Kindersoldaten im Jemen – der Konflikt in dem arabischen Land besteht seit vier Jahren. Foto: AP

Im Jemen herrschen seit Jahren Krieg und Hunger. An diesem Dienstag bitten Hilfsorganisationen bei einer Geberkonferenz der UN um Hilfe für die Menschen dort. Wie die Situation entschärft werden könnte, erklärt der Möglinger Julian Zakrzewski im Interview.

Stuttgart - Seit Jahren bezeichnen Hilfsorganisationen die Situation im Jemen als eine der schlimmsten humanitären Katastrophen unserer Zeit – so auch Julian Zakrzewski, der für die französische Organisation Acted im Jemen ist. Im Interview spricht er über die Hungersnot im Land und warum Hilfsorganisationen 4,2 Milliarden Dollar (rund 3,7 Milliarden Euro) für Jemen fordern.

Herr Zakrzewski, Sie sind derzeit in Sanaa, der Hauptstadt Jemens. In dem Land herrscht seit vier Jahren Krieg, es ist eine der gefährlichsten Gegenden der Welt. Wie lässt es sich dort arbeiten?

In manchen Kriegsgebieten sind Hilfsorganisationen, wie wir es sind, auch ein Ziel von Angriffen, zum Beispiel im Irak. In Jemen ist das zum Glück nicht so. Das macht unsere Arbeit etwas leichter. Hier in Sanaa merkt man das vor allem daran, dass es rund um den Flughafen viele Luftangriffe gibt. Nur Flugzeuge der UN dürfen landen. Im Norden ist die Zerstörung am größten.

In Jemen stehen sich zwei Konfliktparteien gegenüber – die Huthi-Rebellen gegen eine von Saudi-Arabien geführte und mit Präsident Abd-Rabbu Mansur Hadi verbündete Allianz. Wie stark sind die Kämpfe derzeit?

In letzter Zeit haben sich dank der Vermittlung der Vereinten Nationen die Kämpfe im Westen etwas entspannt. Dafür sind an anderen Orten im Land wieder Konflikte ausgebrochen. Vor allem an der Grenze zu Saudi-Arabien gibt es viele Luftangriffe, die regelmäßig auch zivile Ziele treffen.

Wie ist die Lage bei den Jemeniten?

Wir haben rund 15 Millionen Menschen, die nicht wissen, wo sie Morgen ihre Lebensmittel herbekommen sollen. Einige essen tagelang nichts, andere nur einmal am Tag. Viele Jemeniten müssen wegen des Krieges ihre Heimat verlassen und werden zu Binnenflüchtlingen, sie leben zum Teil in notdürftig zusammengeflickten Zelten. Insgesamt sind 80 Prozent der Bevölkerung auf humanitäre Hilfe angewiesen. Das sind rund 24 Millionen Menschen.

Wie helfen Sie ihnen?

Für Binnenflüchtlinge stellen wir innerhalb von drei Tagen Wasser, Nahrung, Hygieneartikel und Notunterkünfte bereit. Viele Familien unterstützen wir außerdem mit Bargeld, vor allem dort, wo es noch funktionierende Märkte gibt. Oft gibt es nämlich gar keine Lebensmittelknappheit. Die Leute können sich das Essen nur einfach nicht leisten.

Wieso nicht?

Durch den Krieg bekommen viele Staatsbedienstete wie zum Beispiel Lehrer kein Gehalt mehr. Auch die Arbeitslosigkeit ist durch die anhaltenden Kämpfe gestiegen. Und letztlich hat auch die jemenitische Währung deutlich an Wert verloren. Selbst die Mittelschicht kann sich dadurch immer weniger Essen kaufen.

Vergangenes Jahr kamen bei einer Geberkonferenz der UN zwei Milliarden Dollar zusammen. Hat sich dadurch etwas verändert?

Ja, wir schätzen, dass wir mit dem Geld die Choleraepidemie im Land deutlich eindämmen konnten. Außerdem konnten wir mehreren Millionen Jemeniten helfen, die sonst in eine katastrophale Hungersnot gestürzt worden wären.

An diesem Dienstag ist in Genf wieder eine Geberkonferenz der UN. Was erhoffen Sie sich davon?

Zum einen wieder Geld. Wir wollen von der internationalen Gemeinschaft 4,2 Milliarden Dollar einsammeln. Das ist die höchste je für ein Land geforderte Summe. Aber Geld ist natürlich nicht genug.

Was wäre noch notwendig?

Die Konferenz muss dazu beitragen, dass der Krieg beendet wird. Nur so können wir weitere unschuldige Opfer vermeiden und die Hungersnot beenden. Wenn Saudi-Arabien die momentane Blockade der See-, Land- und Luftwege nach Jemen aufhebt, können Lebensmittel und Medizin ins Land kommen. Das setzt aber natürlich voraus, dass die Konfliktparteien dazu auch bereit sind.

Der Konflikt dauert nun schon vier Jahre, eine schnelle Lösung scheint eher unwahrscheinlich.

Es gibt nun aber eine leise Hoffnung. Die Vereinten Nationen haben Ende 2018 mit den beiden Konfliktparteien das sogenannte Stockholmer Abkommen erarbeitet, das vor allem einen Rückzug beider Parteien aus der Hafenstadt Hodeida vorsieht. Der Rückzug soll an diesem Dienstag beginnen. Wenn er wirklich stattfindet, könnte das eine Vertrauensbasis für weitere Entspannung im Land bilden. Außerdem würde das auch die Lebensmittelsituation deutlich entschärfen.

Weshalb?

In der Hafenstadt lagern etwa 500 000 Tonnen Weizen des Welternährungsprogramms. Damit könnten etwa 3,5 Millionen Menschen einen Monat lang ernährt werden. Derzeit liegt das Lebensmitteldepot dort allerdings auf einer Frontlinie und ist deshalb nicht erreichbar.

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