Die Bilanz von Tayfun Korkut bei Hertha BSC wird von Woche zu Woche schlechter. Foto: imago//Andreas Gora

Nach der nächsten happigen Pleite stellt sich die Frage, ob Fußball-Bundesligist Hertha BSC und Geschäftsführer Fredi Bobic noch einmal die Reißleine im Kampf gegen den Abstieg ziehen. Auch VfB-Ikone Hansi Müller gibt eine Einschätzung zur Lage ab.

Stuttgart/Berlin - Hansi Müller kennt Fredi Bobic aus gemeinsamen Jahren beim VfB Stuttgart und kann sich gut in die missliche Lage des Geschäftsführers von Fußball-Bundesligist Hertha BSC hineinversetzen: „Er hat den Trainer seines Vertrauens geholt, es besteht eine emotionale Verbindung. Nun hat es Tayfun Korkut bisher nicht hinbekommen, und Fredi steht vor einer knüppelharten Entscheidung.“

 

Hält er nach dem 1:4-Debakel gegen Eintracht Frankfurt am Coach fest? Oder greift er nach dem Versagen in allen Mannschaftsteilen neun Spieltage vor Schluss zum letzten Strohhalm und zieht noch einmal die Reißleine? Am Samstag hallten lautstarke „Korkut-raus“-Rufe durchs Olympiastadion, von den Berliner Verantwortlichen war am Sonntag nichts zu hören. Anders als in den vergangenen Wochen gab es keine Medienrunde mit Korkut. Bobic hatte sich nach der Heimpleite gegen seinen ehemaligen Club am Samstag auch nicht öffentlich geäußert. Von vielen wurde dies als Zeichen gesehen, dass Korkuts Trainerstuhl deutlich wackelt.

„Fredi hat ein dickes Fell“

Für die reguläre Pressekonferenz vor dem Auswärtsspiel bei Borussia Mönchengladbach (Samstag, 18.30 Uhr) am kommenden Donnerstag wurde Korkut vom Verein aber als Teilnehmer gemeinsam mit Bobic angekündigt. Der Geschäftsführer will sich zuvor am Dienstag vor den Medien äußern. „Fredi ist lange im Geschäft, er hat ein dickes Fell, ihn bringt so schnell nichts aus der Fassung. Er wird – wenn auch nicht allein – eine Entscheidung im Sinne der Hertha treffen, es geht um den Verein und nicht um freundschaftliche Verbindungen“, ist sich Hansi Müller sicher.

Druck auf Bobic gewaltig

Das ändert nichts daran, dass der Druck auf Bobic gewaltig ist. Kein Sieg, nur zwei Punkte, 6:23 Tore: Die Rückrundenbilanz des Hauptstadtclubs wird von Woche zu Woche schlechter. Unter Vereinslegende Pal Dardai, der immer noch in der Nähe des Olympiastadions wohnt und im Sommer wieder eine Hertha-Jugendelf trainieren soll, hatte man in dieser Saison in 13 Spielen immerhin noch 14 Punkte geholt, unter Korkut sind es neun aus zwölf Partien (Schnitt 0,75 Punkte).

Flut an Gegentoren

Die Mannschaft kassiert eine Flut an Gegentoren, spielt verkrampft, wirkt nach einer hohen Fluktuation im Kader gespalten wie eine Ansammlung von Egoisten. Es fehlt an Mentalität. Und ein Führungsspieler wie Stürmer Stevan Jovetic, der den Unterschied ausmachen kann, will zu viel, möchte an allen Fronten helfen und ist dadurch überfordert.

Kempf stinksauer

Genau wie Marc Kempf. „Ich bin jetzt seit ein paar Wochen hier, und wir haben noch kein Spiel gewonnen. Das kotzt mich übertrieben an“, drückte sich der im Winter-Neuzugang vom VfB Stuttgart drastisch aus und fuhr in diesem Stil fort: „Da muss jeder hier angekotzt genug sein, um sich den Arsch aufzureißen und drei Punkte mit nach Hause zu nehmen. Das muss jeder verstehen und nicht nur larifari hier rumlaufen und sich wieder 4:1 wegschießen lassen.“

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Die Zeit des Schönredens ist endgültig vorbei. „Als Hauptverantwortlicher für das Spiel kann ich natürlich nullkommanull zufrieden sein. Enttäuscht bin ich, sauer bin ich“, sagte der 47-Jährige, den Bobic drei Jahre nach dessen letztem Kurzzeit-Engagement beim VfB Ende September geholt hatte. Er müsse das Spiel erst einmal sacken lassen, meinte Korkut und betonte, dass er auf jeden Fall weitermachen wolle.

U-19-Coach Hartmann ein Thema?

Ob er nach dem fahrigen und blutleeren Auftritt gegen die Eintracht dazu noch lange die Gelegenheit bekommt, erscheint fraglich. Was die Alternativen wären? Dass sich der gebürtige Berliner und Bobic-Weggefährte Niko Kovac (zuletzt AS Monaco) die Herkulesaufgabe antun würde, ist schwer vorstellbar. Bliebe ein Feuerwehrmann der Marke Friedhelm Funkel oder möglicherweise A-Jugend-Trainer Michael Hartmann, der im Hertha-Nachwuchsbereich gute Arbeit leistet und ein hohes Standing im Club genießt.

Müllers Abstiegsprognose

Wie auch immer die Entscheidung ausfällt, die VfB-Ikone Hansi Müller glaubt, dass die Alte Dame Hertha auf dem Relegationsplatz bleibt. „Die SpVgg Greuther Fürth und Arminia Bielefeld steigen direkt ab, der FC Augsburg und der VfB ziehen sich unten raus. Dass dabei auch etwas Wunschdenken dabei ist, will ich nicht verhehlen. Aber es ist meine Prognose.“