Wie können die Probleme im Rettungsdienst gelöst werden? Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

An der Notfallversorgung in Baden-Württemberg gibt es viel Kritik – zu langsam, zu kompliziert. Doch die Änderungsvorschläge sind aus Sicht einer Notärztin aus Tübingen nicht immer zielführend. Sie erklärt, was aus ihrer Sicht getan werden muss.

Stuttgart/Tübingen - Nach der Kritik von Bürgerinitiativen, Experten und Mitarbeitern hat Innenminister Thomas Strobl Reformen im Rettungssystem in Baden-Württemberg angekündigt. Dazu gehören etwa besser vernetzte Leitstellen und die Einstellung von Ärztlichen Leitern, die die medizinische Fachaufsicht übernehmen. Es sind Reformen, auf die Bürgerinitiativen schon lange gedrängt haben. Einige ihrer Forderungen bleiben aber weiter bestehen: So plädieren die Bürgerinitiativen für eine öffentlich-rechtliche Trägerschaft des Rettungsdienstes.

Doch gerade diese Forderung sehen die Tübinger Notärztin und DRK-Präsidentin Lisa Federle sowie Martin Gneiting, stellvertretender DRK-Kreisgeschäftsführer, als bedenklich an. „Eine Kommunalisierung wird weder am Personalmangel noch an der Versorgung etwas ändern“, so Federle. Man müsse schauen, wo der Ursprung des Problems liege. Federle geht sogar einen Schritt weiter. Sie befürchtet, dass durch eine Kommunalisierung das ganze System aus ehrenamtlichen Helfern in Gefahr gerät: „Wenn alles aus einer Hand von oben bis unten durchorganisiert ist, dann verlieren wir den sozialen Charakter und zerstören die Freude am Ehrenamt.“

Statt sich auf Hilfsfristen – also die Zeit, die vergeht, bis die Retter nach einem Notruf eintreffen – zu versteifen, müsse man die Probleme im Ganzen sehen, sagt Federle. Die gestiegene Zahl der Einsätze sei so ein Problem. Dies liege daran, dass Hausärzte oft gar nicht mehr zu Patientenbesuchen aus ihren Praxen kämen. Auch der Anspruch an die medizinische Versorgung sei gestiegen. „Wenn sich jemand in den Finger schneidet, ruft er mittlerweile den Notarzt“, erzählt Federle aus ihrem Arbeitsalltag. So sei es wenig verwunderlich, dass mindestens 30 Prozent der Einsätze allein in Tübingen Fehleinsätze seien. Als Lösung nennt sie das Beispiel aus Frankreich oder der Schweiz. Hier sind Ärzte in den Leitstellen tätig, um vorab eine bessere Diagnose stellen zu können und den Patienten gegebenenfalls zum Hausarzt zu schicken.

Fehlende Krankentransporte sind ein Problem

Ein weiteres Problem sei der Personalmangel. „Der weggefallene Zivildienst ist sicher ein Grund dafür, dass es schwerer ist, junge Menschen auch dauerhaft für den Beruf zu begeistern“, so Federle. Auch hier kündigte Innenminister Strobl Neuerungen an. Er sieht das Problem jedoch nicht beim Nachwuchs und reagiert mit einer Aufstockung der Ausbildungskapazität. Für Federle ist allerdings klar: „Ohne die vielen ehrenamtlichen Helfer wäre es gar nicht möglich. Es sind nicht immer nur die schweren Unfälle oder Schlaganfälle. Rettungsdienst bedeutet viel mehr.“ Auch das viel diskutierte Thema der zu langen Hilfsfristen im Land sieht sie kritisch: „Das ist eine relative Größe. Mit einer eingehaltenen Hilfsfrist ist noch niemandem geholfen.“

In einem Kritikpunkt sind sich aber alle einig: es fehlen Krankentransporte. Das habe zwar nichts mit der Notfallversorgung an sich zu tun, wirke sich aber auf den Rettungsdienst aus. So zahlen die Krankenkassen eine bestimmte Anzahl an Transportwagen und rechnen diese auf 24 Stunden auf. „Wenn innerhalb von vier Stunden 40 Anmeldungen für einen Krankentransport eingehen, schafft man dies nicht mit 16 Wagen. Dann muss man den Dialyse-Patienten entweder vertrösten oder schickt eben einen Rettungswagen“, erklärt Federle. An der Übernahme von Krankentransporten verdiene das DRK nicht mehr, wie ihnen von den Initiativen vorgeworfen wird. „Ob wir 20 Einsätze fahren oder fünf spielt erst einmal keine Rolle“, so die Notärztin.

Gegen eine ärztliche Fachleitung auf Landesebene, wie sie Strobl schon für den Doppelhaushalt 2018/19 vorgesehen hat, sei auch nichts einzuwenden. Für Gneiting sei das sogar eine Verbesserung mit Blick auf das bereichsübergreifende Arbeiten von benachbarten Kreisen. „Es gibt keine einheitlichen Vorgaben für alle. Vor allem bei der Ausstattung der Rettungswagen wäre das aber wichtig.“ Federle mahnt jedoch, man dürfe nicht alle Themen rund um den Rettungsdienst in einen Topf werfen: „Wir brauchen unsere Handlungsfreiheit.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: