Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat sich kein Freunde unter Lehrerinnen und Lehrern gemacht. Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Ministerpräsident Winfried Kretschmann erntet für seinen Vorstoß, die Teilzeitarbeit bei Lehrkräften einzuschränken, auch im Kreis Esslingen herbe Kritik – von Lehrern, aber auch von der Vorsitzenden des Gesamtelternbeirats.

Es klingt wie „das hat uns gerade noch gefehlt“: Die Reaktion von Jörg Leihenseder, Schelztor-Rektor und Geschäftsführender Schulleiter der Esslinger Gymnasien, auf den Teilzeit-Vorstoß von Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist so herb wie die einer Lehrergewerkschaft. „Dieser Vorschlag ist zum jetzigen Zeitpunkt in keiner Weise hilfreich“, sagt der Oberstudiendirektor. Die Lehrkräfte seien am Limit nach zwei Jahren Pandemie, denen nun die Zusatzaufgabe der schulischen Integration geflüchteter ukrainischer Kinder folge.

 

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Wie Kretschmann die Lehrer auf die Palme bringt

Genau aus diesem Grund hatte Kretschmann die Teilzeitregelung an den Schulen, die Lehrerinnen und Lehrern unter bestimmten Voraussetzungen ein bis auf 25 Prozent heruntergefahrenes Pensum erlaubt, aufs Korn genommen: „Wenn die alle eine Stunde mehr arbeiten würden, hätte ich tausend Lehrer mehr, die ich dringend brauche.“ Mittlerweile ist der Ministerpräsident. zurückgerudert: Er habe nur „laut gedacht“.

„Hausgemachter Fehler“

Aber nicht nachgedacht, findet man in Pädagogenkreisen. Der Fehler sei hausgemacht, die „strukturelle Unterversorgung mit Lehrkräften hätte man längst angehen müssen“, sagt Leihenseder. Jetzt auf Teilzeitkräfte Druck auszuüben, hält er für unangemessen: „Die Leute haben ja ihre triftigen Gründe, warum sie Teilzeit arbeiten.“ So wie Schelztor-Lehrerin Silke Seewald. Sie und „die meisten Teilzeitkräfte arbeiten nicht aus Spaß an der Freude in Teilzeit, sondern, um Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen“, sagt sie. Zu Mehrbelastungen führten beispielsweise Wandertage, Schullandheime und vieles mehr. Auch deshalb sei es Teilzeitkräften häufig nicht möglich, ihr Deputat zu erhöhen. Das Vorpreschen des Ex-Lehrers Kretschmann findet sie daher „einfach unglaublich“. Leihenseder bestätigt, dass das Thema auch an den Gymnasien „substanziell“ sei, auch wenn der Teilzeit-Anteil in Grundschulen höher ist. Die Quote derer, die unter 50 Prozent arbeiten, liegt im Kreis Esslingen in den Grund-, Werkreal-, Real- und Sonderschulen allerdings nur bei etwa 14 Prozent, wie das Staatliche Schulamt Nürtingen mitteilt.

Verständnis für beide Seiten

Christel Binder, Leiterin der Esslinger Innenstadtschule und in geschäftsführender Funktion für die Esslinger Grund-, Real-, Gemeinschafts- und Sonderschulen zuständig, will beide Seiten der Problematik sehen: „Die Not ist groß“, sagt sie, es fehlten zahlreiche Stunden und zahlreiche Lehrkräfte für die ukrainischen Flüchtlingskinder.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Täglich kommen neue Schüler – viele aus der Ukraine

Da könne es kein Tabu sein, „über eine Erhöhung der Untergrenze bei der Teilzeit nachzudenken“. Nur: In einer Situation, wo die Belastung der Lehrerinnen und Lehrer „bis an die gesundheitliche Grenze“ gehe, komme bei einem Vorstoß wie jenem Kretschmanns „wenig Freude auf“. Sie könne, sagt Binder, die Verärgerung in den Kollegien verstehen. „Ein Schlag ins Gesicht“, bringt der GEW-Kreisvorsitzende David Warneck die Lehrerempörung auf den Punkt – „weil bis jetzt Mehrarbeit ohne Wenn und Aber geleistet wurde: in der Pandemie und nun in den Vorbereitungsklassen für die ukrainischen Schülerinnen und Schüler“. Aus Warnecks Sicht könnten einvernehmliche Maßnahmen den Pädagogenmangel lindern. Zum Beispiel: eine Verringerung der Stundendeputate für ältere Lehrkräfte, um sie länger im Beruf zu halten, denn viele von ihnen gingen vorzeitig in Pension.

Schuss, der nach hinten losgeht?

Applaus für Kretschmann gibt es auch vom Esslinger Gesamtelternbeirat nicht. Die Vorsitzende Alexandra Koch-Kenner redet von „unterster Schublade“ angesichts einer Situation, in der „Lehrerinnen und Lehrer übermäßig belastet“ seien. Sie fürchtet, dass solche und ähnliche Schüsse nach hinten losgehen: „Wir brauchen dringend Lehrer, also muss man den Beruf attraktiver machen.“ Mit Äußerungen wie denen des Ministerpräsidenten geschehe das Gegenteil.