Hauptsache, das Leben geht irgendwie weiter: Schutthaufen auf dem Marktplatz im Frühjahr 1944. Weitere Bilder von Kriegszerstörungen im Stadtbild zeigt die Fotogalerie. Foto: Stadtarchiv/101 FN 250

Der erste Luftangriff auf Stuttgart fand im August 1940 statt. Zwei Jahre später sind die Folgen immer noch zu sehen. Fotos und Akten dokumentieren eine zunehmende Überforderung.

Die Bilder zerstörter ukrainischer Städte erinnern derzeit wieder an die Schrecken, die der Krieg auch für die Zivilbevölkerung bringt. Im Zweiten Weltkrieg war das nicht anders, Deutsche waren damals Täter und Opfer. Bekanntlich wurde die Stuttgarter Innenstadt im Sommer 1944 weitgehend zerstört, die auch in anderen Städten „bewährte“ Mischung von Spreng- und Brandbomben entfachte einen Feuersturm, der auch nicht direkt getroffene Gebäude erfasste und zerstörte.

 

Die Luftangriffe auf Stuttgart begannen aber schon deutlich früher, der erste fand am 25. August 1940 statt. Vermutlich sollte er die Daimlerwerke treffen, die Angreifer warfen ihre Bomben aber dann über Gaisburg und Untertürkheim ab – und trafen entweder freies Feld oder Wohnhäuser.

Nur einige wenige beschädigte Häuser wurden überhaupt fotografiert

Die Folgen dieser Zerstörungen sind noch zwei Jahre später zu sehen, als die 12 000 Straßenansichten von ganz Stuttgart erstellt werden, die als Grundlage für unser Projekt „Stuttgart 1942“ dienen. Die relativ schwer getroffene Untertürkheimer Siedlung zwischen Kappelberg- und Fellbacher Straße ist in den Fotos nicht enthalten – womöglich nicht zufällig. In der Alfdorfer Straße, unweit der Gaisburger Kirche, sieht man dagegen auf einigen Bildern ein schwer beschädigtes Haus mit Baumaterial – in der Bildergalerie finden sich sämtliche Fotos von dort. Naturalien und Geld waren die Entschädigung, die der Staat den Opfern solcher Angriffe damals typischerweise zugestand.

Für die betroffenen Familien bedeutete der Angriff meist den Verlust ihres Wohnraums. Die Stadtverwaltung und die Luftabwehr studierten die Luftangriffe intensiv und dokumentierten mit Fotos der zerstörten Innenräume auch die Folgen für die getroffenen Häuser und Menschen. Vier Menschen kamen in der Nacht vom 25. August 1940 ums Leben, fünf wurden verwundet. Noch zwei Jahre später waren die Folgen im Stadtbild sichtbar.

Was die Bilder vom Rathausturm zeigen

1942 intensivierten sich die Luftangriffe, den auf Zuffenhausen vom Mai 1942 haben wir anhand von Familienbildern, persönlichen Erinnerungen und Archivmaterial rekonstruiert. Eine um weitere Sichtweisen ergänzte Version findet sich auch im dritten „Stuttgart 1942“-Magazin, das seit November erhältlich ist, unter anderem über unseren Onlineshop.

Besonders interessant sind die im Rathausturm aufgenommenen Bilder in dem „Stuttgart 1942“-Bestand, die ebenfalls im Stadtarchiv aufbewahrt werden. Sie wurden dem Bestand im April 1944 hinzugefügt. 1943 hatten der Westen und Bad Cannstatt sowie im März 1944 die Innenstadt schwere Luftangriffe erfahren. Wer genau hinsieht, erkennt es an den teilweise aufgerissenen Dächern – und an dem Schutthaufen mitten auf dem Marktplatz.

„... dass auch unsere Innenstadt angegriffen wird“

„Die Angriffe gelten insbesondere der Innenstadt und im besonderen den Wohnstädten mit dem ausgesprochenen Ziel, die menschliche Arbeitskraft zu vernichten und den Widerstandswillen des Volkes zu brechen“, schreibt der Oberbürgermeister Karl Strölin in einer als vertraulich gekennzeichneten Auswertung der alliierten Luftangriffe vom Juli 1943. Und weiter: „Wir müssen also damit rechnen, dass auch unsere Innenstadt angegriffen wird.“

So kam es denn auch. Die weiteren Akten im Stadtarchiv zum Umgang mit den Luftangriffen lassen bis zum Schluss den Wunsch der Verwaltung erkennen, der Zerstörung Herr zu werden – und die zunehmende Überforderung. Seit Juli 1943 sollten in der Innenstadt „überhaupt keine Wiederaufbauarbeiten mehr gemacht werden“, schreibt Strölin in seiner Analyse, „insbesondere aber keine Dachwohnungen eingebaut“.

Warum liegt Schutt auf dem Marktplatz?

Dass im Frühjahr 1944 der Schutt auf dem Marktplatz liegen bleibt, hat schlicht pragmatische Gründe. Auf einem Anfang 1944 erstellten Plan zu einer größeren Schuttbeseitigung ist der Marktplatz nicht als Abladestelle eingetragen, und im Stadtarchiv weiß niemand von weiteren Bildern des Schutthaufens. Vielmehr wurden vor allem die Straßen vom Schutt befreit, von 1944 an immer häufiger mit Schneepflügen und Greifbaggern. Der Schutt wurde in die zerstörten Gebäude gekippt oder eben in Haufen zusammengetragen.

Auf dem Foto vom Marktplatz sehen wir vermutlich Trümmer aus der Schulstraße. Sie könne „infolge unglücklicher Anfahrtmöglichkeit nur an 2 Stellen vor Kopf geräumt werden“, schreibt das Tiefbauamt Ende März 1944 und schlägt eine komplette Sperrung der Straße vor. Es lägen allerdings „unverhältnismäßig große Holzmassen in den Trümmern, die für einen künftigen Flächenbrand eine große Gefahr bilden“.

Das ist die Übersetzung der Kriegsgräuel in Verwaltungsdeutsch. Sie ist überliefert. Das Leid der Opfer können wir uns 80 Jahre später nur noch vorstellen. Die Bilder aus dieser Zeit können uns dabei helfen.