Blumen für die Toten: Beisetzung von Soldaten und Zivilisten 2013 in Potsdam . Sie starben im April 1945. Ihre sterblichen Überreste wurden vom Volksbund geborgen. Foto: dpa

Es gärt im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Präsident Markus Meckel findet in den 16 Landesverbänden immer wenig Unterstützung – nicht nur wegen seines Führungsstils. Im Interview attackiert der Landesvorsitzende Johannes Schmalzl den Präsidenten.

Stuttgart. - Herr Schmalzl, der Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, macht sich Sorgen über die Zukunft des Verbandes. Inhaltlich wie finanziell. Hat Markus­ Meckel recht?
Wir leben seit über 70 Jahren in Frieden und Freiheit. Die Erlebnisgeneration, die den Krieg noch mitgemacht hat, stirbt irgendwann weg. Die Menschen nehmen Frieden und Freiheit als etwas Selbstverständliches. Wer beschäftigt sich da schon gern mit Tod, mit Erinnern? Insoweit sind wir seit Jahren im einem Reformprozess. Aber wir müssen dabei auch Rücksicht nehmen auf die, die jedes Jahr 30 Millionen Euro an den Volksbund spenden.
Der Bund hatte einmal 600 000 Mitglieder, heute sind es noch 100 000, davon stellt die Erlebnisgeneration, von der Sie sprechen, 80 Prozent. Sie brauchen neue und jüngere Unterstützer.
Wir müssen uns dem Wandel stellen. Aber wir müssen auch zeigen, dass wir stolz sind auf diese Organisation, die bald 100 Jahre alt wird und die es nach wie vor schafft, mit kleinen Beträgen jedes Jahr 30 Millionen Euro zu erwirtschaften. Wir sind als einzige Kriegsgräberorganisation in Europa eine zivilgesellschaftliche Organisation. Wir werden deshalb nie eine 100-Prozent-Finanzierung durch den Bund anstreben, obwohl wir Aufgaben des Bundes erledigen.

„Der Volksbund ist liquide wie nie.“

Markus Meckel warnt, der Volksbund stehe vor dem finanziellen Aus, wenn man den Bund nicht deutlich mehr finanziell in die Verantwortung einbezieht.
Das ist eine sehr gefährliche Aussage. Wir 16 Landesvorsitzenden sagen deshalb ganz deutlich: Wir hätten diese Wortwahl so nicht getroffen. Mittelfristig müssen wir uns tatsächlich auf rückgehende Einnahmen einstellen. Doch der Volksbund ist liquide wie nie. Wir bekommen große Nachlässe. Bundeswehrsoldaten und Reservisten sammeln Rekordergebnisse, obwohl es kaum mehr Standorte gibt.
Aber reicht das auf Dauer?
Das hängt immer von den Aufgaben ab. Aktuell birgt der Volksbund in Ost- und Südosteuropa jedes Jahr noch immer 30 000 tote Wehrmachtssoldaten, bettet sie um auf einen Friedhof, ruft bei der betagten Schwester an, damit sie nach vielen Jahrzehnten von ihrem Bruder Abschied nehmen kann. Das sind Gänsehautmomente. Aber die Arbeit des Volksbundes war immer zukunftsgerichtet. 500 000 Jugendliche haben in den letzten 60 Jahren in bis zu 60 Workcamps jedes Jahr zwei Wochen Kriegsgräberstätten gepflegt. Das macht uns sehr hoffnungsvoll. Nein, der Volksbund steht mitnichten vor der Insolvenz. Das Wort von der drohenden Pleite, die jetzt fahrlässig herbeigeredet wird, ist aus taktischen Erwägungen geschehen.
Weil der Streit nicht nur um Finanzen, sondern auch um die Person des Präsidenten geht? Weil Meckel sagt, der Volksbund habe die Fragen von Schuld und Verantwortung im Nationalsozialismus ausgeblendet?
Der Richtungsstreit ist vorgeschoben. Der Volksbund beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit diesen Fragen, und er hat einen wissenschaftlichen Beirat berufen, der ihn berät. Wie wir mit Soldaten umgehen, die auch aus eigenem Antrieb Verbrechen begangen haben, muss uns keiner erklären.

„Es geht vor allem um das Führungsverhalten des Präsidenten“

Markus Meckel sieht das anders.
Es war ein gewisses Risiko, einen Präsidenten zu berufen, der den Volksbund vor Amtsantritt nicht kannte. Ich hätte mir nicht träumen lassen, das in Meckels erstem Leitbild-Entwurf das Wort Soldat kein einziges Mal auftaucht. In Frankreich, Großbritannien, den USA oder Russland wäre ein Präsident, der für Kriegsgräber zuständig ist und das Wort Soldat vermeidet, in kürzester Zeit abgelöst worden. Dass Meckel einen Richtungsstreit, den wir gar nicht haben, breittritt, macht die Landesvorsitzenden für ihn nicht gewogen. Sagen wir es offen: Es geht vor allem um das Führungsverhalten des Präsidenten, um eine demokratische stolze Organisation mit einer stolzen Geschichte, die sich nicht von oben herab abkanzeln lässt.
Gibt man dem Präsidenten mehr Zeit, den Volksbund besser kennenzulernen? Oder man sagt man, es war ein Versehen, einen Mann an die Spitze zu setzen, der zu wenig von uns weiß? Meckel jedenfalls will weitermachen.
Ich schätze die Person Markus Meckel sehr und seine Lebensleistung. Aber der Volksbund ist eine Organisation, in der wir vertrauensvoll und mit viel Wertschätzung miteinander umgehen, Haupt- wie Ehrenamtliche. Wir erwarten vom Präsidenten, dass er wertschätzend und vertrauensvoll mit allen im Volksbund umgeht. Das Präsidium hat Meckel wiederholt aufgegeben, sein Verhältnis auch innerhalb der Organisation zu klären. Unsere Fürsorge gilt aber nicht nur den Mitarbeitern, die sich bitter über den Präsidenten beschweren, sondern sie gilt auch dem Präsidenten. Wir sind deshalb an einer Deeskalation interessiert, aber auch daran, dass diese erfolgreiche Friedensorganisation auch die nächsten Jahrzehnte weiter agieren kann.

Volksbund solle wieder seinen Aufgaben nachkommen

Im September findet eine vorgezogene Bundesvertreterversammlung statt. Muss Meckel bis dahin ein Kooperationszeichen setzen?
Wir haben dieses Datum für den Bundesvertretertag, der so was wie das Parlament des Volksbunds ist, vorziehen müssen, um den Schwebezustand zu beenden. Um deutlich zu machen, dass wieder Wertschätzung und vertrauensvolle Zusammenarbeit Einzug hält. Das ist eine sehr deutliche Erwartung von allen Ehren- und Hauptamtlichen im Interesse unserer Organisation.
Glauben Sie, dass dieses Signal an der richtigen Stelle angekommen ist?
Das Signal ist angekommen. Es ist nur die Frage, wie weit man dort bereit ist zu akzeptieren, dass der Volksbund keine Organisation ist, in der der Präsident am Schluss sagen kann, ich setze mich inhaltlich nicht mit euch auseinander und mache, was ich will. Der Landesverband Baden-Württemberg, der erheblich für die Einnahmen sorgt, hat Interesse daran, dass wieder geräuschlos agiert wird und der Volksbund seinen Aufgaben nachkommt. Der Volksbund durchlebt gerade die größte Krise in seiner fast 100-jährigen Geschichte – und die hat mit einer Person zu tun.
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