Regierungstruppen haben diese Männer festgenommen. Sie sollen zu den Kämpfern der Gegenseite gehören. Was mit Gefangenen passiert, ist in Syrien mehr als Ungewiss. Foto: dpa

Bis zu 13 000 gefangene Syrer wurden binnen fünf Jahren umgebracht, berichtet Amnesty International. Der Horror ist laut Amnesty-Bericht von den höchsten Ebenen des syrischen Staates autorisiert worden.

Kairo - Minuten vor ihrem Ende ahnten die gefangenen Assad-Gegner noch nicht, was ihnen bevorstand. Mit verbundenen Augen mussten sie sich mitten in der Nacht im Keller des ­Sednaya-Gefängnisses vor einem kleinen Tisch aufstellen. Man hatte sie zuvor aus ihren Zellen geholt unter dem Vorwand, sie in eine bessere Haftanstalt zu verlegen. Doch dann befahlen die Wärter, sie sollten auf einem Zettel einen letzten Wunsch notieren und per Fingerabdruck das eigene Todesurteil signieren. Da wurde den Opfern klar, dass sie sterben mussten. „Einige verstummten, andere fielen in Ohnmacht“, berichtete ein früherer Gefängniswärter.

Gefesselt in den Hinrichtungsraum

Mit verbundenen Augen wurden die Gefesselten in den Hinrichtungsraum geführt und auf eine Plattform gestellt. Blitzschnell bekam jeder eine Schlinge um den Hals und wurde von den Brettern gestoßen. Bis zu einer Viertelstunde dauerte der Todeskampf. „Bei den Jüngeren reichte das Gewicht nicht, um sie zu töten“, sagte ein früherer Militärrichter aus. „Ein Mitarbeiter des Offiziers zog dann ihre Körper nach unten, bis ihnen das Genick brach.“

Das Ohr am Boden

Häftlinge im Stockwerk darüber berichteten, wenn man das Ohr auf den Beton­boden legte, konnte man eine Art Röcheln hören. „Das dauerte etwa zehn Minuten. Wir schliefen über dem Geräusch von ­Menschen, die langsam erdrosselten“, gab ein Ex-Offizier zu Protokoll, der 2012 verhaftet worden war. Ein- oder zweimal pro Woche fanden in dem berüchtigten Sednaya-Militärgefängnis nahe Damaskus Massenhinrichtungen von 20 bis 50 Personen statt, die dann auf zwei Mi­litärarealen am Rande der Hauptstadt verscharrt wurden. Zwischen 5000 und 13 000 Syrer sollen nach dem jüngsten Bericht von Amnesty International mit dem Titel „Menschliches Schlachthaus“ zwischen 2011 und 2015 getötet worden sein. Ihre Familien tappten im Dunkeln, wussten nicht, wo ihre Angehörigen eingesperrt waren, bis sie eines Tages einen Totenschein mit den üblichen Diagnosen Herzversagen oder Atemstillstand erhielten.

Strategie der Vernichtung

Die Menschenrechtsorganisation wirft dem Assad-Regime vor, „eine gezielte Strategie der Vernichtung“ seiner Gegner zu praktizieren. Die Massenexekutionen in Sednaya, die wahrscheinlich bis heute ­weitergehen, seien „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Doch lassen auch diese Vorwürfe Syriens Diktator kalt. Ihm sei egal, ob der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag Anklage erheben werde, erklärte Baschar al-Assad in einem Interview mit belgischen Journalisten. Erst im Dezember hatte der Weltsicherheitsrat beschlossen, Beweise für Kriegsverbrechen in Syrien zusammentragen zu lassen.

Der Horror sei von den höchsten Ebenen des syrischen Staates autorisiert worden, heißt es in dem Amnesty-Bericht. „Was wir herausgefunden haben, ist jenseits von allem, was wir bisher wussten“, sagte Nicolette Waldman, eine der Autorinnen des Reports. „Diese Praxis erfordert eine neue Form der Antwort.“

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