Mark Hiller führt gleichzeitig die Flugzeugsitzsparte Recaro Aircraft Seating wie auch die in Stuttgart angesiedelte Holding. Foto: Recaro Holding/ 

Vorstandschef Mark Hiller bedauert die Situation, in die das 2011 abgespaltene Unternehmen geraten ist. Als Retter sieht er sich aber nicht. Was die Kirchheimer dennoch von der Holding lernen können.

Die Insolvenz des Autositzherstellers Recaro aus Kirchheim unter Teck beschäftigt auch die Recaro-Holding mit Sitz in Stuttgart. „Wir bedauern die Entwicklung bei unserem Lizenznehmer sehr. Es zeigt sich leider, dass die Situation in der Autoindustrie für viele Zulieferer sehr herausfordernd ist“, sagte der Holding-Chef Mark Hiller gegenüber unserer Zeitung. Gleichzeitig machte der Manager deutlich, wie er zu der Erwartung steht, die Holding könne in der gegenwärtigen Krisensituation zum Retter in der Not für den Autositzhersteller werden.

 

Die Gewerkschaft IG Metall hatte zuvor an das Verantwortungsgefühl der Stuttgarter Gruppe appelliert, die mit Kirchheim eine lange gemeinsame Geschichte verbindet. „Bis wohin reicht die soziale Verantwortung des Lizenzinhabers der Marke Recaro?“, fragte die IG Metall in einer Pressemitteilung und bezeichnete die Rolle der Holding und der Eigentümerfamilie Putsch als zentral für die Zukunftsperspektive des Autositzherstellers.

Das markante Gebäude der Recaro-Holding in Stuttgart-Degerloch Foto: Matthias Schmidt/cf

Hiller tritt dieser Erwartung entgegen. „Wir haben die Sparte vor fast 15 Jahren verkauft, deshalb haben wir keine detaillierten Einblicke in das Geschäft mehr. Dementsprechend können wir auch keine direkte Rolle im Insolvenzverfahren spielen“, sagt der Manager.

Die Lizenzverträge regeln das Verhältnis von Recaro zu Recaro

Hiller betont zwar die Bedeutung des traditionsreichen Geschäftszweiges für die Marke, zieht aber eine klare Grenze. „Die Sichtbarkeit der Marke Recaro, die sie über die Autositze und die Trainerbänke in der Bundesliga erhält, ist für unser Geschäft sehr relevant – schon aufgrund der langen Historie“, so Hiller. Trotzdem handle es sich um eigenständige Unternehmen: „In den Lizenzverträgen ist geregelt, wie die Marke positioniert und auf den Produkten dargestellt wird. Eine operative Rolle der Holding lässt sich daraus nicht ableiten.“

Die Recaro-Holding, hervorgegangen aus der 1906 in der Augustenstraße in Stuttgart-West gegründeten Carosserie- und Radfabrik von Wilhelm Reutter, besteht heute aus eigenständigen Sparten für Flugzeugsitze (Schwäbisch Hall), Computer-Gaming-Sitze (Stuttgart) und Bahnsitze (Grodzisk Wielkopolski, Polen). Die Autositzsparte wurde 2011 zunächst an den US-Autozulieferer Johnson Controls (später: Adient) und von dort 2020 an den jetzigen Eigentümer verkauft: die US-Investmentgesellschaft Raven.

Raven will den Betrieb in einem Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung sanieren. Die aktuellen Schwierigkeiten erklärt das Unternehmen mit extremen Preissteigerungen, der schwierigen Marktlage und einem weggefallenen Großauftrag des Geländewagenherstellers Ineos, der die Sitze aus Kirchheim lange im Modell Grenadier verbaut hat.

„Der Lizenzvertrag ist in Kraft“, bestätigt Hiller. Eine Bestandsgarantie für den Standort Kirchheim lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Im schlimmsten Fall würde sich die Holding wohl einen neuen Lizenzpartner suchen. „Die Marke Recaro ist stark, und wir sind daran interessiert, sie auf jeden Fall weiterhin sichtbar zu halten“, sagt Mark Hiller.

Eine wichtige Lehre von Recaro aus Krisenzeiten

Den Weißen Ritter wird die Holding für Kirchheim nicht spielen. Als Ratgeber könnte sie trotzdem dienen, falls sie gefragt würde. Denn auch bei den Flugzeugsitzen musste ein tiefes Tal durchschritten werden. „Dort haben wir in den Covidjahren 2020 und 2021 die schwerste Krise erlebt – mit einem Umsatzverlust von 65 Prozent. Es ist uns gelungen, den Standort und die Belegschaft zu halten“, berichtet Hiller.

Und er fügt an: „Das geht nach meiner Erfahrung nur, wenn Geschäftsführung, Betriebsrat, IG Metall und Gesamtmetall für das Ziel, das Unternehmen erfolgreich durch die Krise zu bringen, sehr intensiv und in engstem Schulterschluss zusammenarbeiten.“ Wie in der Belegschaft in Kirchheim zu hören ist, herrscht dort dagegen weitgehend Funkstille vor.