Bei Anruf Schock. Telefonbetrüger lassen die Telefondrähte immer öfter glühen. Die Anzahl dieser Straftaten hat 2022 um mehr als 510 Prozent gegenüber dem Vorjahr zugenommen. Die Kriminalpolizei Esslingen rät zu Vorsicht, Misstrauen und gesundem Menschenverstand.
Die Seniorin geriet in Panik. Ein angeblicher Polizeibeamter sagte der 81-jährigen Esslingerin am Telefon, ihre Tochter habe einen tödlichen Verkehrsunfall verursacht. Nur die Zahlung einer hohen Geldsumme als Kaution könne sie vor dem Gefängnis bewahren. Die alte Dame steckte Gold und Münzen im Wert einer fünfstelligen Summe in eine Tasche und übergab sie einem Mann, der sich ebenfalls als Amtsperson ausgab. Erst später flog der Trick auf. Vorfälle wie dieser Telefonbetrug im März häufen sich.
Angeblicher Unfall der Tochter
Der Enkeltrick wird mit vielen verwandten Methoden kombiniert. 2022 registrierte das auch für den Kreis Esslingen zuständige Polizeipräsidium Reutlingen einen Anstieg um 510,8 Prozent der Telefonbetrügereien. Bei 508 Taten erbeuteten die Täter über 3,8 Millionen Euro. An Warnungen mangelt es nicht. Ralf Keller, der Leiter der Kriminalpolizeidirektion Esslingen, verweist auf Präventions- und Aufklärungsarbeit, Medienberichte, Internetwarnungen: „Enkeltricks sind in aller Munde – aber nicht einmal die Mund-zu-Mund-Propaganda hilft.“ Es habe sogar Schulungen für Bankangestellte gegeben: Sie sollten vorsichtig sein, wenn Senioren plötzlich ihr ganzes Geld abheben oder ihr Bankschließfach leeren wollen: „Was können wir noch tun, um diese Telefonbetrügereien zu verhindern?“
Die Täter seien schwer zu fassen, ergänzt Lutz Jaksche, Leiter der Stabstelle Öffentlichkeitsarbeit im Polizeipräsidium Reutlingen. Die Täter würden in Callcentern im Ausland sitzen, seien gut organisiert und würden viele Leute anrufen. Oft seien es 20 Telefonate in einer halben Stunde. Immer wieder würde es Festnahmen geben. Aber das seien vor allem Geldabholer, die im Geschehen eher eine untergeordnete Rolle spielen würden. Es sei schwer, der Hintermänner habhaft zu werden. Die Ermittlungen seien schwierig und zeitaufwendig.
Psychischer Ausnahmezustand
Einer Seniorin aus Wernau wurde im Februar am Telefon vorgegaukelt, dass in der Nachbarschaft eingebrochen worden sei und auch ihr Hab und Gut in Gefahr sei. Die Seniorin legte daraufhin eine vierstellige Geldsumme vor die Haustür, damit es ein angeblicher Ermittler zur sicheren Aufbewahrung abholen konnte. Die Täter gehen sehr clever zu Werke. Die Telefonbetrüger, weiß Ralf Keller, würden auf die „emotionale Tränendrüse“ drücken und die Angerufenen in einen psychischen Ausnahmezustand versetzen. Die Opfer würden durch die Behauptungen, ein Angehöriger oder ihr Erspartes sei in Gefahr, in Angst und Schrecken versetzt. Zudem würden oft angebliche Amtspersonen wie falsche Polizeibeamte, Staatsanwälte oder Ermittler ins Spiel gebracht, um so eine scheinbare Vertrauensebene und einen offiziellen Anstrich zu schaffen. Keller appelliert an den gesunden Menschenverstand. Und Lutz Jaksche rät: „Wenn Ihnen etwas komisch vorkommt, legen Sie sofort auf.“ Die Täter würden in Telefonbüchern gezielt nach Namen von bevorzugt älteren Opfern suchen. Daher rät er, den Namenseintrag aus dem Telefonbuch entfernen zu lassen.
Die Polizei empfiehlt zudem, nie Informationen über persönliche und finanzielle Verhältnisse am Telefon zu machen und Fremden nie Bargeld oder Wertgegenstände auszuhändigen: „Die Polizei wird nie anrufen, um Sie über Ihre Finanzen auszufragen oder Sie zur Übergabe von Geld und anderen Vermögenswerten aufzufordern.“ Im Falle eines Telefonbetrugs sollten die angezeigte Telefonnummer, der Name und die angegebene Dienststelle des Anrufers notiert und dann aufgelegt werden: „Nehmen Sie stattdessen Kontakt mit der Polizeidienststelle in Ihrer Nähe auf.“ Wichtig sei es, nicht die Rückruftaste zu drücken, sonst lande das Opfer wieder bei den Kriminellen. Die Telefonnummer sollte selbst herausgesucht oder der Polizeinotruf 110 gewählt werden.
Mehr dazu unter https://www.polizei-beratung.de/themen-und-tipps/betrug/enkeltrick/.