Der Kriegsreporter Konstantin Flemig in der Ukraine vor einigen Jahren. In Butscha kam Flemig ganz nah an das Grauen des russischen Angriffskriegs. Foto: privat

Kriegsreporter Konstantin Flemig hat seine Erfahrungen in einem Buch aufgeschrieben. Wie hat der Böblinger die Erlebnisse verarbeitet und was lernt er aus Gesprächen mit Kriegsopfern?

Krieg in der Ukraine, in Israel, Gaza und Libanon und im Iran - derzeit wüten viele bewaffnete Konflikte, die den Wunsch von Weltfrieden in weite Ferne rücken. Entsprechend voll mit Berichten über zerbombte Städte und getötete Menschen sind die Nachrichten, Zeitungen und Newsportale tagtäglich.

 

Angesichts der gefühlten Omnipräsenz schlechter Nachrichten könnte man meinen, Menschen in Deutschland bräuchten nicht auch noch eine Lektüre über die Kriegserfahrungen eines Reporters. Doch das Gegenteil scheint der Fall: Das Interesse an Hintergründen und den menschlichen Schicksalen dahinter ist groß, wie der Erfolg des Buchs von Journalisten Konstantin Flemig „Freiheit unter Feuer“ zeigt. Zwischenzeitlich sogar auf Platz zwei der Sachbücher geführt, steht „Freiheit unter Feuer“ seit Mitte April in der Spiegel-Bestsellerliste.

Mit seinem Rückblick auf gefährliche Fronterlebnisse und berührende Gesprächen mit den Leidtragender brutaler Kriege trifft der gebürtige Böblinger offenbar einen Nerv. Auch der erfahrene Kriegsreporter zeigt sich daher erstaunt über die Resonanz auf sein Buch und die Hörbuchfassung: „Das war absolut überraschend. In diesen nachrichtlich schweren Zeiten freut mich das umso mehr.“ Der 37-Jährige sieht vor allem seine mittlerweile über 270 000 Follower zählende YouTube-Gemeinde als hauptverantwortlich für den Erfolg an.

Flemig reiste in den Irak und in die Ukraine zum Filmen

Was Flemig nun auch in seinem Buch erzählt, sind keine Wohlfühlgeschichten. Im Mittelpunkt stehen seine Erfahrungen im Nahen Osten und in der Ukraine - Regionen, in den grauenvolle Kriege toben. Im irakischen Mossul zum Beispiel hatte Flemig 2015, 2017, 2018 und 2024 gedreht und den Häuserkampf gegen den IS hautnah miterlebt. 2022 filmte er in der Ukraine und erhielt in Butscha drei Monate nach dem bestialischen Massaker der russischen Armee mit 458 ermordeten Menschen Einblicke in eine Stadt, an deren Hauswänden noch die Einschusslöcher und Blutspritzer zu erkennen waren.

Konstantin Flemig weilte auch in der Ukraine für seine Berichterstattung. Foto: privat

Die erneute Auseinandersetzung mit diesen Inhalten hat den Autor gedanklich in die Zeiten zurückgebracht: „Die Gefühle von damals kehren wieder zurück. Ich habe Teile des Buches vergangenen Sommer im Freibad verfasst. Der Kontrast zwischen dem Ort, an dem ich mich befand, und den Orten, über die ich geschrieben habe, konnte kaum größer sehen. Hier: Wohlstand, Friede und Sicherheit. Dort: Krieg, Leid und Terror.“

Erlebnisse lassen Konstantin Flemig heute nicht kalt

Den Böblinger Dokumentarfilmer lassen die Geschichten auch Jahre später nicht kalt: „Ich wache nicht nachts schreiend auf. Albträume habe ich keine. Aber: Es gibt Momente, wie an Silvester, wenn es plötzlich laut knallt, reagiere ich stärker als früher. Für einen Bruchteil der Sekunde verspüre ich die Intuition, schnell Schutz zu suchen. Da wird der Überlebensinstinkt aktiviert, den ich bei meinen Drehs geschärft habe.“

Das Aufschreiben der teils extremen Erfahrungen für das Buch sowie das Einsprechen der Passagen für das Hörbuch haben Flemig wieder erinnert, wie wichtig das Bauchgefühl bei seiner Arbeit ist. Mindestens einmal hat eine Bauchentscheidung dem Wahl-Mainzer wahrscheinlich das Leben gerettet: „Ich hatte 2022 vor, ein drittes Mal in die umkämpfte ukrainische Stadt Bachmut zu reisen. Kurzfristig habe ich mich anders entschieden. Daraufhin wurde bekannt, dass ein Konvoi beschossen wurde, in dem wir vermutlich gesessen hätten.“

Nicht alle Angebote nimmt der Kriegsjournalist an

Solche Erlebnisse und Meldungen über getötete Berufskollegen ermahnen den Journalisten, alle Einsätze trotz aller Reize immer einem Realitätscheck zu unterziehen. Manche Angebote würde er daher ablehnen: „An vorderster Front auftreten, wo Artillerie auf einen fällt, kommt nicht in Frage. Ob die Granate einen trifft, ist nur noch eine Frage von Glück und Pech. Ich möchte lieber die Geschichten dahinter erzählen.“

Was der 37-Jährige ebenfalls aus den Krisengebieten mitgenommen hat, klingt zunächst überraschend: „Viele der jungen Menschen dort haben trotz der verlorenen Freiheit und des Leids durch Bombenhagel und Terror weder Mut noch Hoffnung verloren. Das hat mich beeindruckt.“ Die „enorme Resilienz“ und „die Bereitschaft vieler junger Menschen, sich für die Demokratie einzusetzen“, habe ihn in seinem Glauben an die junge Generation Europas bestärkt: „Ich habe großes Vertrauen in sie.“

Eine weitere Erkenntnis: „Freiheit und Demokratie, wie wir sie gewohnt sind, sind nicht Natur gegeben. Sie stehen auch in Deutschland unter Feuer“, betont Flemig. „Rechtsextremisten und Islamisten arbeiten beide auf die Abschaffung dieses Systems hin, aber wir sind diesen Bestrebungen nicht ausgeliefert. Wenn wir mehr kooperieren und uns – gleich welcher politischen Couleur – auf Gemeinsamkeiten konzentrieren, können wir Antidemokraten zurückdrängen. Das sollten wir nicht vergessen“, richtet der Buchautor einen Appell an Politiker und Bürger auch hierzulande.

Extreme Einblicke

Biografie
Konstantin Flemig ist 1988 in Böblingen geboren. Später zog er mit seiner Familie nach Filderstadt. Er studierte in Ludwigsburg und München. Heute ist der Kriegsfilmer zwar beim ZDF angestellt, betreibt aber weiterhin seinen Youtube-Kanal „Konstantin Flemig – Kriegsreporter“.

Buch
Das Buch „Freiheit unter Feuer“ ist im Ludwig-Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 18 Euro. Die Hörbuchversion hat der Böblinger selbst eingesprochen. Auch sie ist im Buchhandel und online erhältlich.