Ratko Mladic wird trotz seiner Verbrechen im Krieg in seiner Heimat von vielen Menschen noch immer verehrt. Foto: dpa

Serbiens Kriegsverbrecher haben Konjunktur. Regierungsnahe Medien glorifizieren immer wieder ihre Taten.

Belgrad - Eine kritische Aufarbeitung der dunklen Kapitel der eigenen Geschichte ist beim EU-Anwärter Serbien nicht in Sicht. Im Gegenteil: Die Kriegsverbrechen der 90er Jahre werden von Regierungspolitikern systematisch beschönigt oder relativiert – und die Täter von den ihnen nahestehenden Medien längst wieder als Helden gefeiert.

Ein Anruf auf der Gefängniszelle

Jüngster Tiefpunkt der Glorifizierung der Kriegsverbrecher: Die Live-Zuschaltung des wegen des von ihm befehligten Genozids in Srebrenica in erster Instanz zu lebenslang verurteilten Ex-Generals Ratko Mladic im Morgenprogramm des regierungsnahen Privatsenders TV Happy. Bei dem Sender, den der allgewaltige Staatschef Aleksandar Vucic gerne für seine berüchtigten Monolog-Interviews zu nutzen pflegt, gastierten am Freitag außer dem rechtskräftig verurteilten Kriegsverbrecher Vojislav Seselj auch der Sohn von Mladic. Mitten in der Sendung rief Darko Mladic per Handy seinen im UN-Untersuchungsgefängnis im niederländischen Scheveningen einsitzenden Vater an. „Es küsst euch Opa Ratko“, grüßte der zugeschaltete Kriegsverbrecher launig sein Publikum. Seinem fülligen Ex-Mithäftling Seselj empfahl der 75-Jährige eine Abmagerungskur und forderte ihn zu einem baldigen Schachspiel auf.

Empörung bei den UN

Weniger erheitert als die Studiogäste zeigte sich hernach eine Sprecherin des IMRCT, der Nachfolgeorganisation des Ende 2017 eingestellten UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag. Sie kündigte die Einleitung einer Untersuchung wegen des Bruchs der Hausregeln an. Den Häftlingen sei es zwar gestattet, über ein gemeinsames Gefängnistelefon unbegrenzt Kontakt zu ihren Angehörigen zu unterhalten. Doch ohne Genehmigung dürften sie nicht mit den Medien sprechen.

Nur Oppositionspolitiker und Bürgerrechtlerhaben derweil in Serbien auf die von ihnen als „Erniedrigung der Opfer“ kritisierte Mladic-Zuschaltung bei TV Happy reagiert. Beschwichtigung und Verklärung ist in Sachen serbischer Kriegsverbrechen hingegen in Belgrader Regierungsreihen Trumpf. Bei ihrer Deutschland-Visite vergangene Woche hatte Regierungschefin Ana Brnabic in einem Interview mit der Deutschen Welle erneut erklärt, dass die von Mladic im Juli 1995 befehligten Massenhinrichtungen von über 7000 männlichen Muslimen im bosnischen Srebrenica „kein Genozid“ gewesen seien.

Werbetrommel für einen Kriegsverbrecher

Bei der Belgrader Buchmesse im Oktober dieses Jahres konnte nicht nur Ultranationalist Seselj an dem Stand seines Verlags „Großserbien“ in der Haupthalle tagelang die Werbetrommel für sein neues Werk rühren. In Abwesenheit hievte ausgerechnet das Verteidigungsministerium einen weiteren rechtskräftig verurteilten Kriegsverbrecher ins Rampenlicht. Stolz präsentierte der Ministeriumsverlag „Verteidigung“ bei der Bücherschau das Kosovo-Kriegstagebuch des vom UN-Tribunal wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Jahr 2009 zu 22 Jahren Haft verurteilten Ex-Generals Nebojsa Pavkovic. Es gebe keinerlei Grund, „sich des Kampfes unserer Nation zu schämen“, begründete das Ministerium die staatlichen Rehabilierungsanstrengungen für den in Finnland seine Strafe absitzenden Kriegsverbrecher.

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