Die Grünen kritisieren die Idee, Oper und Ballett während der Sanierung des Littmannbaus ins Forum am Schlosspark in Ludwigsburg zu verlagern. Die CDU kann sich das vorstellen.
Die Stadt Stuttgart hat am 3. März den Baubeginn für das „Maker City“ getaufte Kreativquartier im Stuttgarter Bahnhofsgebiet Rosenstein angekündigt. Im September beginne „die Phase, in der aus langjährigen Planungen sichtbare Realität wird“. Ein zentrales Teilprojekt sei die Interimsoper. Dort finden nach den bisherigen Plänen von Land und Stadt die Württembergischen Staatstheater Unterschlupf während der auf etwa zehn Jahre angesetzten Renovierung des Littmannbaus im Schlossgarten. Während im Nordbahnhofquartier die Flächen vollständig freigemacht werden und man die Erschließung des Geländes vorbereitet, ist vor dem Hintergrund der desolaten Finanzlage Stuttgarts mit nur einem Telefonat eine kontroverse Debatte um diesen Standort in Gang gekommen.
Der Ludwigsburger OB Matthias Knecht (parteilos) hat seinem Stuttgarter Amtskollegen Frank Nopper (CDU) vorgeschlagen, sein Forum am Schlosspark könnte Oper und Ballett vorübergehend aufnehmen. Voraussetzung dafür wäre aber dessen Sanierung. Deren Finanzierung, so ist anzunehmen, sollte mithilfe des Landes gestemmt werden. Nopper hat den Telefonhörer nicht sofort aufgelegt, sondern diese „abstrakte Idee“ in die Kategorie „ernsthafter Vorschlag zur Kostenreduzierung und Optimierung“ eingestuft und eine „Plausibilitätsprüfung“ angekündigt. Die Stadtoberhäupter haben einen Termin beim Land beantragt, am 24. März will man das marode Forum jenseits der Stadtgrenze unter die Lupe nehmen.
Grüne Fraktionschefin: „OB Nopper irrlichtert wieder einmal“
Im Stuttgarter Gemeinderat wird der Vorstoß mehrheitlich abgelehnt, das hat eine Umfrage unserer Zeitung ergeben. Am deutlichsten gegen diese Idee haben sich die Grünen und SÖS-Linke-Plus ausgesprochen. Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Petra Rühle zeigt sich „mehr als verwundert“. Dieses erneute Infragestellen bereits getroffener Beschlüsse, ohne jegliche fachliche Expertise, schaffe nur neue Unsicherheit und sei kontraproduktiv. „OB Nopper irrlichtert wieder einmal mit einer unausgegorenen Idee aus der Mottenkiste herum.“ Auf eine solche Idee könne nur kommen, „wer die Bedeutung von Kunst und Kultur verkennt und diese nur als einen lästigen Kostenfaktor sieht, den man am liebsten schnell loswerden möchte“. Hannes Rockenbauch (SÖS) kritisiert ein „fahrlässiges und stümperhaftes Vorgehen“, weil man sich stets sinnvollerer Alternativen wie dem Paketpostamt im Rosensteinpark verweigert habe.
Die Grünen sehen keine Veranlassung, die Planung für die Interimsoper in der Maker-City zu unterbrechen oder grundsätzlich in Frage zu stellen. Das gesamte Viertel baue auf den Planungen zur Interimsoper auf. „Die völlig unausgegorene Idee einer ,Ausgemeindung‘ als angeblichen Einsparvorschlag zu präsentieren, ist der absolut falsche Weg.“
Wie Hannes Rockenbauch fragt sich auch Rühle, wo in der Zwischenzeit die in dieser Zeit die dann nicht benötigten Mitarbeitenden der Staatstheater unterkommen sollen, da im Ludwigsburger Forum am Schlosspark, das eine reine Gastspielstätte ist, kein Bedarf an aufwendigen Kulissen bestehen dürfte. Insgesamt arbeiten 1400 Personen im Drei-Sparten-Haus (Oper, Ballett, Schauspiel). Beide verweisen auch darauf, dass der Gemeinderat erst vor wenigen Monaten die Weiterplanung für den Neubau von Dekorationswerkstätten auf dem Gelände der ehemaligen Zuckerfabrik in Bad Cannstatt beschlossen hat, wo sich bereits das Kulissenlager befindet. „Wie soll der Transport der Kulissen von Bad Cannstatt nach Ludwigsburg funktionieren?“ fragt Petra Rühle. „Davon abgesehen, dass Oper, aber auch Ballett, spezielle bauliche Anforderungen haben, und eben mal nicht so einfach für ein Jahrzehnt in einem Gebäude untergebracht werden können, das überhaupt nicht dafür konzipiert wurde.“ Nicht ohne Grund seien solche Ideen bereits verworfen worden.
Schaden für Tourismus befürchtet
Für Grüne und Linke stellt sich zudem die Frage, ob die Stadt Stuttgart mit dieser Idee Geld spare. Sie bezweifeln, dass Ludwigsburg den hälftigen Anteil des jährlichen städtischen Zuschusses von 50 Millionen Euro für die Staatstheater übernehmen würde. OB Nopper werfen die Fraktionen vor, dass er nicht nur Oper und Ballett abgeben würde, „sondern auch die Strahlkraft dieses kulturellen Leuchtturms, ebenso wie die positiven Effekte auf Tourismus, Gastronomie sowie Hotel- und Gaststättengewerbe“.
„Sorry, ich halte davon nichts“, meint FDP-Fraktionschef Matthias Oechsner. Die Staatstheater gehörten zwingend in die Landeshauptstadt, das gelte auch für die Interimsoper. Es wäre fraglich, ob diese Alternative Vorteile für Land und Stadt brächte. Außerdem sei der Vorschlag schon einmal aus gutem Grund verworfen worden.
Thorsten Puttenat von der Puls-Gruppe bezeichnet die Idee als „gegenstandslos und nicht diskutabel“. Das Ergebnis der damaligen Prüfung des Standorts Ludwigsburg habe auch heute Bestand. Er sei ungeeignet. Puttenat erstaunt aber angesichts der dramatischen Finanzlage der Stadt der Hinweis Noppers, es bestehe kein Anlass, die Interimsoper in der Maker City zu stoppen. Dabei seien die Beschlüsse von Land und Stadt zu diesem Standort mittlerweile auch nicht mehr vermittelbar. Man lehne deshalb diesen Vorschlag ebenfalls ab.
CDU offen für den Vorschlag aus Ludwigsburg
Die CDU dagegen, die ebenfalls für das Kulissenlager auf dem Cannstatter Zuckerfabrikgelände gestimmt hat, „begrüßt es sehr, wenn die Größe und die geforderten Standards für die Interimsoper noch einmal sehr kritisch hinterfragt und dann auch reduziert werden“. Das meint Fraktionschef Alexander Kotz unabhängig davon, ob dafür ein Interimsbau an den Wagenhallen erstellt werde – oder ob nach einer Reduzierung andere Standorte möglich würden. Sollte das jenseits der Stadtgrenzen sein, „könnten wir uns auch dies vorstellen“, so Kotz. Natürlich müsste dann aber mit der Kommune über die Abschöpfung der dort zu erwirtschafteten Erlöse durch Gastronomie, Handel und das gesteigerte Image gesprochen werden, um den Betriebskostenanteil der Stadt Stuttgart auszugleichen.
SPD und Freie Wähler aufgeschlossen
Die Freien Wähler und die SPD hat der Vorstoß aus Ludwigsburg überrascht. Die Genossen halten ihn gleichwohl „für einen interessanten Debattenbeitrag“, warten aber noch auf die von der Projektgesellschaft zu erbringenden Einsparungsvorschläge. Je nach deren Ergebnis müsste man auch über andere Optionen nachdenken, sagt Fraktionschef Stefan Conzelmann. Auch Rose von Stein verweist darauf, nichts Bewertbares auf dem Fraktionstisch zu haben. Der Vorschlag könne „aber gerne geprüft werden“.
Die AfD könnte gleich ganz auf eine Interimsoper verzichten, wenn man stattdessen eine neue Oper auf den frei werdenden Gleisflächen hinter dem Bahnhofsgebäude errichten würde. Der Littmannbau sollte, so Fraktionschef Michael Mayer, maßvoll renoviert werden, um ihn später als Veranstaltungsort zu nutzen.