OB Stefan Belz (3.v.l.) diskutierte mit David Japol (l.) und Kateryna Wiedergold (7.v.l.). Danyil Turok (5.r.) und Natalia Kurkowa (2.v.l.) sorgten für das Kulturprogramm. Foto: Morawitzky

Seit vier Jahren herrscht Krieg in der Ukraine. Bei einem „Tag der Erinnerung“ im Böblinger Treff am See ging es um die Kultur des Landes und die Integration der geflüchteten Ukrainer.

Vier Jahre sind vergangen. Kateryna Wiedergold spricht es aus. „Vier Jahre seit jenem Morgen, der alles verändert hat. Vier Jahre, in denen Kinder Fragen stellen, auf die es keine einfachen Antworten gibt: ‚Mama, warum gibt es Krieg?‘“

 

Am 24. Februar 2022 begann Russland den Krieg gegen die Ukraine. Am Sonntagmorgen wandte sich Böblingens Oberbürgermeister Stefan Belz (Grüne) bei einem Podiumsgespräch im Treff am See anlässlich dieses Jahrestags nicht zuletzt an die jungen Menschen, die vor zehn oder 15 Jahren noch in eine Welt hineingeboren wurden, die als sicher galt. Eine freiheitliche, demokratische Ordnung sei keine Selbstverständlichkeit – diese Tatsache kehre ins allgemeine Bewusstsein zurück. Belz diskutierte mit Kateryna Wiedergold und David Japol. Organisiert wurde der „Tag der Erinnerung“ von der Böblinger Helfergruppe des Advent-Wohlfahrtswerks.

Das Brandenburger Tor wird in den Farben der Flagge der Ukraine angestrahlt. Teilnehmer versammelten sich zum vierten Jahrestag des Kriegsbeginns in der Ukraine. Foto: Markus Lenhardt/dpa

Ein Publikum hat sich eingefunden, das gemeinsam zurückdenkt: Menschen aus der Ukraine, die ihre Dankbarkeit zum Ausdruck bringen, mit Liedern, die vom Ende des Krieges träumen. Ganz zu Beginn ist es ein Quartett, das einen Song der ukrainischen Rockband Okean Elzy singt, hier als Folksong mit klagender Mundharmonika und schönen Stimmen. „Obijimy“ heißt auf Deutsch „Umarme mich“. Später dann singen vier Kinder „Stoppt den Krieg, liebe, kluge Erwachsene.“ Der 24. Februar 2022 ist ein langer Tag, stellt Stefan Belz fest – er dauert bis heute an. „Wir hoffen, dass er irgendwann zu Ende geht.“

Böblingen und die Integration der geflüchteten Ukrainer

In Böblingen seien Flüchtlinge aus der Ukraine auf ganz unterschiedliche Weise angekommen. Etwa 1000 von ihnen leben laut Belz in der Stadt. Die geflohenen Familien integrierten sich, prägten längst das Stadtbild mit. „Sie erlernen unsere Sprache und setzen sich mit unseren Werten auseinander.“ Und an jedem Jahrestag der russischen Invasion spiele das Glockenspiel auf dem Böblinger Rathaus die Hymne der Ukraine.

Vielfältiges werde in Sachen Integration geleistet, mit Hilfe von Sprachkursen, Begegnungen, bei der Kinderbetreuung. Böblingen als Stadt, in der Menschen aus mehr als 120 Nationen lebten, mit einer Bevölkerung, in der jede zweite Person innerhalb der letzten Generationen einen Migrationshintergrund besitze, habe sich dieser Herausforderung als gewachsen erwiesen. „Wir in Böblingen können das.“ Allerdings, fügt der Oberbürgermeister hinzu, gewöhnten sich die Menschen an diesen Zustand. „Das ist das Gefährliche am Krieg, wenn er dauert. Aber dieser Krieg findet nicht nur in der Ukraine statt. Er findet in Europa statt und die ukrainische Bevölkerung verteidigt den Frieden in Europa.“

Belz könnte sich eine Städtepartnerschaft mit der Ukraine vorstellen

Einer Städtepartnerschaft Böblingens mit der Ukraine scheint der OB nicht abgeneigt – allerdings erst zu einem späteren Zeitpunkt. Belz: „Städtepartnerschaften sind wichtige politische Instrumente. Wir möchten eine solche Partnerschaft nicht zuerst eingehen und uns dann überlegen, wie sie sich gestalten könnte, sondern die dazu gehörenden Strukturen Schritt für Schritt aufbauen.“ Und, fügt er hinzu: „Wir schicken lieber zwei- bis dreimal im Jahr Hilfslieferungen in die Ukraine, anstatt zweimal im Jahr eine Delegation.“

Der Krieg in der Ukraine ist für Stefan Belz auch ein Anlass, an die deutsche Vergangenheit und Gegenwart zu denken. In der Nacht vom 7. auf den 8. Oktober 1943 seien zwei Drittel der Böblinger Altstadt durch Fliegerbomben zerstört worden. Rechtsextreme Positionen indes erstarkten derzeit in Deutschland längst wieder. Belz sieht durchaus auch in Deutschland einen kritischen Punkt gekommen. „Wenn wir unsere Grundordnung aufrecht erhalten wollen, müssen wir aufstehen und sagen: Bis hierhin und nicht weiter.“

Angebote zur Kinderbetreuung sind wichtig

Mihriban Bagci und Carola Eißler, Mitarbeiterinnen der Fachstelle für bürgerschaftliches Engagement in Böblingen, berichten in einer zweiten Diskussionsrunde von den Angeboten der Stadt und dem großen Interesse, mit dem diese aufgenommen würden. „Viele Ukrainer haben den Wunsch, die deutsche Sprache so schnell wie möglich zu erlernen.“ Als sehr wichtig dabei habe sich erwiesen, dass zugleich Angebote der Kinderbetreuung geschaffen würden, die den Besuch von Sprachkursen oft erst ermöglichten.

Große Bedeutung komme auch kulturellen Veranstaltungen und Begegnungen zu, bei denen Menschen aus der Ukraine in ihrer Heimat beliebte Speisen kochten. „So haben sie die Möglichkeit, ihre Kultur mit anderen zu teilen und gleichzeitig Kontakte zu knüpfen.“

In den Treff am See sind am Sonntag auch Natalia Kurkowa und Danyil Turok gekommen. Kurkowa lebt als Künstlerin seit 20 Jahren in Böblingen und zeigt in einer Ausstellung zahlreiche bunte, lebensfrohe Bilder. Turok stammt aus Kiew, kam als Geflüchteter nach Deutschland, lebt heute in Nürtingen und tritt als Puppenspieler auf.

Der „Tag der Erinnerung“ dauert bis zum Abend an. Sein offizieller Teil endet mit Bildern aus dem bekriegten Land.