Die Wochen vor Weihnachten entscheiden bei vielen Händlern, ob das Jahr gut oder schlecht wird – und wie lange sie noch die Läden öffnen können. Foto: dpa/Sebastian Kahnert

Der Einzelhandel in Stuttgart ist unter Druck – und das mitten im Weihnachtsgeschäft. Sabine Hagmann vom Handelsverband sagt: Immer mehr Händler bauen Stellen ab, die Preise steigen.

Die Verbraucherstimmung in der Region Stuttgart sei schlecht, klagt Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg (HBW). Für das umsatzträchtige Weihnachtsgeschäft bedeutet das nichts Gutes. Wird es noch mehr Schließungen geben? Und wie stark leidet die Vielfalt in der Stuttgarter Innenstadt?

 

Frau Hagmann, haben Sie Ihre Weihnachtseinkäufe schon gemacht?

Ja, aber ich kann es nicht verraten, weil es meine Tochter lesen könnte. Nur so viel: Es ist Elektronisches darunter, dazu kommen Lebensmittel und ein bisschen Textil.

Jahr für Jahr klagt der Handel über das maue Weihnachtsgeschäft, doch am Ende ist es doch nicht so schlecht. Wie ist es dieses Jahr?

Es ist schlimmer als im vergangenen Jahr. Die Menschen kaufen zurzeit noch kurzfristiger ein als ohnehin. Ich habe das Gefühl, dass es immer hektischer wird.

Ist die schlechte Verbraucherstimmung real oder herbeigeredet?

Leider real. In der Region Stuttgart belastet der Stellenabbau in der Automobilindustrie den Handel. Auch wer vom Jobabbau nicht betroffen ist, hält sich beim Einkauf oft zurück.

Wie hoch ist die Zahl der Insolvenzen?

Laut Statistischem Landesamt hat sich die Zahl der Insolvenzanträge im baden-württembergischen Einzelhandel 2024 im Vergleich zu 2023 von 88 auf 166 fast verdoppelt. Im ersten Quartal dieses Jahres stieg die Zahl weiter leicht an. Dazu kommen jene Händler, die das Geschäft einfach schließen, weil es sich nicht mehr lohnt.

Warum schließen so viele Händler ihre Läden?

Viele machen kurz vor der Rente die Läden dicht, weil sie keine Nachfolge finden oder sich der Weiterbetrieb schlicht nicht mehr lohnt. Manchmal lehnen auch die Banken die nötigen Kredite ab – die Maßstäbe sind strenger geworden. Das schadet unserem Standort.

Handelsexpertin Sabine Hagmann. Foto: Lichtgut

Im Januar steigt der Mindestlohn von 12,82 Euro auf 13,90 Euro die Stunde. Wie wirkt sich das aus?

Der Handel wird Stellen nicht nachbesetzen oder Beschäftigte entlassen. Diese Lücken werden auch durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz geschlossen. Für die Verbraucher werden die Preise steigen – sei es bei der Mode oder im Lebensmittelhandel.

Sind Sie neidisch auf die Gastronomie, die mit der Senkung der Mehrwertsteuer von 19 auf 7 Prozent ein Steuergeschenk erhält?

Wir arbeiten eng mit dem Gastgewerbe zusammen – aber wir fragen uns schon, wann auch mal der Handel von der Politik unterstützt wird, schließlich profitieren auch andere Branchen von uns. Allein in Baden-Württemberg beschäftigt der Handel rund eine halbe Million Menschen. Wir bräuchten insbesondere eine Entlastung bei Investitionen.

In Stuttgart haben in der City viele Traditionshändler ihre Geschäfte geschlossen. Ist die Vielfalt in Gefahr?

Die Vielfalt ist zurückgegangen. Ob sie zurückkommt, ist fraglich – auch weil die Mietpreise in den 1a-Lagen wie der Königsstraße nach wie vor so hoch sind, hier dominieren die Filialisten. Aber verstehen Sie mich richtig: Viele Leute wollen auch diese Uniformität, weil sie dann wissen, wo die Waren zu finden sind. Die kleinen Geschäfte aber können sich diese Lage nicht leisten. Besser sieht es um die Stiftskirche oder im Dorotheen Quartier aus.

Immer mehr Bäcker schließen. Ist das eine Marktbereinigung oder ein ernsthaftes Warnsignal?

Ich bin in einem Bäcker-Haushalt aufgewachsen, mein Bruder ist noch immer im Geschäft. Die Bürokratie und Berichtspflichten sind monströs, sie belasten die kleineren Läden überproportional. Die Bäcker müssten die Preise weiter erhöhen – aber wenn die Laugenbrezel 1,50 Euro kostet, wäre meine persönliche Schmerzgrenze erreicht.

In Stuttgart erzürnen auch die vielen Baustellen die Händler. Wie sieht es aktuell aus?

Die Baustellen sind nach wie vor ein Problem für jeden, der in die Stuttgarter City fährt – gefühlt tauchen ständig neue auf. Ich weiß nicht, ob die Baustellen koordiniert werden. Die Preise für das Parken sind hoch. Der Nahverkehr ist vergleichsweise teuer und nicht immer zuverlässig. Da bestellen manche einfach vom heimischen Wohnzimmer aus.

Was sind die größten Herausforderungen für den Handel?

Vor allem die Bürokratie: Hier brauchen wir den Abbau oder das Aussetzen von Berichtspflichten. Wenn die Welt in dieser Zeit deswegen nicht untergegangen ist, könnte man sie völlig streichen. Beim Thema Arbeitszeit sind wir nicht mehr wettbewerbsfähig: Wir müssten mehr und flexibler arbeiten, dazu sind die Beschäftigten in Deutschland zu häufig krank. Das kann ja nicht an unseren Genen liegen, sondern ist ein systemisches Problem.

Wie beurteilen Sie das Arbeitsethos in Deutschland?

Früher hieß es, dass die Arbeitnehmer in Deutschland im internationalen Vergleich im Schnitt weniger arbeiten – dafür aber produktiver sind. Studien zeichnen inzwischen ein anderes Bild. Wir haben eine relativ schwache Produktivität pro Stunde und mit die höchsten Krankheitszeiten. Wie kann es sein, dass beispielsweise die Schweizer nicht nur mehr und produktiver arbeiten, sondern dabei scheinbar auch gesünder sind?

Ist uns der Ehrgeiz abhandengekommen?

Das kann man nicht so pauschal sagen. Aber wir müssen uns wieder mehr Mühe geben, um wettbewerbsfähiger zu werden. Das betrifft nicht nur den Einzelhandel, sondern die ganze Wirtschaft.

Eine Juristin auf dem Chefposten

Person
Sabine Hagmann, 1964 in Sigmaringen geboren, arbeitete nach dem Jura-Studium in einer Stuttgarter Kanzlei und als Justitiarin beim Handelsverband Württemberg (HBW). Seit 2002 ist sie Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg und vielfältig ehrenamtlich engagiert, unter anderem bei City-Initiativen und der Steinbeis Stiftung.

Verband
Der HBW vertritt die Interessen von rund 40.000 Handelsunternehmen im Südwesten. Diese zählen rund 500.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte und 18.000 Azubis und erzielen einen jährlichen Umsatz von rund 90 Milliarden Euro. Damit ist der Handel der drittgrößte Wirtschaftszweig im Land.