Wenn es nach der Stadtverwaltung geht, soll aus dem Badezentrum Sindelfingen ein regionaler Bade-Hotspot werden – für rund 66 Millionen Euro. Bei den Gemeinderatsfraktionen stoßen die Pläne größtenteils auf Ablehnung.
Das Sindelfinger Badezentrum gilt schon jetzt als größtes Schwimm- und Familienbad in der Region Stuttgart. Schwimmen, Rutschen, Saunieren, im Freibad auf der Liegewiese entspannen – für Schwimmbadbegeisterte ist hier einiges geboten. Die Stadtverwaltung möchte mit dem Bad zukünftig aber noch höher hinaus.
Das Schwimmbad in der Hohenzollernstraße soll zu einem regionalen Bade-Hotspot ausgebaut werden. Mehrere Rutschen, ein Wellen- und Erlebnisbecken, eine Saunalandschaft und ein Parkhaus sind angedacht. Das bei den bahnenziehenden Schwimmern geschätzte 50-Meter-Becken soll erhalten bleiben. Der Umbau muss allerdings einhergehen mit der Sanierung des rund 50 Jahre alten Bestandsgebäudes. Und die kommt nicht zum Nulltarif – im Gegenteil. Nach jüngsten Schätzungen sollen die Grundsanierung und die Aufwertung des Bads mit Schwimm-, Familien- und Wellnessbereich rund 66 Millionen Euro kosten. 35 Millionen hatte der Gemeinderat 2019 als Rücklage zugestimmt. Für weitere 31 Millionen müsste eine Finanzierungsquelle gefunden werden. Die vor Jahren angestellten Überlegungen, einen privaten Investor ins Boot zu holen, waren erfolglos – auch weil der bevorzugte Investor, „Bäderkönig“ Josef Wund, bei einem Flugzeugabsturz 2017 starb.
Grüne sperren sich gegen das Umbauprojekt
Nun formiert sich Widerstand aus den Gemeinderatsfraktionen gegen die Planungen. Die Kritik: zu teuer, zu hoch im Energieverbrauch. Grünen-Stadtrat Uli Hensinger hält das Vorhaben für überdimensioniert: „Wir sind dagegen und halten das Ganze angesichts steigender Baupreise und der Energiefrage für nicht zeitgemäß.“ Den Wettbewerbsprozess, der mehr als 300 000 Euro kostet, würden die Grünen gerne abgebrochen sehen. Vielmehr favorisiere man eine Grundsanierung inklusive einer „Attraktivierung“. Sorgen bezüglich der Sozialverträglichkeit und des hohen Kostenvolumens formuliert Richard Pitterle (Die Linke): „Wir hätten der Verwaltung gerne Fragen zur Wirtschaftlichkeit gestellt. Auch wie sicher gestellt werden kann, dass sich eine Familie mit drei Kindern den Eintritt noch leisten kann. Bevor offene Fragen beantwortet wurden, wurde der Wettbewerb losgetreten.“
Ähnlich den Grünen argumentiert auch die FDP. Stadtrat Max Reinhardt: „Wir sprechen uns gegen das Konzept aus, auch wenn die finanzielle Lage durch steigende Gewerbesteuereinnahmen und eine Liquidität von 250 Millionen Euro besser aussieht, als gedacht. Wir hätten keinen Spielraum für Aufgaben wie Klimaschutz, Wohnraum oder Bildung. Wir können uns ein Vorhaben in dieser Größenordnung nicht ans Bein binden.“ Über den Kostenrahmen hinaus kritisieren die Liberalen auch die Verkehrsbelastung, die durch einen regionalen Bade-Magneten zunehmen würde. „Es würde ein falsches Signal aussenden. So etwas ist nicht vermittelbar“, bekräftigt Reinhardt.
Mehr Infos, bessere Kommunikation gefordert
Auf derselben Welle reitet auch die SPD. Axel Finkelnburg, Fraktionsvorsitzender, sagt: „Meine Meinung ist, wir brauchen ein so teures Spaßbad nicht. Für die Sanierung wurden 35 Millionen zur Verfügung gestellt.“ Während die Position des Fraktionschefs feststeht, wünschen sich seine Fraktionskollegen noch mehr Zahlenwerk, um sich ein Urteil zu bilden.
Letzteres sieht die CDU ähnlich. „Erst wenn wir eine Grundlage haben, können wir uns ein klareres Bild machen. Der Wettbewerb kann dabei helfen“, findet Walter Arnold, CDU-Fraktionschef. Auch wenn seine Fraktion der Aufwertung des Badezentrums grundsätzlich offen gegenübersteht, betont Arnold: „Es gibt drei Knackpunkte: Die Kosten, die Energie und das Soziale. Wenn es finanziell den Rahmen sprengen und kein Konzept auf regenerativer Energienutzung geben sollte, sind auch wir skeptisch.“
Für Dorothee Kadauke (Freie Wähler) wäre ein privater Finanzinvestor die bevorzugte Wahl. Dafür könnte auch eine städtische Tochtergesellschaft gegründet werden – ähnlich der Stadtwerke. Sie wünscht sich eine solidere Entscheidungsbasis: „Wir hätten gerne mehr Informationen. Wir alle sollten das ursprüngliche Ziel im Kopf behalten: den Abmangel, den das Bad produziert, verringern.“ Sie, wie übrigens auch alle anderen Gemeinderatsfraktionen, könnte sich eine Bürgerbefragung vorstellen. „Auch dafür braucht es den Ideenwettbewerb. Nur so könnten sich die Bürger ein Bild von der Thematik machen können“, merkt Kaudauke an.
Stadt will an Ideenwettbewerb festhalten
Für Christian Gangl, Erster Bürgermeister, steht fest: „Die Stadt setzt den Beschluss des Gemeinderats um. Das beinhaltet auch einen Wettbewerb. Diesen sollten wir auch abwarten, denn dann haben wir alle Fakten auf dem Tisch und können im Gemeinderat diskutieren. Am Ende obliegt es auch dem Gremium zu entscheiden, welchen Weg wir gehen.“ Wichtig, so Gangl, sei zu sagen: „Auch bei einer umfangreichen Erweiterung des Badezentrums würden Eintrittspreise für die Schwimm- und den Familienbereich moderat und die Energiefrage mit Fachleuten analysiert werden.“
Ob die Stadt die sich bildende Gegenfront damit überzeugen kann, scheint schwieriger denn je. Sicher ist nur, dass das Streitthema bei der nächsten Gemeinderatssitzung im Oktober Gesprächsgegenstand werden wird.
Sindelfinger Mammutprojekt
Beschluss
2019 beschließt der Gemeinderat, dass die Stadt die Variante, die bestehende Schwimmhalle zu sanieren und mit einer Familien- und Saunawelt aufzurüsten, auf ihre Umsetzbarkeit prüfen soll.
Konzept
Neben einer Sportwelt mit dem 50-Meter-Schwimmerbecken soll es nach dem Plan der Stadt eine Familien- und eine Saunawelt geben. Ein Ideenwettbewerb soll weitere Daten und Fakten ergeben.
Kosten
Insgesamt stehen derzeit rund 66 Millionen Kosten für Sanierung und Aufrüstung des Bads im Raum. 35 Millionen Euro sind vom Gemeinderat bereits als Rücklage akzeptiert. Weitere gut 30 Millionen fehlen noch.
Debatte
Ein Großteil der Gemeinderatsfraktionen lehnt das ambitionierte Konzept als überdimensioniert ab. In diesem Fall müsste das Projekt abgespeckt werden.