Im Land nehmen die Einbrüche in Wohnungen wieder zu. Zwar sind die Täter weiterhin weniger aktiv als vor der Coronazeit – doch die Polizei hat ein Problem: Ihre Aufklärungsquoten sinken.
Die Bewohner in der Heusteigstraße in der Stuttgarter Innenstadt glauben ihren Augen nicht zu trauen. Am helllichten Sonntagnachmittag klettert ein Mann die Feuerleiter des Gebäudes herunter. Er hat eine Damenhandtasche dabei, die gar nicht so recht zu ihm passen will. Offenbar ein Beutestück aus einer Wohnung im Haus. Als die alarmierte Polizei den 40-Jährigen wenig später festnimmt, kann sie ein recht seltenes Ereignis registrieren: Sie hat einen Wohnungseinbruch aufklären können. In diesem Fall sogar zwei.
Wenn Landes-Innenminister Thomas Strobl (CDU) am Donnerstag die Kriminalstatistik 2023 für Baden-Württemberg vorstellen wird, dann hat er nach Informationen unserer Zeitung auch eine schlechte Nachricht parat: Die Zahl der Wohnungseinbrüche im Südwesten steigt nach den Pandemiejahren wieder deutlich an. 5204 Wohnungen im Land sind von Einbrechern heimgesucht worden – und das ist ein deutliches Plus von mehr als 15 Prozent.
Minister sieht über 5000 Wohnungseinbrüche auch positiv
„Jeder Einbruch trifft die Menschen ins Mark“, sagt Strobl. Denn wer sich in den eigenen vier Wänden nicht mehr sicher fühlen könne, „wird in einem ganz zentralen Bedürfnis erschüttert“, so der Landesinnenminister. Für die betroffenen Opfer ist der Blick auf Zehn-Jahres-Statistiken der Polizei nur ein unzureichender Trost.
Der CDU-Politiker sieht in den gut 5200 Wohnungseinbrüchen ein eher positives Signal. Zehn Jahre zuvor hatte es noch knapp 13 500 Wohnungseinbrüche gegeben – fast zwei Drittel mehr. Die aktuelle Zahl liege außerdem noch immer unter Vorcoronaniveau. Im Jahr 2019 hatte es noch etwas über 6400 Einbrüche gegeben. Dass das so ist, würde Strobl gerne als eigenen Erfolg verbuchen. Verkehrswegefahndung, umfangreiche Ermittlungen, verdeckt und offen, eine Strafverschärfung seit 2017, mehr technische Prävention der Wohnungsinhaber. In knapp 45 Prozent der Fälle scheitern die Täter schon beim Versuch.
Ein Vagabund und eine reisende Clique
Der Einbrecher auf der Feuerleiter ist hinlänglich polizeibekannt. Der Mann aus Osteuropa ist alkoholkrank, hat zwei einschlägige Vorstrafen in Deutschland, weitere in seinem Heimatland. Wie sich bei den Ermittlungen herausstellt, hat er nicht nur in der Heusteigstraße, sondern zuvor auch in einer Wohnung an der Hasenbergsteige zugeschlagen. Der Wert seiner Beute an diesem Sonntag im Oktober 2023 dürfte zwischen 1500 und 2000 Euro liegen. Ein Vagabund auf Einbruchstour.
Oft sind es aber reisende Gruppen, die quer durchs Land zuschlagen. Als die Polizei in Dettingen unter Teck (Kreis Esslingen) Anfang Dezember ein Trio erwischt, das zwei Wohnungen geplündert hat, führen die Ermittlungen in andere Landkreise. Die Männer vom Balkan im Alter zwischen 30 und 50 Jahren sollen auch zuvor im November in Remshalden (Rems-Murr-Kreis) zugeschlagen haben, wo ihr Fahrzeug aufgefallen war. Das Verfahren wechselt zum dort zuständigen Polizeipräsidium Aalen. Die Ermittlungen weiten sich aus: „Die Festgenommenen stehen in Verdacht, mindestens 30 Einbrüche in Privatwohnungen vor allem im Großraum Stuttgart, aber auch im Raum Offenbach begangen zu haben“, sagt Staatsanwaltssprecher Patrick Fähnle.
Die Aufklärungsquote ist deutlich gesunken
Doch meistens, in fünf von sechs Fällen, gibt es überhaupt keinen Tatverdächtigen. Die Aufklärungsquote ist im vergangenen Jahr deutlich gesunken. 15,9 Prozent – so schlecht wie seit zehn Jahren nicht mehr. An die Höchstwerte in den Coronajahren von mehr als 24 Prozent kommen die Ermittler nicht mehr heran.
Und wie sieht es mit den Strafen aus? Das Einbrecher-Trio vom Balkan wartet auf den Abschluss des staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahrens. Der Einbrecher von der Feuerleiter ist zwischenzeitlich in Stuttgart verurteilt worden. Der 40-Jährige muss für drei Jahre hinter Gitter.
Mehr Gewalt im öffentlichen Raum – ein Alarmsignal
Noch düsterer als bei der Eigentumskriminalität sieht es mit Gewaltdelikten im öffentlichen Raum aus. Auch hier wird Innenminister Strobl die Alarmglocken schrillen lassen müssen. Denn zum ersten Mal ist hier die Marke von 10 000 Fällen überschritten. Auch die Qualität erschreckt: Die Zahl der Messerangriffe, bei denen die Opfer mit Stichwaffen bedroht, verletzt oder gar getötet werden, hat sich im Land von 2727 auf 3104 Fälle erhöht. Dabei erlitten 29 Opfer tödliche, 209 schwere Verletzungen.
Für Strobl ein klares Signal, wie berechtigt Messerverbotszonen wie in Stuttgart und Mannheim sind. Die Landesverordnung gilt bis Ende 2024, sie werde davor aber noch evaluiert. Strobl nennt dies für die Kommunen „Sicherheit nach Maß“.