Wo die Party tobt, hat die Polizei Arbeit (das Bild entstand bei der Fußball-Europameisterschaft 2008) Foto: Marijan Murat

Einbruch rauf, Raub runter: die Kriminalstatistik hat andernorts in der Stadt Gewicht. Im Zentrum spiegelt sie nur einen Teil der Tatsachen wider – und der Probleme der Polizei.

S-Mitte - Diese Statistik hat Tücken, zuoberst die Tücke, dass die Statistiker kein scharfes, sondern nur ein verschwommenes Abbild der Tatsachen zeichnen. Anders kann es nicht sein: Zwei Polizeireviere kümmern sich offiziell um die Sicherheit in der Stadtmitte. Dessen Beamte kommen mit dem Schreiben ihrer Berichte kaum noch nach. Ein drittes Revier kümmert sich inoffiziell am Rande um den Bezirk. Dessen Bilanz taucht in der Statistik nicht auf. Außerdem führt die Sittenpolizei ihre eigenen Listen.

Joachim Barich, der Leiter des Innenstadt-Reviers, verliest die offizielle Kriminalitätsstatistik fürs Jahr 2011 in der Stadtmitte trotzdem. Raub: 156 Fälle, im Vorjahr waren es 121. Körperverletzung: 1578 Fälle, ein leichtes Plus. Aber: in der Gesamtstatistik ein Minus von mehr als 1000 Taten. Das klingt erfreulich, allerdings „ist das der Betrug, der so stark runtergeht“, sagt Barich. „Das spüren die Wenigsten“.

2012 wird die Straßenkriminalität steigen

Was jeder spürt, sieht, wovon jeder mindestens hört, heißt im Polizeijargon Straßenkriminalität. Die wird in der Statistik für 2012 steigen, sagt Barich. Das liegt nicht daran, dass kriminelle Horden eingefallen sind. Das liegt daran, dass die Polizei seit Mai jedes Wochenende mit einer Einsatzhundertschaft zusätzlich in der Stadt aufmarschiert, um die Partyszene zu bändigen. „Mehr Kollegen sehen eben mehr“, sagt Barich. Heißt: Würde die Polizei abgeschafft, gäbe es keine Straftaten – statistisch. Dieser Effekt ist sogar in den aktuellen Zahlen abzulesen. Im Innenstadtrevier ist die Drogenkriminalität zurückgegangen, „weil wir dafür momentan nicht so viel Personal einsetzen“, sagt Barich.

Er spricht vor dem Bezirksbeirat Mitte, und manches von dem, was der Revierleiter sagt, missfällt den Lokalpolitikern. Zum Beispiel: „Das Leonhardsviertel ist kein echter Kriminalitätsschwerpunkt.“ Statistisch stimmt das. Niemand leugnet, dass ein guter Teil der Bordelle im Rotlichtbezirk illegal betrieben wird. Aber sie zu schließen, ist nicht Sache der Polizei, sondern der Stadt. Niemand zweifelt, dass ein guter Teil der Prostituierten unfreiwillig auf der Straße steht. Aber die Frauen zeigen ihre Zuhälter nicht an. Jeder sieht, dass die Straßenprostitution sich in den Sperrbezirk ausgebreitet hat. Aber das ist keine Straftat, sondern eine Ordnungswidrigkeit. „Die Polizei kann dieses Problem nicht lösen, nur verschieben“, sagt Barich. Es sind solche Sätze, die bei den Bezirksbeiräten Befremden auslösen, bei manchen Ärger. Sie klingen nach Kapitulation.

Auf fünf Prozent der Einwohner entfallen ein Viertel der Taten

Auf den wenigen Quadratkilometern der Stadtmitte leben keine fünf Prozent der Stuttgarter. Aber auf diesen Bezirk entfällt mehr als ein Viertel aller Straftaten – plus wiederum jene, die in der Statistik fehlen. „Das steht in keinem Verhältnis“, sagt Barich. Der Revierleiter sieht es so: Die Polizei tut, was sie kann, mehr ist nicht drin. Weil das Partyvolk schon längst nicht mehr beim Morgengrauen an den Heimweg denkt, sind die Beamten von Freitagabend bis Sonntagabend ununterbrochen im Einsatz. Körperverletzung und Raub sind laut Barich typische Trunkenheitstaten. „Wir stehen mit allem, was wir haben, vor den Diskotheken“, sagt er.

Ladendiebstähle, einst Routine für die Streife, organisieren zunehmend osteuropäische Banden in Serie. Die Täter lassen sich nicht mehr wehrlos abführen, sie werden gewalttätig. Was auch für etliche andere Straftäter gilt. Der Widerstand gegen die Staatsgewalt nimmt seit zehn Jahren sprunghaft zu. Inzwischen empfiehlt die Polizei selbst Kaufhausdetektiven, Diebe nur zu beobachten, statt sie festzuhalten. Außerdem „sind Beleidigungen im Trend“, sagt Barich. Gemeint sind Beleidigungen gegen Polizisten, „und immer häufiger wird gegen Kollegen grundlos zugeschlagen“.

Der CDU-Bezirksbeirat Michael Scharpf sieht es so – mathematisch: „Wenn wir hier 27 Prozent der Delikte haben, müssten wir hier auch 27 Prozent des Personals haben.“ Gemeint ist selbstverständlich Polizeipersonal. Das Innenministerium, das für die Einsatzstärke zuständig ist, sieht dies anders. Das Personalniveau, sagt Barich, „war in den letzten zehn Jahren rückläufig und stagniert jetzt auf niedrigem Niveau“.

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