Die Polizei – hier der Ermittler Thomas Friedrich – glaubt, noch nicht alles zur Aufklärung des Mordfalls getan zu haben. Foto: dpa

Bald sieben Jahre nach dem Tod der Heidenheimer Bankiers-Ehefrau Maria Bögerl ermittelt die Polizei weiterhin mit einer Sondergruppe.

Heidenheim - Immer wieder einmal im Lauf der Jahre schien es, als sei die Polizei nah dran an den Mördern von Maria Bögerl, der Ehefrau des früheren Heidenheimer Sparkassen-Chefs Thomas Bögerl. Denn dass mindestens zwei Täter an der Entführung und Ermordung der 54-Jährigen beteiligt waren, davon zeigten sich Fahnder wegen des Tatablaufs, bei dem unter anderem das Fluchtfahrzeug im Innenhof des Klosters Neresheim gewechselt wurde, früh überzeugt. Mal schien eine Spur in die Spielhallen-Szene der Region zu führen, dann wieder standen Männer im Fokus, die sich der Erhebung ihrer DNA bei zwei Massen-Gentests widersetzt hatten. Auch ein Rocker im österreichischen Linz, dessen Äußeres einem von der Polizei erstellten Phantombild glich, wurde verhört. Am Ende führten alle Spuren ins Nichts.

Im Mai 2010, vor bald sieben Jahren, ist Maria Bögerl in ihrem eigenen Wohnhaus in Heidenheim gekidnappt worden. Die Täter benutzten bei der Flucht den A-Klasse-Mercedes der Frau, hatten sich also zu Fuß zum Tatort begeben: eine ruhige Wohnstraße mit großzügigen Vorgärten, wo Fremde eigentlich sofort auffallen müssten. Aller Logik nach muss die 54-Jährige dort auch über einen längeren Zeit ausgespäht worden sein. Aus der Sicht der Täter war das eine Hochrisikoaktion. Doch kein Zeuge hat je vertiefende Angaben zu Verdächtigen machen können. Auch nicht im weiteren Verlauf der Tat, als bei Ehemann Thomas Bögerl telefonisch eine Lösegeldforderung gestellt wurde und die Frau dann doch in einem Waldstück bei Heidenheim, nahe der Autobahn 7, erstochen und ihr Körper neben einem Waldweg unter Reisig versteckt wurde.

Die Staatsanwaltschaft nennt weiterhin keine Frist

Wiederholt sind die Ermittlungschefs in der Mordsache ausgetauscht worden, aber nie hat die federführende Staatsanwaltschaft Ellwangen das Verfahren eingestellt. Gut sechs Jahre hat es gedauert, bis die Sonderkommission „Flagge“ – benannt nach dem mit einer Deutschlandfahne markierten Übergabeort für das Lösegeld – 2016 aufgelöst wurde. Die Soko wurde ersetzt durch eine Ermittlungsgruppe, die bis heute beim Polizeipräsidium Ulm angesiedelt ist; der Fall war im Zuge der baden-württembergischen Polizeireform gleichsam mit umgezogen. Und immer noch sperrt sich die Staatsanwaltschaft, die Aktendeckel zu schließen. Ein Sprecher in Ellwangen will keine Frist nennen, wann es einmal so weit sein soll – und welcher Art die Spuren sind, an denen weiterhin gearbeitet wird. „Es gibt noch Spuren“, heißt es lediglich aus der Ermittlungsbehörde. Laut einem Sprecher des Polizeipräsidiums Ulm sind auch im neuen Jahr zwischen zwei und vier Beamte ständig mit dem Mordfall beschäftigt. Die neuen Spuren, von denen weiter die Rede ist, generiert offenbar eine moderne Software, die zum Beispiel Telefondaten aus dem Tatzeitraum auf Querverbindungen oder Überschneidungen prüfen kann. Ein aufwendiges Vorgehen, für das es in der jüngeren baden-württembergischen Kriminalgeschichte kein Beispiel gibt.

Ist der Bögerl-Mord zu einer Art Stachel im Fleisch der baden-württembergischen Polizei geworden, oder sogar zu einer Obsession? Das mag der Polizeisprecher in Ulm nicht bestätigen. Er erinnert aber daran, dass es sich um einen „Riesenfall“ mit bundesweiter Ausstrahlung gehandelt habe. „Das ist eine Herausforderung für jeden Ermittler, dass er diesen Fall löst“, sagt er.

Die Motivation der Ermittler ist im Land beispiellos

Die Angehörigen anderer Getöteter im Land dürfen auf solchen behördlichen Einsatz nicht hoffen. Zu den ungeklärten Mordfällen gehört zum Beispiel die Erdrosselung des achtjährigen Armani im Juli 2014 in Freiburg. Das Kind stammte aus einer Sinti-Familie. Im April 2015 wurde die Sonderkommission aufgelöst und eine Ermittlungsgruppe gebildet. Im Dezember 2015, zweieinhalb Jahre nach dem Mord, wurde auch die zwölfköpfige Ermittlungsgruppe aufgegeben. Wer der Mörder ist, liegt ebenfalls im Dunkeln.

Chronik eines Mordfalls

Am 12. Mai 2010 wird Maria Bögerl in ihrem Haus in Heidenheim entführt. Am selben Tag geht eine Lösegeldforderung über 300 000 Euro bei ihrem Ehemann Thomas Bögerl ein, das Geld kann aber nur mit Verspätung beschafft und an den Rand der Autobahn 7 gebracht werden. Am 3. Juni wird die Leiche der Maria Bögerl in einem Waldstück nahe dem Geldübergabeort gefunden.

Im September 2012 wird der Fall endgültig bundesweit bekannt, nachdem in der Sendung Aktenzeichen XY ein spielfilmartiger, knapp 30-minütiger Beitrag zum vermuteten Tatablauf ausgestrahlt wird. Unter vielen Hinweisgebern ist ein Mann, der die Polizei noch über Monate mit falschen Hinweisen narren wird. Er wird dafür später zu drei Jahren Haft verurteilt. Im Jahr 2014 ordnen Richter zwei Massengentests an: erst in Neresheim, ein halbes Jahr später in Giengen (Kreis Heidenheim).

Mitte 2016 wird die Sonderkommission „Flagge“ aufgelöst. An ihre Stelle tritt eine Ermittlungsgruppe. Die Beamten sollen vor allem mit Hilfe einer neueren polizeilichen Software Telefondaten aus dem Tatzeitraum nach Auffälligkeiten scannen.

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