Gefängnis gilt als letzte Möglichkeit, um kriminelle Jugendliche zu beeinflussen Foto: dpa

Wer einmal auf die schiefe Bahn gerät, gilt häufig als verloren – ein Irrglaube. Über 90 Prozent aller jugendlichen Straftäter in Baden-Württemberg gelingt mit dem Erwachsenwerden der Weg aus der Kriminalität. Die Bewährungshelfer von Neustart unterstützen sie dabei.

Stuttgart - Wie ein Schwerverbrecher sieht Milo Tadic (Name geändert) eigentlich nicht aus. Seine knallorangene Hose sitzt lässig, der Drei-Tage-Bart ist zurechtgestutzt, sein Blick ist offen, mitunter leicht amüsiert. Einbrüche, Körperverletzung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, Drogenmissbrauch – die Liste seiner Vergehen ist lang, und zweimal war der heute 23-Jährige dafür schon für mehrere Monate im Gefängnis.

Irgendwann war dann genug: „Man gräbt sich da in so ein Loch, und plötzlich merkt man, dass das so nicht mehr weitergeht“, sagt er. Heute macht Tadic eine Ausbildung zum Mechatroniker, geht in Stuttgart regelmäßig zu seiner Bewährungshelferin und will ein „normales“ Leben führen, ganz ohne Kriminalität.

Damit ist der junge Mann kein Einzelfall: „Die wenigsten Jugendlichen bleiben auf dem kriminellen Weg“, sagt Bewährungshelferin Claudia Schneck, die in der Stuttgarter Bewährungshilfeeinrichtung Spezialistin für jugendliche Straftäter ist. „Wenn sie erwachsen werden, werden sie einfach vernünftiger.“

Eine vor kurzem erschienene Langzeitstudie zur Kriminalität bei Jugendlichen aus Duisburg bestätigt diesen Eindruck: Zwar verüben 60 bis 80 Prozent aller Jugendlichen einmal ein Delikt, doch die meisten straffällig gewordenen Jugendlichen finden an der Schwelle zum Erwachsenwerden den Weg zurück in die Normalität. Selbst bei jugendlichen Intensivtätern, das wiesen die Forscher aus Bielefeld und Münster nach, geht die Zahl der Straftaten nach dem Jugendalter deutlich zurück. Einmal Verbrecher, immer Verbrecher – dieses Urteil erweist sich damit also als falsch oder überzogen.

Vor zwölf Jahren kam Tadic mit seiner Familie aus Serbien nach Deutschland. Vermutlich sei er dann an die falschen Freunde geraten, vermutet er. Jedenfalls kam er auf die schiefe Bahn. „Ich habe damals einfach nicht überlegt, was das alles für Folgen hat“, sagt Tadic. „Das Risiko war schon da, aber in dem Moment habe ich einfach an das Geld gedacht. Ich dachte, warum soll ich arbeiten, wenn das auch auf anderem Weg geht?“ Er grinst fast ein bisschen schuldbewusst. 2010 wurde Tadic das erste Mal verurteilt, mit damals 19 Jahren, und kam in Haft. Er fing eine Ausbildung zum Mechatroniker an, wurde nach erster Prüfung frühzeitig aus dem Gefängnis entlassen. Aber nach der Haft wieder alles aufzubauen war schwer, bei der Arbeit gab es Probleme. So brach er die Ausbildung ab und rutschte nach und nach wieder ab in die Kriminalität.

Das zweite Mal in Haft war anders. „Meine Mutter dachte eigentlich, ich hätte schon nach dem ersten Mal im Gefängnis gelernt“, sagt er. „Sie war sehr, sehr wütend auf mich.“ Und dann war da noch seine Tochter: Während der Haft konnte er sie nicht sehen, und dann sollte sie auch noch nach Spanien ziehen, zusammen mit der Mutter.

„Das war dann der Moment, als ich angefangen habe, umzudenken“, sagt Tadic. „Ich lag da in meiner Zelle und habe an die Decke gestarrt und gewusst, dass es so nicht mehr weitergehen kann.“ Im Gefängnis hat er sich dann angestrengt, wollte so schnell wie möglich wieder raus. Noch einmal hat er die Ausbildung begonnen, hat sich bemüht, Haftlockerungen zu bekommen – er sagt, weil er so gut reden kann. Nach acht Monaten wurde er entlassen und wandte sich schließlich an die Bewährungshelferin Schneck.

„Wenn man weiß, dass man jemanden hinter sich hat, der einem mit den Problemen hilft, geht das auf jeden Fall besser“, sagt Tadic. Seine Bewährungshelferin erfüllt dabei eine doppelte Funktion: Als unterstützende Beraterin, aber auch als jemand, der die rechtliche Perspektive aufzeigt. Man versuche, die Konsequenzen des Handelns zu verdeutlichen, Empathie für die Opfer zu entwickeln und den Gründen für die Straftat nachzugehen, sagt die 33-Jährige: „Die Bewährungshilfe ist da ein gutes Modell – kaum jemand wird danach noch einmal rückfällig, Dauerkundschaft habe ich bei jungen Klienten selten.“

Haft dagegen ist für Schneck bei Jugendstraftätern nur die allerletzte Möglichkeit: Da bestehe die große Gefahr, dass sich die Jugendlichen kriminellen Gruppen anschließen. Viel wichtiger seien aber Resozialisierung, Unterstützung und Beratung, gerade weil solch eine kriminelle Phase bei Jugendlichen fast immer nur vorübergehend sei. „Haft wirft die Jugendlichen da eher zurück, danach wieder Fuß zu fassen ist sehr schwer“, sagt Schneck – auch, wenn Haft als Mittel der Abschreckung und zum Schutz der Gesellschaft im Zweifel nötig ist.

Auch dies hat die Langzeitstudie der Universitäten Bielefeld und Münster gezeigt: Harte Strafen haben keine harte Wirkung. Eine Erkenntnis der Forscher war vielmehr: Je härter die Strafe, desto höher das Rückfallrisiko. Als wichtige Faktoren für den Weg aus der Kriminalität zeigten sich eher stabile soziale Bindungen, ein Job oder eine Ausbildung.

Bei Tadic jedenfalls scheint sich dies auszuzahlen. Mit Hilfe von Schneck hat er gelernt, Risikosituationen zu umschiffen. Zum Beispiel, wenn er wieder einmal keine Lust hat, arbeiten zu gehen. Oder wenn er sich seinem Chef widersetzt. Ganz ungefährlich sind solche Situationen noch nicht. Aber: „Wenn man Herrn Tadic kennt – früher und heute –, hat sich vieles getan“, sagt Schneck. Da sei heute mehr Vernunft, mehr Mitdenken. Er sei sich seiner Verantwortung viel deutlicher bewusst, reagiere jetzt wie ein junger Mann und Vater und nicht mehr wie ein pubertierender Jugendlicher.

Dass ihn das selbst stolz macht, merkt man Milo Tadic an: Er ist selbstbewusst, spricht reflektiert über sein früheres Handeln und über seine neuen Ziele und Vorstellungen. „Ich will meine Ausbildung fertig machen und ganz normal Geld verdienen, auf legalem Weg. Und ich will jetzt einfach für meine Tochter da sein – im Gefängnis kann ich das nicht.“

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