Rolf Zielfleisch zeigt eine Stahlhaube, die im Krieg das Kellerfenster vor dem Luftdruck von Bombenexplosionen schützen sollte. Foto: Bernd Zeyer

Vor 75 Jahren ging mit der deutschen Kapitulation der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende. Er brachte unsägliches Leid über die Menschen und hat bis zum heutigen Tag im Stadtbild vieler Städte Spuren hinterlassen – auch in Feuerbach.

Feuerbach - Vor 75 Jahren, am 9. Mai 1945, ging mit der deutschen Kapitulation der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende. Er brachte unsägliches Leid über die Menschen und hat bis zum heutigen Tag im Stadtbild vieler Städte Spuren hinterlassen – auch in Feuerbach. Dazu zählen bekannte Bauwerke wie der Spitzbunker am Bahnhof, aber auch einige weitgehend vergessene Hinterlassenschaften.

Weiße Pfeile wiesen den Weg zur Sammelstelle

„Viele der Kriegsspuren sind auf den ersten Blick nicht erkennbar“, sagt Rolf Zielfleisch, der Erste Vorsitzende des Vereins Schutzbauten Stuttgart. Eigentlich wollte der Verein zusammen mit dem Bürgerverein am 9. Mai einen Ortsrundgang zu diesem Themenbereich anbieten, die Coronakrise machte einen Strich durch die Rechnung. Rund 40 Stationen umfasst die Tour, die eventuell später nachgeholt werden soll und die beim Hallenbad beginnt. Dort befindet sich bis heute eine Zisterne, die im Zweiten Weltkrieg als Löschwasser-Reservoir angelegt worden war. Während der Umbauarbeiten für das Bad wurde sie 2018 wieder entdeckt und saniert. Gleich gegenüber liegt das Gebäude der Feuerwehr. Im Krieg, so berichtet Zielfleisch, sei deren Boden um 30 Zentimeter verstärkt worden, um Erschütterungen bei Luftangriffen besser standhalten zu können. Ein Umstand, der noch heute dafür verantwortlich sei, dass die Fahrzeuge der Wehr nicht allzu hoch sein dürfen.

Heute noch ist an der Wand der Wache und an anderen Gebäuden ein weißer Pfeil zu sehen, der einst den Weg zu einer „Sammelstelle“ wies. Die befand sich auf dem Gelände des heutigen Sportparks, dort konnten sich die Menschen nach einem Fliegerangriff versammeln. Auch ein weißes „H“ ist noch an einigen Feuerbacher Häusern zu sehen. Laut Zielfleisch weist der Buchstabe nicht etwa auf einen Hydranten, sondern auf einen Luftschutzausstieg hinter dem Haus beziehungsweise im Hof hin.

Wiener Straße, Salzburger Straße, Klagenfurter Straße – diese und andere Straßennamen österreichischer Städte wurden 1938 anlässlich des „Anschlusses“ des Landes ans Deutsche Reich vergeben und sind immer noch in Gebrauch.

Die Stuttgarter mussten die französische Flagge grüßen

Auch zum Wilhelm-Geiger-Platz und dem Rathaus kann Zielfleisch manche Geschichte erzählen: In der Gaststätte Schillerhaus war nach dem Krieg die französische Ortskommandantur untergebracht, wo eine Trikolore wehte. Alle Stuttgarter, die dort mit der Straßenbahn unterwegs waren, mussten aussteigen und die Flagge grüßen, bevor sie weiterfahren durften. Unter dem Rathaus war während des Krieges ein Luftschutzraum für 80 Personen gebaut worden, der noch existiert. Gleich daneben liegt ein Einsatzbunker des ehemaligen Sicherheits- und Hilfsdienstes (SHD), der ebenfalls noch vorhanden ist.

Damit sie bei Bombenangriffen dem Luftdruck standhielten, wurden viele Kellerfenster zugemauert oder mit eisernen Luken versehen. Auch davon sind noch zahlreiche Beispiele sichtbar. Zwischen ehemaligen Luftschutzkellern gibt es immer noch einige Kriechgänge aus den Kriegszeiten. In ganz Stuttgart hatten sie eine Länge von insgesamt 38 Kilometern.

Im Gebäude Wiener Straße 102 war früher das so genannte „Braune Haus“, untergebracht, die Parteizentrale der NSDAP, wo auch der Ortsgruppenleiter residierte. Heute nutzt das Gebäude, das im Krieg unbeschädigt blieb und dessen Fassade von Braun- und Beigetönen dominiert wird, eine Kindertagesstätte. Ebenfalls eine ganz andere und auch friedlichere Verwendung gefunden hat der Tiefbunker in der Föhrich-Siedlung, der früher 500 Menschen Platz bot. Dort proben seit einigen Jahren Musiker.

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