Anzeige

Kreuzfahrt Mehr Meer geht nicht

Von Susanne Hamann aus New York 

Kreuzfahrt: Zehn Tage nur auf See, ohne Landgang. Foto: Hamann
Kreuzfahrt: Zehn Tage nur auf See, ohne Landgang. Foto: Hamann

Eine Transatlantiküberquerung gilt als Kreuzfahrt für Fortgeschrittene. Zehn Tage nur auf See, ohne Landgang ist spannender als man denkt.

Der Weg ist das Ziel
Das Meer hat erstaunlich viele Farben. Blau, Grau, Azur, Grün, Türkis, Indigo, Schwarz. Hellblau aufsprudelnde Gischt. Der weiße Schaum des Fahrwassers, den die „Europa 2“ wie einen großen Schleier hinter sich herzieht. Der Atlantik wogt meist sanft. Nur selten bäumt sich der zweitgrößte Ozean dieser Erde zu hohen Wellen auf, die krachend an die Scheiben des Kreuzfahrtschiffes klatschen und drinnen für schwankende Gestalten sorgen. Das Meer ist der Star auf dieser Kreuzfahrt von New York nach Hamburg. Elf Tage sind für die 3493 Seemeilen lange Strecke angesetzt. Elf Tage auf See, rundherum nur Wasser, Wasser, Wasser - eine unendliche, faszinierende Weite.

Ganz weit weg
„Eine Atlantiküberquerung ist Kreuzfahrt für Fortgeschrittene“, sagt der weißhaarige Herr. Er steht an der Reling und schaut versonnen aufs Meer. Als die „Europa 2“ vier Monate zuvor von Funchal auf Madeira aus Kurs auf die USA nahm, war er auch schon an Bord. Die anschließenden Reisen durch die Karibik interessierten ihn jedoch nicht. Nun flog er extra nach New York, um wieder mit zurückzufahren. „Auf dem Atlantik kann ich abschalten und richtig entspannen“, sagt der Geschäftsmann aus Hamburg. Kein Telefon, kein Internet, sogar die via Satellit übertragenen Fernsehprogramme sind für einige Tage gestört. Langweilen muss man sich deshalb noch lange nicht. Das Programm ist vielseitig: Vorträge, Kochkurse, Weinproben, Sport, Shows, Konzerte. Die Passagiere können in die Sauna gehen, sich massieren lassen. Es gibt einen Friseur, Kosmetik, Indoor-Golf, Fitnessstudio, Yoga, Pilates. Doch den Herrn interessiert das alles nicht. Er schläft lange, liest ein Buch und schaut aufs Meer.

Die Gäste
„Unsere Gäste schätzen den Erholungsfaktor dieser Tour“, sagt Kapitän Ulf Wolter. Die Überfahrt haben erfahrene Weltenbummler gebucht, die schon alles gesehen haben und das Schiff genießen wollen. Gestresste Büromenschen, die mal die Kontrolle abgeben und die Seele baumeln lassen, nichts tun und gut essen wollen. Allergiker, die garantiert pollenfrei durchatmen wollen. Und Familien, die das im Vergleich zu anderen Reisen auf der „Europa 2“ relativ günstige Angebot in den Ferien genutzt haben.

Die Kinder
An Bord des familienfreundlichen Schiffes gibt es ein halbes Dutzend Nannys, die sich mit Herz und Engagement um die kleinen Gäste kümmern. Pizzabacken, Basteln, Poolparty, Modenschau, Rappen - von früh bis spät wird etwas geboten. Selbst bislang sture Betreuungsmuffel sind fortan praktisch nicht mehr gesehen. „Unsere Kinder wollten bisher noch nie im Urlaub in einen Kidsclub“, erzählt eine Mutter aus Ostwestfalen. „Und hier sind sie plötzlich nicht mehr wegzubekommen.“ Sie kann ihr Glück selbst nach Tagen noch gar nicht richtig fassen. Und findet es doch irgendwie seltsam. Unfreiwillig verwaiste Eltern postieren sich daher am Nachmittag auffällig zahlreich auf dem Pooldeck. Die dort frisch gebackenen Waffeln locken die kleinen Racker zuverlässig an. So kann man wenigstens kurz einen Blick auf den Nachwuchs erhaschen.

Nichtstun ist anstrengend
Die einhellige Meinung an Bord hält Landgang für eine lästige Sache, weil mit Stress verbunden. Stattdessen übt man sich im stundenlangen Aufs-Meer-Schauen und wundert sich über die unglaublich hypnotische Wirkung dieser Tätigkeit. Wer hätte gedacht, dass Faulenzen so anstrengend ist? „Die frische Seeluft macht müde. Dazu muss der Körper das ständige leichte Schaukeln ausgleichen“, erklärt Schiffsarzt Dr. Andreas Voelckel das erhöhte Schlafbedürfnis der Passagiere. Der erwartete Lagerkoller jedoch stellt sich nicht ein. Dabei ist die „Europa 2“ kein Remmidemmi-Dampfer mit Rund-um-die-Uhr-Bespaßung. Stattdessen gibt es Verwöhnprogramm mit klassischer Musik und den sogenannten Bordtriathlon: Schlafen, Essen, auf der Liege lümmeln.

Wale und Eis
Nur selten reißt eine Lautsprecherbotschaft die Gäste aus ihrer wohligen Lethargie, wie etwa am dritten Seetag östlich von Neufundland: „Wale voraus. Wale voraus. Steuerbord!“ Fast das ganze Schiff springt nach diesen Worten des Kapitäns auf und eilt an Deck, um das Naturschauspiel zu beobachten. Aus den Tiefen des Nordatlantik springen schwarz-weiß glänzende Leiber - eine Schule Schwertwale. Die Tiere halten das Schiff für einen Spielkameraden. Wenige Stunden später passiert die „Europa 2“ ein schwimmendes Eisfeld. Kleine Eisklumpen schwimmen im tiefblauen Ozean, die Sonne scheint, und die Aussicht ist hinreißend. Man möchte sich kneifen, um sicherzugehen, dass dies kein Traum ist.

Die Logistik
So viele Seetage am Stück sind eine logistische Herausforderung. Man kann nirgends kurz anhalten, um Treibstoff oder Lebensmittel einzukaufen. Also werden vor dem Ablegen die Lagerräume und der Tank gut gefüllt. Möglich, dass kurz vor Hamburg die frischen Beeren aufgegessen sind. „Das Wichtigste, das niemals ausgehen darf, ist Toilettenpapier“, sagt Johann Schrempf. Der Hotelmanager sorgt sich den ganzen Tag um das Wohl der rund 400 Gäste. An Seetagen, erklärt der gebürtige Steirer, ist die Arbeit für die Crew strukturierter. Die Gäste schlafen länger, also kann das Kabinenpersonal den Dienst später beginnen. Die Restaurants müssen nicht wegen früh startender und spät zurückkehrender Ausflügler länger öffnen. „Nur der Ausgleich durch einen kurzen Spaziergang an Land, der fehlt halt“, sagt Johann Schrempf. „Wir haben in New York noch mal Brennstoff aufgenommen, um auch für unerwartete Kursänderungen gewappnet zu sein“, sagt Kapitän Ulf Wolter. Eine sogenannte Deviation könnte vorkommen, falls ein anderes Schiff in der Nähe „Mayday“ funkt. Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch gering. Es ist wenig los im Frühjahr auf dem Nordatlantik. „Andere Kreuzfahrtschiffe sind derzeit nicht unterwegs, und die Frachter und Containerschiffe fahren wohl südlicher“, meint der Kapitän. Als das Schiff nach zehn Tagen - einen Tag früher als erwartet - die Elbe hinunterfährt, ist der Tank noch gut halb voll. „Wir sind sparsam unterwegs“, sagt Chef-Ingenieur Hagen Franke.

Traditionelle Route
Die Tour New York-Hamburg und umgekehrt hat eine große Seefahrtstradition. Die legendären Ozeanliner verkehrten regelmäßig auf dieser Strecke. Etwas gruslig: die „Titanic“ ging irgendwo hier unter. Heute gibt es 4000 Flugbewegungen über den großen Teich pro Jahr. Transatlantikreisen zur See sind hingegen selten. Die meisten Kreuzfahrtschiffe machen sie genau zweimal im Jahr: um vor dem Winter in die warme Karibik zu gelangen und um nach dem Winter wieder zurück nach Europa zu kommen. Einzig die „Queen Mary 2“ fährt mehrmals. Dabei wäre es eine Marktlücke - nicht nur als Burn-out-Prophylaxe. „Ich habe Flugangst und wollte mir wenigstens eine Strecke ersparen“, erzählt ein Schweizer aus Luzern, dessen Tochter in New York lebt. Die Rückreise mit dem Schiff statt mit dem Flugzeug hat den Vorteil, dass man die Zeitverschiebung von sechs Stunden statt auf einen Schlag Stück für Stück abbauen kann.

Das Wetter bestimmt den Kurs
„Für uns ist die Tour besonders, denn hier gilt noch die Freiheit der Meere“, sagt Kapitän Ulf Wolter. Das sonst auf Kreuzfahrten übliche tägliche An- oder Ablegen entfällt, dafür heißt es mit 17 Knoten Kurs Ost. Welchen Weg das Schiff genau nimmt, wird täglich anhand der Wetterlage entschieden. Eigentlich wollte Ulf Wolter die nördliche Route fahren, oben um Schottland herum. Doch ein Sturmtief über Island macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Zehn bis zwölf Meter hohe Wellen würden nicht nur den Gästen zusetzen, sondern auch die Arbeit der Crew extrem erschweren. Also wählt er die Südroute durch den Ärmelkanal. Kreuzfahrtschiffe suchen immer das schöne Wetter. Man kann bei Sonne etwas trödeln, bei Regen den Wolken davonfahren, sich vorsichtig an beeindruckende Naturphänomene wie ein Eisfeld herantasten. „Rein theoretisch wäre die Distanz von 3493 Seemeilen auch in siebeneinhalb Tagen zu schaffen“, sagt Maschinist Hagen Franke. Doch wer will das schon? Da bleibt weniger Zeit, sich in Trägheit zu üben und die vielen Farben des Meeres zu erkunden.

  Alle Reisereportagen sind in Sonntag Aktuell erschienen

Lesen Sie jetzt