Besucher des Coachella Festivals. Foto: AFP/VALERIE MACON

Wird es in Kalifornien zum großen Stuttgart-Influencer-Showdown kommen? Eine Analyse zwischen Glitzer-Sommersprossen und moralischen Entscheidungen.

Es ist endlich wieder Coachella-Zeit. Eigentlich könnte einem das egal sein, wenn man in Sweatpants im Homeoffice in Suttgart-Süd sitzt und das Thermometer gerade mal acht Grad anzeigt. Regenwahrscheinlichkeit 25 Prozent um 14 Uhr. Egal, wir üben uns in Eskapismus, schließlich wurde dafür das Internet erfunden, oder?

 

Man müsste ein reicher Hippie sein

Mit mildem Kapitalismus europäischer Prägung hat Coachella wirklich nichts zu tun. In Kalifornien wird geklotzt: Die Preise für Dreitageskarten liegen zwischen 549 und 649 US-Dollar, VIP-Pässe gibt es ab 1.199 Dollar. Wer das Festival besucht, gibt einer Studie zufolge durchschnittlich 2.500 Dollar aus. Insgesamt sorgt der Tourismus rund ums Festival für einen Umsatz von mehr als vier Milliarden Dollar pro Jahr – und das in einer Gegend, in der im Sommer gerade mal 200.000 Menschen leben.

Das Coachella-Festival existiert seit 1999. Doch der Mythos der entspannten Coolness in der Wüste reicht viel weiter zurück: Bereits in den 1950er-Jahren suchten Hollywoodstars dort Zuflucht – einen Ort, an dem sie sich nicht so verhalten mussten, wie es die mächtigen Filmstudios von ihnen verlangten und vertraglich festlegten, sondern so sein konnten, wie sie wirklich wollten.

Alles für die Gen-Z-Zielgruppe

Inzwischen ist das Coachella zwar ein riesiges Musikfestival, doch die Künstlerinnen und Künstler spielen eine immer kleinere Rolle. Es sind Brands, die in der Kalifornischen Wüste den Ton angeben. Obwohl es das Festival bereits seit 27 Jahren gibt, erreichte es etwa 2016 einen kommerziellen Wendepunkt: Von da an wurde es zur obersten Priorität, gezielt Influencer anzusprechen und alles möglichst „instagrammable“ zu gestalten. Premium-Marken investieren zweistellige Millionenbeträge in Coachella-Events, um die Gen-Z-Zielgruppe zu erreichen – mit exklusiven Partys, Pop-ups und immersiven VIP-Erlebnissen auf dem Festivalgelände.

This is unterwegs in California

Und das zieht auch Stuttgarter Influencer an. Seit vergangener Woche sind die beiden Creatorinnen Yules, die mit bürgerlichem Namen Yulia Slavinskaya heißt und die Influencerin Jasmin Rasmussen, die den Account „unterwegs mit Jasmin“ betreibt, in Kalifornien unterwegs. Ja, genau die zwei, die sich noch vor zehn Tagen in den sozialen Netzwerken wegen Ideenklau vor einem Millionenpublikum in die blonden Haare gekriegt haben. Im Internet werden nun die großen Fragen gestellt: Wird es auch unter der kalifornischen Sonne zu Plagiatsfällen kommen? Wer wird welche Insidertipps klauen? Und gibt es überhaupt genug Content für alle?

Reise-Influencerin Yules aus Stuttgart. Foto: Y. Slavinskaya

Doppelmoral statt Moral?

Doch Spaß beiseite, schon bevor sich das ikonische Riesenrad in Palm Springs drehte, hagelte es Kritik an Yules. Das Festival wäre nicht nachhaltig (wie sollte das auch jemals möglich sein), war noch einer der harmloseren Kritikpunkte, der unter ihrem Rechtfertigungsclip auf Instagram und Tiktok kommentiert wurde. Yules erklärt in dem Video, dass sie nicht mit dem „besten Gefühl aller Zeiten“ hingehen würde und warum sie sich trotzdem (Trump, Krieg, Krise) für das Festival entschieden hat.

Kurz zusammengefasst: Wenn man nun schon nicht mehr aufs Coachella darf, dann darf man aber auch kein Netflix streamen oder Sabrina Carpenter hören. Und keine Coca Cola trinken. Und andere Reiseziele könne man mit einer erhöhten Moral ja auch gleich von seiner Bucket List streichen.

Kommt es zum Showdown der beiden Influencerinnen?

So einfach, so inhaltslos. Anders als Yulia Slavinskaya, die ihren Besuch in Kalifornien anscheinend für sich selbst rechtfertigen musste, geht ihre Content-Kollegin Jasmin Rassmussen mit Coachella recht sorglos um. Fröhlich und ohne einer Spur von Rechtfertigungsdruck oder unguten Gefühlen versorgt die junge Frau aus Öhringen ihr daheimgebliebenes Publikum mit den exakt gleichen und langweiligen Bildern wie alle anderen Content Creatoren vor Ort.

Riesenrad, Main Stage und Hippie-Looks statt toxischer Influencer-Kultur. Apropos, wird es in der Wüste oder spätestens am Flughafen in Los Angeles noch zu einem Showdown der beiden Influencerinnen kommen? Oder war alles von vornhinein abgesprochen und inszeniert? Zumindest wäre das mal eine Verschwörungstheorie, die irgendwie Spaß machen würde.

Wem das nun alles zu viel ist und das Festival lieber ohne Influencer-Zirkus von zu Hause aus miterleben möchte, kann die Shows übrigens auch live auf YouTube verfolgen. Auf dem offiziellen Coachella-Account werden die Auftritte für Fans gestreamt. Glitzer-Sommersprossen kann man schließlich auch bei Nieselregen in Stuttgart-Süd tragen.