebenen, macht aus dem grotesken Märchenstück ein durchaus schlüssiges Fantasyspektakel. Er hebelt schließlich auch die Plattheit des Irgendwie-Happyends ein wenig aus. Und er hält das Gefühl des Virtuellen, Herbeifantasierten über zwei Stunden hinweg aufrecht. Eine tolle Idee.

Das beginnt mit grobpixeligen Videoprojektionen, setzt sich fort in einem Bühnenbild (Saskia Wunsch), das erst das Innere eines Schiffswracks darstellen soll, dann eine Wüste. Dass Vorhänge, Prospekte und Requisiten abstrakt sind, grob und meist gerade mal zweidimensional, korrespondiert mit den Figuren des Stücks, die (im Gegensatz zu manchem durchaus psychologisch begründbaren Handlungsstrang) ebenfalls flach bleiben: Spielfiguren, lustig, aber als Charaktere uninteressant. Für reichlich Lacher im Publikum sorgt auch die allmähliche Verwicklung des computerspielenden Serjoscha (Ben Knotz vom Kinderchor der Oper) in das Bühnengeschehen – bis hin zu jenem Moment, in dem sich die (von einem Bass, Matthew Anchel, gesungene) böse Köchin im Stück als Vater des Jungen entpuppt.

Alles ist möglich, sogar das Absurdeste

Erstaunlich: Durch den Zuwachs an Ebenen und damit an Komplexität wird das Komplizierte nicht etwa noch komplizierter, sondern einfacher. Die Geschichte um den manisch-depressiven Prinzen, der sein Herz absurderweise an drei Südfrüchte verliert und am Ende tatsächlich eine von ihnen (abrakadabra: die verzauberte Prinzessin Ninetta) zur Frau erhält, bekommt neues Tempo und Energie. Das liegt mit daran, dass Serjoscha nicht etwa auf die Seite der Guten, sondern auf die der Bösen schlägt. Außerdem hat es mit den virtuellen Welten von Ranischs Computerspiel-Rahmen zu tun: Sie sorgen dafür, dass man selbst aberwitzigste Handlungsvolten als durchaus möglich akzeptiert.

Dafür sorgt auch die Musik, in der Prokofjew vor allem mithilfe der Instrumentierung jeder Szene ein eigenes Kolorit verleiht. Der Dirigent Alejo Pérez hat mit dem Staatsorchester nicht nur jene Prägnanz erarbeitet, die das Stück unbedingt braucht, sondern sorgt auch für die klangfarbliche Grundausstattung auf der Szene. Impressionistische Momente, Phrasen voller bizarrem Witz und bissiger Ironie gehen Hand in Hand mit einer sehr feinen Begleitung der Sänger-Deklamation. Die Akteure auf der Bühne können sich auf das Orchester verlassen, und vielleicht wirken sie auch deshalb durchwegs so überzeugend: weil sie hier sowohl Raum haben als auch Sicherheit.

Gesungen wird auf hohem Niveau

Es gibt keinen Solisten, der falsch besetzt wäre oder gar abfiele. Neben guten Sängern – Goran Juric als König, Michael Ebbecke als Celio, Carole Wilson als wirkungsvoll zickiger Fata Morgana, Aytaj Schikhalizade als Linetta, Fiorella Hincapié als quirliger Nicoletta und Smeraldina und Shigeo Ishino als wundervoll widrigem Leander – gibt es lediglich besonders gute. Zu ihnen zählen der auch darstellerisch hinreißende Elmar Gilbertsson als heldentenoral glänzender Prinz (mit einigen wenigen Erschöpfungsmomenten nach der Pause), Daniel Kluge als stimmlich wie spielerisch unglaublich agiler Truffaldino und Johannes Kammler als Pantalone; Esther Dierkes als Ninetta ist ein Sopran-Traum: klar, sicher bis in sauber intonierte Höhen.

Bei ihrem tiefen Eindringen in die Rollen helfen den Sängern auch die fantasievollen, sehr indivuduell gestalteten Kostüme, die Bettina Werner und Claudia Irro entworfen haben. Sie sind mit verantwortlich für den großen Augenspaß, den Prokofjews Stück an diesem Abend bereitet.

Man verlässt die Aufführung lächelnd, vielleicht auch lachend, und mit einem Kopf voller Bilder. Emotionen indes sind nicht dabei. Das liegt am Stück selbst, an seinen Charakteren, aber auch an der Musik, die bis auf den berühmten Marsch nichts Eingängiges enthält. „Die Liebe zu den drei Orangen“ ist eine lustige, ironische, gut gemachte Oper, aber auch ein kühles Stück ohne Wahrhaftigkeit und Leidenschaften. Berührt wird man nicht, aber gut unterhalten, zumindest jetzt in Stuttgart. Und die Moral von der Geschicht’? Im Spiel ist alles möglich. Mehr nicht. Exit. Game over.

Nochmals am 5., 14., 17., 19. Dezember und 4., 11. Januar

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