Die falschen Enkel und Polizisten müssen mehr Aufwand betreiben, um ihre Opfer abzuzocken – bei weniger Ertrag. Stuttgarts Kriminalstatistik für 2021 bietet bemerkenswerte Trends.
Die künftigen Nachfolger des Polizeipräsidenten Franz Lutz werden es schwer haben, diese Marke zu unterbieten: Knapp über 42 000 Straftaten im vergangenen Jahr in Stuttgart sind so wenige wie seit gut 40 Jahren nicht mehr. In der jüngsten Kriminalstatistik, die am Mittwoch vorgestellt worden ist, bekommt die Verbrechensbekämpfung sozusagen einen Corona-Bonus.
Wer soll schon einbrechen, wenn alle zu Hause sind und es nachts Ausgangsbeschränkungen gibt? Warum soll es vermehrt alkoholbedingte Gewaltdelikte geben, wenn auf dem Wasen gar kein Frühlings- oder Volksfest stattfindet? Und: Wenn es kaum mehr statistische Überhänge spät abgeschlossener Fälle vom Vorjahr gibt, muss eine Statistik ja günstiger ausfallen. „Pandemiebedingt gab es deutlich weniger Menschen und Veranstaltungen in der Stadt“, sagt Lutz, „es ist aber auch das Ergebnis einer konsequenten Polizeiarbeit.“ Nach Corona werde es wieder höhere Zahlen geben, „das werden wir aber meistern“.
Weniger Geschäfte, aber lukrativ genug
Dabei gibt es 2021 bemerkenswerte Entwicklungen. Die dreisten Telefonbetrüger, die sich als Enkel oder falsche Polizisten oder beides hintereinander ausgeben, machen weniger Beute. Nicht nur insgesamt, auch pro Einzelfall. Die falschen Enkel erbeuteten 2021 nur noch 47 000 Euro – vor zwei Jahren waren das noch dreimal so viel. Falsche Polizisten holten 285 000 Euro von betagten Stuttgarter Opfern – vor zwei Jahren waren es noch 1,8 Millionen, das Sechsfache. Allerdings gibt noch immer einzelne Volltreffer, etwa im Herbst im Stuttgarter Norden mit über 100 000 Euro in Goldbarren.
Polizei und Staatsanwaltschaft haben gegen die Drahtzieher im Ausland dazugelernt – und die Ermittlungen gegen Callcenter in der Türkei auf Schwerpunktstaatsanwaltschaften aufgeteilt und konzentriert. Doch wie der Drogenhandel dürfte die Betrugsmasche ein Dauerthema bleiben: „Hier helfen dauerhaft Aufklärung der potenziellen Opfer, auch mit neuen Ideen“, sagt Hermann Volkert, Leiter des Bereichs Prävention.
Warum es viel mehr Sexualdelikte gibt
Augenfällig ist die Zunahme der Sexualdelikte – um mehr als 21 Prozent, auf 869 Fälle. Das liegt zum einen an vermehrten sexuellen Übergriffen, die von 50 auf 64 Fälle zulegten. Vor allem aber an Kinderpornodateien. Die entdeckte Zahl hat sich mehr als verdoppelt. Aufgedeckt wird dies von der amerikanischen Organisation NCMEC, die von Betreibern sozialer Netzwerke gemeldete Verdachtsfälle sammelt und ans Bundeskriminalamt weiterleitet. Seit Juli 2021 gibt es in Deutschland hierzu ein Gesetz mit deutlich höhere Strafen für Kinderpornografie. Dabei zeigt sich, dass insbesondere Schüler in Chatgruppen sorglos solche Bilder und Daten teilen. Um die Massendelikte abzuarbeiten, hat die Kripo eine Ermittlungsgruppe Upload eingerichtet.
Das Internet wird ohnehin zu einem immer größeren Tatort. Die vermeintliche Anonymität lässt die Zahl von Betrügereien und sonstigen Straftaten steigen. Etwa Bedrohungen – in Stuttgart stieg die Zahl der Fälle um 20 Prozent auf über 1000 Fälle. „In der Anonymität ist die Hemmschwelle geringer“, sagt Kripochef Rüdiger Winter. Dabei haben in der analogen Welt die Fäuste seltener gesprochen. Etwas mehr als 5000 Körperverletzungen sind ein Minus von 21 Prozent. Und 383 Raubdelikte ein Minus von 24,5 Prozent.
Die Atempause der Wohnungseinbrecher
Einen großen Corona-Bonus gibt es bei Wohnungseinbrüchen. Da hat es schon im ersten Pandemiejahr 2020 ein Tief von 223 Fällen gegeben. Offiziell, wegen Überhängen aus dem Vorjahr, hatte die Polizei 467 Fälle in der Statistik registriert. In der jüngsten haben die Einbrecher auch brutto nur noch 257-mal zugeschlagen, real waren 2021 deutlich unter 200. Doch die Stuttgarter sollten sich nicht zu früh freuen: Seit dem Jahreswechsel zu 2022 stehen insbesondere Parterrewohnungen wieder voll im Visier der Täter.
Und noch eine kleine schlechte Nachricht: Während die Pandemie überall die Kriminalität sinken lässt, gibt es für einzelne Stuttgarter Stadtbezirke steigende Zahlen – in Möhringen, Obertürkheim, Hedelfingen und Zuffenhausen. Das seien aber Zufälligkeiten, sagt Vizepräsident Markus Eisenbraun. Betrug mal hier, Beleidigungen, Sachbeschädigungen mal dort. An den absoluten Spitzenreiter Stuttgart-Mitte mit 10 600 Fällen kommen sie aber bei weitem nicht ran.