Immer mehr Kreuzfahrtunternehmen betreiben künstlich erschaffene Privatinseln, um ihren Gästen ein paradiesartiges Stranderlebnis zu bieten. Was fasziniert die Urlauber an den am Reißbrett entworfenen Orten?
Palmen wiegen sich sanft im Wind. Aus im Boden versenkten Lautsprechern perlt chillige Musik. Die Füße versinken im schneeweißen, feinen Sand. Am Horizont gehen blitzblauer Himmel und türkisfarbenes Meer eine harmonische Liaison ein. Diese Szenerie kommt den Klischees eines hypothetischen Paradieses ziemlich nahe. Dabei ist es ein künstlicher Ort – ein von Menschenhand erschaffenes Natur-Disneyland.
Piratenversteck wird zur Privatinsel
Die Inszenierung heißt Ocean Cay und ist die Privatinsel des schweizerischen Kreuzfahrtunternehmens MSC Cruises. In der Branche sind eigene Eilande weit verbreitet. Das Prinzip wurde 1977 erfunden. Damals kam die Norwegian Cruise Line auf die Idee, das ehemalige Piratenversteck Great Stirrup Cay im Archipel der Bahamas zu pachten und als exklusive Destination auszubauen. Viele Mitbewerber haben die Idee nachgeahmt. Knapp ein Dutzend Privatinseln gibt es inzwischen, Tendenz steigend.
Auch Ocean Cay gehört zu den Bahamas und liegt etwa 100 Kilometer östlich von Miami. Ab den 1950er Jahren wurde hier Sand abgebaut. Irgendwann hat sich das nicht mehr wirtschaftlich gelohnt. Als MSC die Insel im Jahr 2015 pachtete, war es eine traurige Industriebrache, umspült vom Atlantischen Ozean.
200 Millionen Dollar hat die Renaturierung gekostet
Zwei Jahre lang hat es gedauert, eine ideale tropische Landschaft zu designen. Das Renaturierungsprojekt hat 200 Millionen Dollar gekostet. Nun macht viermal pro Woche ein Schiff hier fest, um den Gästen den perfekten Strandtag zu bescheren. Das Erlebnis ist bis ins kleinste Detail orchestriert. Makellos gefegte Wege laden zu Spaziergängen ein. Es gibt eine zum Meer hin abgesperrte Lagune, in der man sorglos planschen oder Kajak fahren kann. Im seichten Wasser wohnen zwei harmlose Haie namens Salt und Pepper, die neugierig heranschwimmen. Wer Schildkröten, Mantarochen oder bunte Fische sehen möchte, bucht Schorchelausflüge zu den umliegenden Korallenriffen.
Die Crew serviert auch an Land
Auf den Terrassen der Beachrestaurants serviert die vom Schiff vertraute Crew karibisches Grillhähnchen, Burger und Cocktails. Bezahlt wird bequem mit der Bordkarte. Bis zu 6000 Gäste fasst die „MSC Seashore“, die an diesem Tag am Kai von Ocean Cay liegt. Doch die Massen verlieren sich erstaunlich gut auf der 38 Hektar großen Insel. Routen, bei denen Privatinseln auf dem Plan stehen, sind nach Angaben der Reedereien beliebt und schnell ausgebucht.
Literarischer Topos der einsamen Insel
Wahrscheinlich liegt das an einer uralten Faszination: Der Topos der einsamen Insel wurde seit der Antike unzählige Male beschrieben. Das berühmteste Beispiel ist Daniel Defoes 1719 erschienener Roman „Robinson Crusoe“. Im weiten Meer der Literatur gelten Inseln als sehnsüchtig betrachtete, magische Orte. Sie versprechen Erfüllung, Heilung oder Neuorientierung.
Die Motive neuzeitlicher Touristen sind weniger hochtrabend. Die meisten wollen die Hektik des Alltags vergessen. Und zwar bei garantiertem Sonnenschein, gekühlten Getränken und auf einem Liegestuhl mit Meerblick. Dazu kommt der Luxusaspekt: Auf der Welt gibt es acht Milliarden Menschen und keine unentdeckten Flecken mehr. Wer einsam sein möchte, muss sich was einfallen lassen.
Robinson für einen Tag
Daniel Defoes Titelheld erleidet Schiffbruch und kann sich mit Ach und Krach retten. Jahrzehnte lang ist er auf sich allein gestellt, isoliert und fernab jeder Zivilisation. So ein Schicksal ist nicht erstrebenswert. Daher spielen die Kreuzfahrer einen Tag lang Robinson, eingehüllt in die wohlige Sicherheit, einen Rückfahrschein zu besitzen. Die Abgeschiedenheit wird romantisiert, sie ist nur Schein. So wie alles hier: man besucht die Bahamas, ohne wirklich dort zu sein. Land und Leute lernt man nicht kennen, nur die brennend heiße Sonne und das klare Wasser sind authentisch.
Paradies ohne Schlange
Privatinseln wie Ocean Cay sind ein Paradies, bei dem die Schlange ausquartiert wurde. Die größte Bedrohung stellen spitze Muscheln am Strand dar, auf die man unbedacht treten könnte. Rettungsschwimmer auf Jetskis patrouillieren um die Insel. Es gibt weder Kriminalität noch Gewalt, Drogen oder wilde Tiere. Die Sonnenanbeter werden nicht von aufdringlichen Händlern belästigt, die gefälschte Markenprodukte wie Sonnenbrillen oder Handtaschen anbieten. Liegen und Schirme am Strand stehen einfach bereit, kein Vermieter versucht, die Touristen übers Ohr zu hauen. Seit die Menschheit gegen eine Pandemie kämpft, haben Privatinseln sich durch einen weiteren Vorteil qualifiziert: In einem begrenzten Bereich ist das Infektionsgeschehen beherrschbarer.
Ein gutes Geschäft für die Reedereien
Retorten-Orte sind ein gutes Geschäft: Die Schiffe müssen sich nicht bei einer Hafenbörde anmelden, keine Liegegebühren zahlen und keine teuren Lotsen beschäftigen. Was die Gäste an Land ausgeben, landet auf dem Konto bei den Reedereien. Dennoch verpachten Staaten wie die Bahamas, Belize, Haiti oder die Dominikanische Republik gerne ein paar Hektar Land – ob eine ganze Insel oder nur einen Strandabschnitt – an Kreuzfahrtkonzerne. Denn das generiert Steuereinnahmen und Arbeitsplätze. Auf Ocean Cay gibt es 140 Angestellte, die meisten stammen von den Bahamas.
Naturerlebnis statt Adrenalinkick
Viele Kreuzfahrtinseln wie Coco Cay, Castaway Cay oder Great Stirrup Cay entsprechen dem US-amerikanischen Geschmack und verfügen neben weißen Stränden auch über Wasserparks mit riesigen Rutschen, Ziplines und sogar Achterbahnen für den ultimativen Adrenalinkick. Spaß und Action stehen im Vordergrund. MSC konzentriert sich auf das Naturerlebnis. Ocean Cay darf sich „Marine Reserve“ nennen, Meeresschutzgebiet. Zum Team gehören auch Korallenforscher.
Owen O’Shea leitet das Forschungsprojekt. Der 43-jährige Brite und sein Mitstreiter haben die Meeresbewohner auf Ocean Cay gezüchtet und neu angesiedelt. Wenn die Klimaerwärmung weiter so voranschreitet, werden viele Riffe sterben, in den Bahamas ist die Hälfte des Bestandes bereits verloren. Der Fokus von O’Shea liegt auf einer „Superkoralle“, die besonders widerstandsfähig sein soll und vor allem mit höheren Temperaturen zurecht kommt.
Lockdown nutzte der Natur
Als während der Hochphase der Pandemie die Kreuzfahrt stillstand und die Gäste ausblieben, konnte man sich auf Ocean Cay ganz auf die Forschung konzentrieren. „Zwei Jahre lang kam kein Schiff hierher. Das war ein Geschenk für die Natur“, sagt Owen O‘Shea.
Andererseits braucht die Wissenschaft auch das Geld der Industrie. Durch die Pandemie wurde der Bau eines lange geplanten Forschungszentrums verzögert. Irgendwann sollen sich die Besucher dort über das Korallenprojekt informieren können, geplant ist eine Ausstellung und Vorträge. „Wenn zehn Prozent unserer Gäste wissen, was wir hier tun, ist das schon viel“, sagt Owen O. Shea. Der Mehrheit geht es um Sonne, Strand und Meer.