Wir neigen zu dem Glauben, dass die Dinge so bleiben, wie wir sie gewohnt sind. Das ist ein Irrtum. Wo Freiheit, Demokratie und Humanität in Gefahr sind, hilft entschiedenes Handeln.
Die Debatte um das Gesprächsangebot eines Wirtschaftsverbands an die AfD hat einmal mehr offengelegt, wie naiv und – nicht nur im Fall der Familienunternehmer – fahrlässig die deutsche Gesellschaft dem Angriff auf Freiheit, Humanität und Wohlstand begegnet. Vielfach wird behauptet, die AfD nehme Themen auf, welche „die Menschen“ bewegten, die aber von „der Politik“ nicht hinreichend bearbeitet, womöglich gar nicht gesehen würden. Mit der Lösung der Probleme, so die These, verschwände auch die AfD.
Hinter dieser Erwartung verbirgt sich ein Optimismus, der fehlgeht. Das Interesse dieser mit dem rechtsextremen Milieu verbundenen Partei richtet sich nicht auf Problemlösung. Der Plan lautet, die liberale Demokratie zu zerstören, um eine autoritäre Herrschaft aufzubauen, deren strukturierendes Prinzip die vermeintliche Rassenzugehörigkeit ist. Herkunft – ob man sie nun biologisch oder kulturell definiert – wird als Schicksal begriffen. Historisch wurzelt die AfD mit solchen Vorstellungen in einer Rassenanthropologie, deren übelster Auswurf die NS-Ideologie war. Wissenschaftlich ist das Quatsch. Aber in Krisenzeiten verengen sich die Herzen, die Gedanken werden dunkel.
In ihrem destruktiven Bestreben ist die AfD, eingebunden in eine breite internationale Allianz von Demokratiefeinden, bereits zu weit gekommen, als dass sie mit strammen Sprüchen à la „einfach machen“ (CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann) noch einzudämmen wäre. Zumal die tatsächlichen Herausforderungen groß sind. Der Zusammenbruch des deutschen Exportmodells, Klimawandel, Migration, Demografie, Digitalisierung, dysfunktionale Verwaltung – solche und andere Probleme sind nicht mir nichts, dir nichts aus der Welt zu schaffen. Die AfD verfügt über die Kraft, die Polarisierung der Gesellschaft eigenständig voranzutreiben. Ihre willfährigen Instrumente sind Politiker und Wirtschaftsleute, die mit der AfD anbandeln, und Medien, welche der AfD als Lautsprecher dienen. Gegen diese Partei aber hilft nur rigorose Abgrenzung.
Der Versuch des Verbands der Familienunternehmer, die AfD in die Politik einzubeziehen, erinnert fatal an die Vorgeschichte der NS-Diktatur, als Stahlbarone und Agraradel wähnten, Hitler für ihre Zwecke einbinden zu können. Heute glaubt man, die AfD lasse sich als Mehrheitsbeschaffer für eine wirtschaftsfreundliche CDU-Minderheitsregierung einspannen. Dieses Unterfangen würde die Gesellschaft sprengen.
Aufschrei junger Seelen
Die Diagnose mangelnden Gefahrenbewusstseins erschöpft sich indes nicht auf den Umgang mit der AfD. Unsere Schwachstellen sind alle bekannt. Deshalb wird gesagt, wir hätten in Deutschland keine Erkenntnis-, sondern Umsetzungsprobleme. Hinzuzufügen ist: Wir haben ein Verdrängungsproblem. Davon zeugt zum Beispiel beim Thema Wehrpflicht der Aufschrei verletzter und empörter junger Seelen ob des unzumutbaren Eingriffs in ihr persönliches Selbstentfaltungsprogramm. Wohlstand mag zumindest für jenen Teil der Jugend, der ein reiches Erbe vor Augen hat, ein Selbstläufer sein. Freiheit ist es nicht. Die USA sind kein attraktiver Zufluchtsort mehr, und die Schweiz kann nicht alle Menschen aufnehmen, die sich’s auf Kosten anderer gut gehen lassen wollen. Hierzulande hat die ältere Generation sehr wohl Wehr- oder Zivildienst geleistet. Es kann keine Rede davon sein, die Alten würden die Jungen unziemlich belasten. Dass Baden-Württemberg jetzt zum neunjährigen Gymnasium zurückkehrt, ist in diesem Kontext fatal. Kommt die Dienstpflicht dazu, verlängert sich der Eintritt ins Arbeitsleben um zwei Jahre. Für die Sozialkassen ist das keine gute Nachricht. Auch dieses Problem war absehbar, wurde aber verdrängt.
Wir neigen zu dem Glauben, dass die Dinge so bleiben, wie wir sie gewohnt sind. Das kann sein, wahrscheinlich ist es nicht. Im Sommer schaute ich in Berlin im Strandbad Wannsee (eröffnet 1907) hinüber ans andere Ufer – dorthin, wo sich die Umrisse jener Villa abzeichneten, in der 1942 die „Endlösung“ vorbereitet wurde. Ich stellte mir vor: Wie hat sich das deutsch-jüdische Mädchen die Zukunft gedacht, die 1932 an dieser Stelle über den See blickte? Was ging der blonden, blauäugigen Mutter durch den Sinn, die 1935 ihre Buben beim Schwimmen bewachte? Die Zukunft kommt, ob wir wollen oder nicht.