Die Zuhörer nehmen die Geräuschkulisse der Lesung über Kopfhörer auf. Foto: /Karin Ait Atmane

Eine Krimi-Lesung der besonderen Art in der Nürtinger Villa Domnick: Die Theaterspinnerei verleiht einem ohnehin sehr intensiven Roman eine zusätzliche Dimension.

„Das Herz der Leopardenkinder“ heißt der Roman, dessen vielfach preisgekrönter Autor Wilfried N’Sondé am Donnerstag selbst vor Ort in der Villa Domnick in Nürtingen war – in einer eindringlichen Inszenierung der Theaterspinnerei Frickenhausen, die die literarische Lesung mit Hörspiel- und Theaterelementen vereint. Das Publikum ist dabei mit Kopfhörern ausgestattet, über die es eine intensive, vielschichtige Geräuschkulisse aufnimmt. Im Zentrum steht die Stimme von Jens Nüßle, Gründer und Leiter der Theaterspinnerei, der zum Ich-Erzähler des Romans wird und dabei bis an die Grenzen der Erschöpfung geht. Stephan Hänlein, Dramaturg und Techniker, steuert Gitarrenklänge und den akustisch dichten Hintergrund bei: Alltagsgeräusche aus einem afrikanischen Dorf, Akkordeonklänge, die Marseillaise, Schreien und Weinen.

 

Eine große Stimme der französischen Gegenwartsliteratur

Was ist passiert? Ein junger Mann sitzt in der Zelle des Polizeireviers, verhaftet und verprügelt. Offenbar hat er etwas Schlimmes getan, kann sich aber unter dem Einfluss von Rauschmitteln zunächst kaum erinnern – oder ist doch alles nur ein Missverständnis? Seine Gedanken jagen sich, aus dem Unterbewusstsein schwimmen Erinnerungen an die Oberfläche: an Kindheitsszenen und Demütigungen in der Schule, an die verlorene große Liebe oder mahnende Worte des „Ahnen“ in der Heimat. Der junge Mann ist als Kind aus dem Kongo nach Frankreich gekommen, wie der Autor selbst. Wilfried N’Sondé ist eine große Stimme der französischen Gegenwartsliteratur, mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. „Das Herz der Leopardenkinder“ war sein Debüt, 2007 in Frankreich und bereits 2008 in deutscher Übersetzung erschienen. Es öffnet einen Zugang zur Welt der Jugend im Pariser Vorstadtgürtel, der Banlieue, wo sich die Perspektivlosigkeit zu einem Pulverfass verdichtet.

Obwohl die Theatermacher den Roman stark gekürzt haben, wird der Strudel nachvollziehbar, in den Alkohol, Drogen und Frustrationen den Protagonisten führen. Das Leben entgleitet ihm Stück für Stück. Das ist keine leichte Kost, bis hin zur brutalen Gewaltattacke und verschiedenen körperlichen Entleerungen in der Zelle. Nüßle durchlebt das, begleitet sich selbst an den atemlosen, manchmal hektisch treibenden Drums, während Hänlein emotionale Atmosphäre schafft. Wilfried N’Sondé ist beeindruckt von der Umsetzung. „Die Emotionen sind so hoch, ich habe das Gefühl, ich kann nichts Intelligentes sagen“, sagt der Autor, der 24 Jahre in Deutschland gelebt hat, im Anschluss. Für ihn sei es spannend, den Text auf diese Weise neu zu entdecken – 20 Jahre nachdem er ihn geschrieben hat.

In der Pandemie wurden erstmals Kopfhörer eingesetzt

N´Sondé beantwortet auch Fragen des Publikums, das durch die Schülerinnen und Schüler einer zwölften Klasse deutlich verjüngt wird. „Man lebt im Glanz der Menschenrechte, in einem demokratischen Land, und erfährt trotzdem Diskriminierung“, sagt er: „Das kann man einfach nicht verstehen.“ Die Idee für diese literarische Lesung hatte Vera Romeu, die Leiterin der Sammlung Domnick. Die Kulturwissenschaftlerin kennt den Autor und hat schon öfter Projekte mit der Theaterspinnerei realisiert. Bei einem davon, als man in der Pandemiezeit Abstand halten musste, wurden erstmals Kopfhörer eingesetzt. Das hat sich als so wirkungsvoll erwiesen, dass nun eine Art eigenes Format daraus wurde.

An diesem Samstag, 4. Mai, findet die Lesung „Das Herz der Leopardenkinder“ als letzter Termin im Rahmen der „Nürtinger Krimizeit“ noch einmal statt. Weitere Vorstellungen waren zunächst nicht eingeplant, sind aber bei entsprechender Nachfrage möglich.