Die Grünen stecken in einem Umfrage-Tief. Demoskop Manfred Güllner sagt, das hänge auch mit deren beiden prominentesten Politikern zusammen.
Die Situation der Grünen ist nicht einfach: Mit dem umstrittenen Gebäudeenergiegesetz verunsichert Wirtschaftsminister Robert Habeck viele Verbraucher. Auch die Vorwürfe der Vetternwirtschaft gegen Wirtschaftsstaatssekretär Patrick Graichen belasten die Partei. All das schlägt sich in sinkenden Umfragewerten der Partei nieder. Forsa-Chef Manfred Güllner, einer der bekanntesten Demoskopen des Landes, sieht weitere Gründe für schwierige Lage der Partei.
Herr Güllner, mal ganz allgemein gefragt: Wie stehen die Grünen aus demoskopischer Sicht da?
Die Grünen sind weit entfernt von dem Höhenflug, den sie einmal hatten. Viele der Sympathisanten, die ihnen aus Frust über CDU und SPD zuliefen, haben ihnen wieder den Rücken gekehrt. Umfragewerte von 25 Prozent und mehr, das ist passé. Mit den 16 Prozent, die sie derzeit in Umfragen erreichen, sind sie wieder nahe auf den Anteil ihrer Kernwählerschaft geschrumpft.
Was ist der Hauptgrund für dieses gesunkene Wählerpotenzial?
Sie konnten diejenigen, die kurzzeitig bei ihnen „zwischenparkten“, nicht dauerhaft an sich binden. Das liegt vor allem daran, dass man den Bürgern immer Dinge verbieten will und sie bevormundet, aktuell beim Thema Heizungen. Wegen solcher Bevormundungen sinken die Umfragewerte wieder.
Die Grünen würden sagen, sie sind für Veränderung, für mehr Klimaschutz gewählt – und viele Wähler erwarten das von ihnen.
Ihre Stammwähler sind eine homogene Wertegemeinschaft von Angehörigen der oberen Bildungs- und Einkommensschichten in den urbanen Metropolen, die die Grünen immer unabhängig von konkreten Themen wählen. Und die neuen Unterstützer kamen aus Enttäuschung über die anderen Parteien und nicht wegen des Klimaschutzes zu ihnen. Die Grünen irren sich also, wenn sie glauben, sie seien überwiegend wegen des Klimaschutzes gewählt worden.
Den wollen die Leute nicht?
Doch schon, aber es gibt gerade in schwierigen Zeiten mit hoher Inflation auch viele andere Sorgen bei den Menschen, die den Alltag betreffen, den man bewältigen muss. Die Leute sehen im Supermarkt tagtäglich, was alles teurer geworden ist, und haben Angst, dass die Energieversorgung nicht mehr sicher und bezahlbar ist. Die Menschen halten natürlich Klimaschutz für wichtig, aber die Politik muss sich auch um die Alltagssorgen der Menschen kümmern.
Auch die Causa Graichen belastet die Grünen. Ist das für eine Partei, die hohe moralische Ansprüche formuliert ein besonderes Problem?
Natürlich ist es das. Zumal die Argumentation der Partei lautet: Ja, es gab einen Fehler, aber grundsätzlich stehen wir auf der richtigen Seite. Das überzeugt die Menschen nicht.
Die ehemaligen Zugpferde der Grünen, Wirtschaftsminister Robert Habeck und Außenministerin Annalena Baerbock haben zuletzt viel Zustimmung verloren. Sind die Grünen zu stark auf die beiden verengt?
Nein, Habeck und Baerbock haben ja dafür gesorgt, dass die Grünen in Umfragen so gut dastanden. Vor der letzten Bundestagswahl haben die beiden ihre Partei für viele wählbar gemacht, weil sie einen Politikstil verkörperten, der pragmatischer und rationaler war, als das, was die Grünen in der Vergangenheit gezeigt hatten. Nun fallen sie in die alten Fehler der Verbote und Bevormundungen zurück: Habeck verbietet Öl- und Gasheizungen und vieles, was Baerbock in der Außenpolitik gegenüber anderen Kulturen und Nationen äußert, wird als zu belehrend empfunden.
Trotz all dieser Probleme bereiten die Grünen offenbar eine Kanzlerkandidatur für 2025 vor. Ist das Hybris oder gibt es reale Chancen?
Man muss abwarten, wie sich die politische Stimmung entwickelt. Die SPD ist ja derzeit nicht viel stärker als die Grünen und wird trotzdem einen Kanzlerkandidaten aufstellen. Deshalb wäre das auch für die Grünen gerechtfertigt. Wenn es aber für die Grünen weiter bergab geht, sähe das schon komisch aus.