Nach der Sparankündigung des Stuttgarter Oberbürgermeisters meldet sich die Diakonie Stetten deutlich zu Wort – und schlägt einen anderen Weg vor.
Wer sparen will, muss Klartext reden. Das scheint das Motto von Frank Nopper zu sein. Gegenüber unserer Zeitung – Titel: „Abschied vom Schlaraffenland“ – hatte der Stuttgarter Oberbürgermeister Einsparpotenziale auch im Bereich der Eingliederungshilfe angedeutet. Also bei Leistungen für Menschen mit Handicap. Diese Wortwahl sorgt nun für heftige Kritik.
Der Vorstandsvorsitzende der Diakonie Stetten (Rems-Murr-Kreis), Dietmar Prexl, hält die „Schlaraffenland“-Rhetorik nicht nur für unsensibel, sie lenke die Debatte in auch eine gefährliche Richtung. Prexl: „Die ‚Schlaraffenland‘-Metapher greift in dieser Debatte völlig fehl.“ Sie verschiebe den Fokus weg von strukturellen Verwaltungsproblemen hin zu einer Diskussion über angebliche Überversorgung – auf dem Rücken der Schwächsten.
Behindertenbeauftragte Welsch: Weit von Schlaraffenland entfernt
Noppers Äußerung reihe sich ein in eine Serie zugespitzter Statements aus der baden-württembergischen Kommunalpolitik, so die Diakonie. Auch bei einer gemeinsamen Pressekonferenz der Oberbürgermeister von Tübingen, Ludwigsburg, Schwäbisch Gmünd und Esslingen sei zuletzt über Einsparungen im sozialen Bereich gesprochen worden.
Auch die Landes-Behindertenbeauftragte Nora Welsch nennt die Kritik der Bürgermeister aus der Region eine „sprachliche Entgleisung“. Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen fühlten sich insbesondere von Noppers Schlaraffenland-Aussage brüskiert und abgewertet. „Ihre Lebensrealität ist weit von einem Schlaraffenland entfernt“, sagt sie.
Statt Kürzungen: Prexl fordert digitale Reform der Verwaltung
Dietmar Prexl belässt es nicht bei der Kritik – er legt konkrete Vorschläge vor. Wenn ernsthaft gespart werden solle, müsse die Stadt an veraltete Prozesse ran, nicht an soziale Leistungen: „Der schnellste Sparhebel liegt in Standards und Digitalisierung.“ Gemeint sei damit eine voll digitalisierte, durchgängig medienbruchfreie Verwaltung – statt papierbasierter und uneinheitlicher Prozesse, wie sie in der Eingliederungshilfe vielerorts noch üblich seien.
Schon jetzt seien Strukturreformen möglich, so Prexl, wenn Verwaltung, Kommunen und Träger gemeinsam handeln. „So bleibt Teilhabe verlässlich, und die Verwaltung wird spürbar entlastet.“ Ein pauschaler Sparkurs, der Menschen mit Behinderung rechtfertigen lasse, warum sie Unterstützung brauchen, sei der falsche Weg.
#NichtamMenschensparen: Ein Hashtag mit Haltung
Mit dem Hashtag #NichtamMenschensparen setzt die Diakonie Stetten ein klares Zeichen gegen Kürzungsrhetorik – und für eine Debatte mit Augenmaß. Hinter diesem Vorstoß steht eine Institution mit Tradition und Haltung. Die 1849 gegründete Diakonie Stetten begleitet mit rund 4000 Mitarbeitenden Menschen mit verschiedensten Unterstützungsbedarfen – von Stuttgart bis in den Ostalbkreis. Ihr Ziel: Inklusion nicht nur predigen, sondern konkret ermöglichen.
Prexl bietet OB Nopper den Dialog an: Die Diakonie sei bereit, mit der Stadt sofort an klaren Standards, Vereinheitlichungen und digitalen Abläufen zu arbeiten.
Denn eins sei klar: Menschen mit Behinderung lebten nicht im Schlaraffenland – sie kämpften jeden Tag für Teilhabe und Würde. Und das sollte auch in der Sprache sichtbar sein.