Kriminologe Pfeiffer „Nie eine Feindschaft zur Kirche“

Von Markus Brauer 

Der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), Christian Pfeiffer Foto: dpa
Der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), Christian Pfeiffer Foto: dpa

Nach dem Streit mit den Bischöfen gibt sich der Hannoveraner Kriminologe versöhnlich. Er werde das Missbrauchsprojekt auf jeden Fall fortführen – am liebsten in einer Kommission, in der auch Kirchenvertreter sitzen sollen.

Stuttgart/Hannover - Der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), Christian Pfeiffer, ist um Entspannung im Streit mit der Katholischen Kirche bemüht. Er will das Forschungsvorhaben zum sexuellen Missbrauch fortführen und hofft dabei auf die breite Zusammenarbeit mit Opferverbänden, der Politik – und den katholischen Bischöfen.


Herr Pfeifer, Sie wollen nach der Kündigung des Vertrages durch die Kirche in Eigenregie eine Missbrauchsstudie erstellen. Wie ist der Stand der Dinge?
Wir haben schon sehr viele Rückmeldungen von Opfern sexuellen Missbrauchs. Es ist erfreulich, wie viele sich melden. Ich habe sie noch gar nicht zählen können. Wenn der Medienrummel vorbei ist, werden sie in aller Ruhe wahrgenommen. Aber im Augenblick ist es für die Opfer wahnsinnig schwer zu uns durchzudringen.

In den letzten Tagen haben sich wahrscheinlich vermehrt Betroffene gemeldet.
Ja natürlich. Das ist ganz klar. Ich warte jetzt aber erst einmal ab, ob es zu einer großen Lösung kommt und ob die Politik eingreift und die Katholische Kirche dazu motiviert, eine Kommission zu bilden. Dann wäre die Sache klar, dass wir alle Opfer, die sich bei uns melden, bitten werden mit dieser Kommission zusammenzuarbeiten. Wir würden alle un-sere Erkenntnisse dorthin liefern.

Sind sie zuversichtlich?
Wir müssen abwarten. Im Augenblick ist noch völlig offen, ob die Katholische Kirche sich bewegen wird. Die Opferverbände haben aus guten Gründen davon abgeraten, dass erneut ein einzelner Wissenschaftler oder sein Institut beauftragt wird. Stattdessen sollte eine Kommission den Auftrag erhalten, die auch mit der Politik zusammenarbeitet. Dadurch wäre sicher gestellt, dass es nicht mehr vorkommt, dass ein Institut unter Druck gesetzt wird. Man würde eine stärkere Position haben.

Wollen sie mit Opferverbänden wie dem NetzwerkB von Norbert Dennef kooperieren?
Mit dem bin ich ständig in Kontakt. Überhaupt mit allen, die als Opfervertreter aktiv sind. Aber jetzt warten wir erst einmal ab, bis es zu dieser großen Kommissionslösung kommt. Wenn der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Herr Rörig, das übernehmen könnte, wäre es großartig.

Hat Rörig Ihnen gegenüber signalisiert, ob er eine solche Aufgabe übernehmen würde?
Nein, er hat gescheit kommentiert, was vorgefallen ist. Er sollte die Sache an sich ziehen, wenn er die politische Unterstützung hat. Das muss er vorher sicherstellen.

Liegen Ihnen Informationen vor, wer die Missbrauchsstudie für die Katholische Kirche erstellen könnte?
Ich glaube nicht, dass sich im Augenblick jemand dazu bereit erklären kann, weil er erst die Klärung der Frage abwarten muss, ob es zu Aktenvernichtungen im größeren Stil gekommen ist oder nicht. Ich glaube auch nicht, dass die Kirche in der derzeit aufgeregten Phase jemand finden wird. Es sei denn sie nimmt dritte Liga. Aber das würde ich ihr nicht raten. Das würde auf viel Zweifel und Kritik stoßen und die Kooperationsbereitschaft der Betroffenen nicht erhöhen.

Die Bischöfe halten sich bedeckt. Was hätte die Kirche von einer solchen Kommission?
Die Kirche selber wäre gut beraten, wenn sie sich dieser Kommissionslösung öffnet. Man könnte zuversichtlich sein, dass sehr schnell Erkenntnisse gesammelt würden. Auch hätte man ein großes Team und könnte Aufgaben auf verschiedene Schultern verteilen. Es würde schneller gehen als wenn man einen einzelnen Wissenschaftler beauftragt.

Die Katholische Kirche und Sie wieder in einem Boot. Würde das gut gehen?
Ich habe gar nichts dagegen. Ich habe der Kirche nie einen Aufklärungswillen abgesprochen. Im Gegenteil. Ihr Missbrauchsbeauftragter, Bischof Ackermann aus Trier, hat sich engagiert bemüht und hat meinen Respekt dafür verdient, wie er versucht hat das Projekt gut zu betreuen. Das ist ihm später angesichts der Entwicklungen, die es innerkirchlich gegeben hat, nicht mehr möglich gewesen. Zwischendurch gab es Vorgänge in der Kirche, die einen Meinungswandel verursacht haben. Das war danach nicht mehr der Ackermann, den ich früher kennengelernt hatte. Er musste selber Dinge vertreten, hinter denen er persönlich gar nicht stehen kann.

Verstehe ich Sie da richtig? Nach den ganzen Vorwürfen und Angriffen der vergangenen Tage reichen Sie den Bischöfen die Hand zur Versöhnung?
Immer. Ich habe nie eine Feindschaft zur Kirche gehabt. Ich habe nur um Verständnis dafür gebeten, dass solche Zumutungen wie dass unsere Texte später von der Kirche verboten werden, nicht gehen. Nur darum ging es. Wir haben immer gesagt, dass wir uns nicht kontrollieren lassen. Forschung ist frei. Forschung darf nicht unter Rahmenbedingungen arbeiten, wo der Wissenschaftler mit der Schere im Kopf tätig ist. Ich habe nie den Aufklärungswillen der Kirche bestritten, sondern ihr nur attestieren müssen, dass sie zu viel Angst vor der Forschung hat und dann den falschen Weg eingeschlagen hat, sie kontrollieren zu wollen.

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