Millionen Bilder, hunderttausende Videos: Die Kriminalpolizei Waiblingen sichtet Unmengen an Kinderpornografie. Ein Ermittler berichtet aus dem Alltag.
Wenn Christian Kaufmann morgens den Rechner anschaltet, erwartet ihn der Blick in den Abgrund. Was auch immer Menschen einander antun können: Die Chancen, dass er es bereits gesehen hat, sind hoch. Kaufmann ist Kriminalhauptkommissar bei der Polizei in Waiblingen (Rems-Murr-Kreis). Sein Job sind Ermittlungen im Bereich Kinderpornografie. Dazu gehört auch, entsprechendes Material auszuwerten.
Zwar gibt es einen KI-Assistenten, der verdächtige Bilder vorsortiert. Doch am Ende muss immer ein menschlicher Ermittler die Fotos und Videos sichten. Die Zahl der Fälle ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Beim bislang größten Verfahren des Polizeipräsidiums Aalen ging es um rund 39 Terabyte an Daten – ein einziger Fall, wohlgemerkt. Ein Großteil der Hinweise kommt über das National Center for Missing & Exploited Children (NCMEC) aus den USA. Dort sind Betreiber sozialer Netzwerke verpflichtet, verdächtige Inhalte und IP-Adressen zu melden.
Kinderpornografie: So herausfordernd sind die Ermittlungen der Kripo
Was Kaufmann und seine Kollegen sehen müssen, ist für viele Menschen schwer zu ertragen. Manche der Aufnahmen wurden von Kindern selbst gemacht und sind irgendwie im Netz gelandet. Manchmal haben Minderjährige aus Unwissenheit für einen Fotografen posiert. Doch dann gibt es noch viel drastischeres Material. Bilder und Videos, auf denen sogar Säuglinge vergewaltigt werden, auf denen gefesselte Kinder und Jugendliche zu sehen sind, denen Unbeschreibliches angetan wird und die Schmerzen leiden. „Es gibt nichts, was es nicht gibt“, sagt Kaufmann.
Damit fertig zu werden, ist nicht leicht. Die „Ermittlungsgruppe KiPo“, deren stellvertretender Leiter er ist, umfasst rund 20 Beamtinnen und Beamte aus Schutz- und Kriminalpolizei. Alle machen diesen Job freiwillig. „Die meisten von uns haben selbst Kinder“, sagt der 47-Jährige. „Am Ende unseres Arbeitstages müssen wir es schaffen, den mentalen Rollladen herunterzumachen.“
Nicht allen gelingt das. Erst neulich wurde eine Kollegin versetzt, die mit dem Gesehenen nicht mehr fertig wurde. „Wem das passiert, der wird aus dem Umfeld herausgenommen, wir finden rasch eine verträgliche Lösung“, erklärt der Kriminaloberrat Sandro Wöhrle, Kaufmanns Vorgesetzter. „Das ist keine Bestrafung oder Repressalie, sondern wir agieren aus Fürsorge gegenüber unseren Mitarbeitern.“
Die Ermittlungsarbeit ist oft eine Herausforderung: Jene Täter, die selbst Aufnahmen machen, wenn sie Kinder missbrauchen, geben sich alle Mühe, nicht erkannt zu werden. Sie reden nicht – aus Angst, an ihrer Stimme identifiziert zu werden. Im Bild zu sehen ist oft nur ihr Geschlechtsteil. Auch in Fällen, in denen es um den Besitz von Kinder- und Jugendpornos geht, müssen die Ermittler klären, ob tatsächlich der Anschlussinhaber der Verdächtige ist. Könnte es auch sein Sohn gewesen sein – oder ein Mitarbeiter, der das Firmennetz genutzt hat?
Die Ermittler versuchen auch, den Opfern zu helfen. Dafür ist jedes Detail wichtig: Sind auf den Aufnahmen Steckdosen zu sehen, an denen man erkennen kann, ob die Fotos und Videos in Deutschland gemacht wurden? Läuft im Hintergrund eine Fernseh- oder Radiosendung, über die das Geschehen lokalisiert werden kann? Oder trägt das Kind ein T-Shirt mit einer Comicfigur, die hierzulande unbekannt ist?
All das können wichtige Hinweise sein. „In einem Fall waren im Hintergrund spezielle Wimpel zu sehen. Das Opfer war eine junge Pferdenärrin, und über dieses Detail konnten wir sie identifizieren“, erinnert sich Kaufmann. Doch die meisten Opfer sitzen am anderen Ende der Welt, missbraucht schon vor Jahren. Das Netz vergisst nichts. Das Kinderleid wandert durch das Darknet und Peer-to-Peer-Netzwerke um die Welt. Tausendfach repliziert, damit sich Pädophile daran erregen können.
Erhärtet sich der Verdacht gegen jemanden, Kinderpornos zu besitzen, gibt es in der Regel eine Hausdurchsuchung. „Wenn wir an der Tür klingeln, wissen die meisten schon, warum wir da sind“, sagt Kaufmann. „Mit der Zeit entwickelt man auch ein Bauchgefühl dafür, wer die Wahrheit sagt.“
Speicherstick-Verstecke bringen nichts – dank spezieller Spürhunde
Manchmal verstecken die Täter USB-Sticks oder Speicherkarten, etwa im Mauerwerk oder im Spülkasten eines Klos. Aber auch da sind sie vor den Ermittlern nicht sicher: Die Polizei verfügt seit einiger Zeit über Datenspeicher-Spürhunde. Die Tiere sind darauf spezialisiert, versteckte Speichermedien zu finden. „Das klappt auch ziemlich zuverlässig“, sagt Kaufmann.
Dass sich Kindesmissbrauch vollständig der Riegel vorschieben lässt, glaubt in der Ermittlungsgruppe niemand. Dennoch gibt es Erfolge, durch die weitere Taten verhindert werden. Anfang Oktober 2025 etwa wurde im Rems-Murr-Kreis ein Mann festgenommen, der als Tagesvater arbeitete und über Jahre hinweg Kinder missbraucht haben soll. Auch dieser Fall begann mit Hinweisen aus dem Bereich Kinderpornografie. Es wird nicht der letzte gewesen sein.