Während ein Hochwasserdamm die Gemeinde Reichenbach schützt, fordern von den Fluten Betroffene in Hochdorf endlich effektivere kommunale Bauwerke.
Ganz unterschiedlich haben die Menschen in den Nachbarkommunen Hochdorf und Reichenbach das jüngste Hochwasser erlebt. Während in Reichenbach nur wenige Keller betroffen waren, wurden in der Hochdorfer Ortsmitte Erdgeschosswohnungen, Tiefgaragen und Gewerbebetriebe geflutet.
Hochwasser in der Ortsmitte
„Wir fühlen uns wie das Hochwasserrückhaltebecken von Hochdorf“, sagt Sascha Baumann, der eine Wohnung in der Bachstraße 7 besitzt. Bereits zum dritten Mal in wenigen Jahren sind dort die Häuser Nummer 3 bis 9 vom Hochwasser stark betroffen. Die gemeinsame Tiefgarage ist am Sonntagabend bis unter die Decke voll gelaufen, der Wasserdruck hat laut einem Anwohner Löcher in Tiefgaragenwände gebohrt, Türen verbeult, und vermutlich ist in mehreren Gebäuden die Heizung erneut defekt. Nach dem letzten Hochwasser 2018 wurde eine nagelneue Pelletheizung eingebaut.
Während Bürgermeister Gerhard Kuttler an die Selbstverantwortung der Eigentümer bei Hochwasser erinnert, fragt Anwohnerin Maren Hornbach: „Wie sollen wir bei solchen Wassermengen unser Eigentum schützen?“ Das sei nicht nur die Aufgabe der Bürger, erklärt sie und lobt den unermüdlichen Einsatz von Feuerwehr und Helferinnen und Helfern. „Der Bürgermeister muss mehr Druck machen“, fordert Eigentümer Thorsten Gotthardy und Baumann ergänzt: „Die Gemeinde und das Regierungspräsidium müssen den Hochwasserschutz endlich in Angriff nehmen, die Leute sind am Ende mit den Nerven und vorher pleite, bevor ein effektiver Schutz erreicht ist.“
Ein Frühwarnsystem wurde installiert
Der Bürgermeister verweist seinerseits auf das neue Retentionsbecken in den Hofäckern und einen Zeitgewinn für Eigentümer, um Schutzmaßnahmen anzubringen seit der Verbesserung des Einlaufwerks am Tobelbach. Außerdem sei an Tobel- und Talbach ein Frühwarnsystem für hohe Pegelstände eingerichtet worden.
2018 habe der Schaden der besagten Anlieger rund eine Million Euro betragen, berichten Betroffene, die mühsam Schlamm und Müll entfernen. In mehreren Gebäuden in der Bachstraße wurden Fluttore und Spundwände für Tausende von Euro installiert. Diesmal lief das Wasser trotzdem in die Tiefgaragen und in mehrere Erdgeschosswohnungen. Die Angst vor dem Wertverlust und dem Versicherungsschutz geht um. Seit 2018 sei außerdem die Selbstbeteiligung stark gestiegen, berichten Betroffene.
„Alle Möbel sind kaputt, genauso wie 2018“, klagt ein Bewohner im Erdgeschoss von Haus Nummer drei. Der Boden in der Wohnung von Wladimir und Valentina Gening ist dunkel vom trockenen Schlamm, das Wasser stand fast zehn Zentimeter hoch, es riecht feucht. Auf der Straße türmen sich kaputte Küchenmöbel, Betten und Sofas in den Containern. Ihren Tee kochen Genings mangels Strom auf einem Campinggaskocher. Der Elektroscooter der kranken Frau hat einen Wasserschaden. Übergangsweise sollen sie in einem Container der Gemeinde wohnen. „Letztes Mal hat es elf Monate gedauert, bis wir in die Wohnung zurück konnten. Das ist eine unglaubliche Katastrophe“, sagt der Rentner matt. Jetzt suchen sie endgültig eine neue Bleibe.
Die Mühle stand unter Wasser
Auch den Müller Jürgen Zinßer hat es schwer erwischt. Allen Vorkehrungen zum Trotz sei das Wasser mit ungeheurer Wucht und großem Tempo in die Mühle und das Versandlager geschossen. Die Ladentür wurde aufgedrückt, Motoren und Vorräte sind nun defekt. Zinßer rechnet mit mindestens 150 000 Euro Schaden und zwei bis vier Wochen Produktionsstillstand. Seine Vorräte wolle er aber weiter abverkaufen.
Komplett geschlossen bleibt das Caféle von Barbara Dobler-Miller in der Kirchheimer Straße. Sie sei noch wie gelähmt, erklärt die Floristin unter Tränen beim Blick auf die nassen Wände und Möbel. Im Oktober möchte sie wieder öffnen können.
Reichenbach ist weitgehend verschont geblieben
Ohne den Hochwasserdamm „wäre Reichenbach wieder abgesoffen, an Pfingsten und auch jetzt am Wochenende“, davon ist Axel Kuhn überzeugt. Er wohnt in der Gerberstraße, just in dem Bereich, in dem in der Vergangenheit der Reichenbach immer wieder über seine Ufer getreten ist. 2007 und 2009 war das der Fall, heuer lief es besser. Das Wasser sei nicht so stark angestiegen wie befürchtet, sagt Kuhn. Die Feuerwehr hatte zwar sicherheitshalber mobile Stahlelemente in die Lücken der Mauer zum Reichenbach eingesetzt; diese wurden aber letztlich nicht erreicht.
Dass es so gut lief, sei nicht etwa Glück gewesen, sondern das Ergebnis von Kommunalpolitik, betont der Reichenbacher Hauptamtsleiter Siegfried Häußermann. Sowohl dem Bürgermeister als auch dem Gemeinderat sei der Hochwasserschutz sehr wichtig, wie der Bau des Damms im Reichenbachtal belege. Dieser hat auch nach Einschätzung des Feuerwehr-Kommandanten Mario Dagott wesentlich zur Entschärfung der Lage beigetragen, wie Dagott am Montag, nach 30 Stunden im Dauer-Einsatz, bestätigte.
Sobald der Reichenbach eine kritische Durchflussmenge erreicht, schließen die Stauklappen am Damm und lassen nur noch so viel Wasser durch, wie das Bachbett verkraftet. Der Rückstau habe am Wochenende gut zehn Prozent des maximalen Stauvolumens hinter dem Damm erreicht, so Dagott. Wäre der Bach unkontrolliert geflossen, wäre man durchaus in den kritischen Bereich gekommen, „wo das Wasser auch schon übertreten kann“.
Zweiter wichtiger Faktor sei das Frühwarnsystem, das in Reichenbach an den verschiedenen Bächen installiert wurde: Auch diese Pegel machen automatisch Meldung, wenn kritische Werte erreicht werden. Dann greifen die Alarmpläne und es werden beispielsweise Sandsäcke vorbereitet oder Bagger bereitgestellt. „So können wir Maßnahmen mit einem guten Vorlauf einleiten, das hat sich sehr bewährt“, erklärt der Kommandant. Das funktioniere zumindest bei langanhaltendem Regen, bei starken Unwettern ist es schwieriger.
Eigentümer sind in der Pflicht
Über die Ufer getreten ist die Fils, was aber keine Folgen für den innerörtlichen Bereich hatte. „Wir haben drei Nächte lang Rekordhochs gehabt“, berichtet Dagott. Erreicht worden seien Werte eines 50-jährlichen Hochwassers oder sogar noch darüber. Die Feuerwehr hat mit Absperrband Uferwege gesperrt, damit Spaziergänger oder Schaulustige sich nicht in Gefahr bringen.
Insgesamt sei im Ort „viel Schaden verhindert worden“, ist Siegfried Häußermann überzeugt. Abgesehen von einer gesperrten Unterführung und Wasser in wenigen Kellern sei ihm nichts gemeldet worden. Der Hauptamtsleiter erinnert daran, dass auch die Eigentümer selbst verpflichtet sind, ihre Häuser zu schützen. Wer keine Rückstauklappe im Keller habe, solle das unbedingt ändern, mahnt er, sonst sei auch der Versicherungsschutz gefährdet.