Corona hat auch etwas Gutes. Dadurch, dass mehr Menschen zu Hause waren, wurde in weniger Wohnungen eingebrochen. Das geht aus der Kriminalitätsstatistik hervor, die das Polizeipräsidium Reutlingen für den Kreis Esslingen vorgelegt hat.

Kreis Esslingen - Corona hat im vergangenen Jahr keinen guten Einfluss auf die allermeisten Lebensbereiche gehabt. Positiv wirkte sich die Pandemie jedoch auf die Kriminalstatistik des Polizeipräsidiums Reutlingen aus, in dessen Zuständigkeit auch der Kreis Esslingen fällt. Die Polizei verzeichnete im Jahr 2020 so wenige Wohnungseinbrüche wie schon seit etlichen Jahren nicht mehr. Das Minus von mehr als 37 Prozent im Kreis Esslingen führt die Polizei ursächlich auf die Coronapandemie zurück.

 

„Die Bürgerinnen und Bürger waren mehr zu Hause, was die Tatgelegenheiten deutlich reduziert hat“, sagt Polizeipräsident Udo Vogel. Dennoch wolle man die Präventionskampagnen fortsetzen. „In knapp über der Hälfte aller Fälle gelang es den Tätern nicht, in die Wohnung einzudringen oder etwas zu stehlen. Daran zeigt sich, wie wichtig eine wachsame Nachbarschaft und technischer Einbruchsschutz sind“, so Vogel weiter.

Weniger Straßenkriminalität

In der Kriminalstatistik, die am Donnerstag veröffentlicht wurde, zeigen sich kreisweit oft deutliche Unterschiede zum Vorjahr. Mit einer „Kriminalitätsbelastung“, wie es heißt, von 4164 Fällen pro 100 000 Einwohner liegt der Kreis deutlich unter dem landesweiten Durchschnitt von 4852. Der Wert ist auch besser als im Vorjahr. Zwar wurden im vergangenen Jahr im Kreis weniger Fälle aufgeklärt, dennoch stieg die Aufklärungsquote von 56,8 auf 60,9 Prozent und liegt damit auf dem gleichen Niveau wie im Jahr 2018. Es wurden zwar weniger Straftaten aufgeklärt, es haben aber auch weniger stattgefunden (siehe Tabelle).

Durch die Deliktsbereiche hinweg verzeichnet die Polizei überwiegend Rückgänge. So gab es 2020 zum Beispiel deutlich weniger Spoofing (eine Form des Betrugs, 43,5 Prozent weniger). Auch die Straßenkriminalität ging um 21,5 Prozent zurück. Die Sexualstraftaten im Landkreis Esslingen nahmen ebenfalls deutlich ab. Die deutlichsten Rückgänge gab es demnach bei den sexuellen Übergriffen (50 Prozent weniger), sexuellen Belästigungen (32,1 Prozent weniger) und beim sexuellen Missbrauch (33,3 Prozent weniger). Markante Anstiege wurden jedoch bei der Verbreitung pornografischer Schriften (34,6 Prozent mehr) und Delikten in Verbindung mit Kinderpornografie (38,9 Prozent mehr) erfasst.

Heißes Pflaster Plochingen?

Angestiegen sind auch die Straftaten gegen das Leben. Im Einzelnen handelte es sich um vier Mordversuche (2019: 6), zwölf Totschlagsdelikte (2019: 12) – davon eines vollendet und elf versucht – zwei Schwangerschaftsabbrüche (2019: 0) und zwei fahrlässige Tötungen (2019: 0). In diese Kategorie fallen beispielsweise die Straftaten aus Plochingen und Nürtingen, die sich im Februar 2020 ereignet hatten. Mehrere junge Männer waren dort aufeinander losgegangen. Ein Bandenhintergrund konnte aber nicht nachgewiesen werden. Auch das versuchte Tötungsdelikt am Aileswasensee in Neckartailfingen fällt unter die Straftaten gegen das Leben. Dort verletzte im Juli ein 18-jähriger Reutlinger einen 19-jährigen Bekannten mit mehreren Messerstichen in den Oberkörper schwer. Die Ermittlungen ergaben als Tatmotiv möglicherweise Eifersucht. Anklage wurde noch nicht erhoben.

Eklatant sind die Unterschiede der Kriminalitätsbelastung in einigen Gemeinden: Während Notzingen mit einer Inzidenz von 1017 am unteren Ende des Spektrums liegt, ist die Kriminalitätsbelastung in Wendlingen (5047), Nürtingen (5218), Kirchheim (5534), Leinfelden-Echterdingen (7302) und Plochingen (7491) teils deutlich über dem Landesschnitt. Ohne Flughafen und Messe liegt Leinfelden-Echterdingen dagegen unter dem Schnitt (2704).

Rückgang bei Schusswaffen

Die Polizei erklärt sich den Anstieg auf ein Fünfjahreshoch in Plochingen unter anderem damit, dass es in der Stadt im vergangenen Jahr mehr Sachbeschädigungen gegeben habe. Auch bei diesem Delikt steht ein Fünfjahreshoch. 284 der Sachbeschädigungen (110 mehr als 2019) seien von der Bundespolizei angezeigt worden. Sachbeschädigungen an S-Bahnen würden oft im Bahnbetriebswerk Plochingen bei der Instandhaltung festgestellt. Da die tatsächlichen Tatorte nicht bekannt sind, werde der Feststellungsort als Tatort erfasst, so die Polizei.

Bei den Tatverdächtigen hat die Polizei im vergangenen Jahr 76,6 Prozent Männer und 23,4 Prozent Frauen ermittelt. Fast die Hälfte (45,8 Prozent) gilt als Wiederholungstäter. Mehr als die Hälfte (52,6 Prozent) wohnten in der Tatortkommune. 49 Tatverdächtige (2019: 63) hatten eine Schusswaffe beim Verüben der Straftat dabei – ein deutlicher Rückgang. Bei drei Bedrohungen und fünf Rauben wurde mit einer Schusswaffe gedroht. Bei einem Totschlag, einer Sachbeschädigung und einem Verstoß gegen das Waffengesetz wurde geschossen.

Opfer und Täter kennen sich oft

Erfreulich ist die Entwicklung der tatverdächtigen Kinder, Jugendlichen und Heranwachsenden, wie der Bericht zeigt: Ihre Anzahl sank auf ein Fünfjahrestief. Auch die Anzahl der nichtdeutschen Tatverdächtigen sank (10,9 Prozent).

Die Polizei erfasst auch die Beziehung von Tätern und Opfern. In 47,5 Prozent der Fälle hatte einmal eine Beziehung bestanden. Bei den weiblichen Opfern ist der Prozentsatz deutlich höher (60,3 Prozent).