Mit sichtlicher Rührung verabschiedet Ministerpräsident Winfried Kretschmann sich von der Landespresse. Foto: Katharina Kausche/dpa

465 Mal wurde Ministerpräsident Winfried Kretschmann in der Landespressekonferenz gegrillt. Wieso sein Fazit eine Lehre für Demokraten sein kann.

Grün-gestreifte Krawatte, dunkler Anzug, gemessener Schritt – in seinem Auftreten bleibt der scheidende Ministerpräsident sich treu bis zum Schluss. Von den vielen letzten Malen, die Winfried Kretschmann in diesen Tagen und Wochen absolviert, ist die Landespressekonferenz ein ganz spezielles allerletztes Mal.

 

Denn mit diesem Termin schließt sich Winfried Kretschmanns Fenster zur Welt. So oft die Landespressekonferenz stattfindet, endet sie – fast – immer mit einem von der Landesregierung und ihrem amtierenden Chef gesetzten Thema und sie beginnt stets und wirklich ohne Ausnahme damit, dass die in Stuttgart akkreditierten Korrespondenten fragen können, was sie wollen und wichtig finden. Nicht, wenn Kretschmann in Berlin war, sondern hier, von dieser Bühne vor der blauen Wand im Bertha-Benz-Saal des Landtags aus, hat der erste grüne Ministerpräsident der Republik mal willens, mal zögerlich, aber so regelmäßig wie kein anderer Landesvater der Republik seine Kommentare zur Bundes-, Welt- und Tagespolitik abgegeben – einfach weil Journalisten ihn danach fragen konnten.

„Ich war Profiteur dieses Formats“

Ob der regelmäßige Termin mit der Presse nach jeder Kabinettssitzung eigentlich eher Lust oder Last für ihn gewesen sei? Und was ihn am meisten genervt habe, wird er deshalb jetzt, wo die Schlussrunde begonnen hat, gefragt. „Es hat mich teilweise genervt zu allem und jedem Rede und Antwort stehen zu müssen. Aber ich war auch der Profiteur dieses Formats“, sagt Kretschmann. „Dadurch ist man unglaublich präsent – jede Woche. Und Präsenz macht bekannt.“ Und Bekanntheit ist die Währung in der Politik, die einem Spitzenpolitiker, wenn es gut läuft, politisches Gewicht und Durchsetzungskraft verleihen kann.

Für Kretschmann ist es in seiner 15-jährigen Amtszeit gut gelaufen, und das weiß er. Wenn ganz normale Bürger ihm im Gespräch heute anerkennend sagten, dass er so ruhig und gelassen wirke, müsse er sich doch fragen, wie die das mitbekamen. „Bei solchen Terminen teilt sich so etwas mit!“

Vergnüglich sei es natürlich nicht, „jede Woche durch den Fleischwolf gedreht zu werden“, räumt Kretschmann ein. „Aber am Ende fand ich es schon gut. Der Nachteil ist: Die Fettnäpfchen sind gut verteilt. Und nicht wenige Fragen dienten dazu, mich da hineinzulocken.“

Anderswo werden die Sprecher gegrillt – nicht deren Chefs

Mit dieser Analyse hat Winfried Kretschmann natürlich recht. Ob er wohl jemals ohne Sprechzettel – Aktennotizen, mit denen das Staatsministerium und seine Sprecher ihn für heikle Situationen ebenso wie für nahe liegende, tagesaktuelle Themen oder abseitige Attacken munitioniert haben – in der Landespressekonferenz gesessen hat? Wahrscheinlich ist das nicht, denn Risiken zu meiden oder zu mindern, ist in der heutigen Mediengesellschaft eine Tugend, die Politikern das Überleben sichern kann.

Das Ritual der Landespressekonferenz, bei dem die Journalisten die Gastgeber sind und die Themenwahl bestimmen und Spitzenpolitiker reagieren müssen, gibt es sonst nirgends. In der Bundespressekonferenz in Berlin sitzen die Sprecher von Kanzler und Ministern und müssen sich von den Hauptstadtkorrespondenten grillen lassen. Wenn es blöd läuft, sind sie blamiert und nicht ihr Chef. Das ist in Baden-Württemberg anders. Altgediente Landeskorrespondenten wissen deshalb zu berichten, dass alle Ministerpräsidenten seit Menschengedenken die „Hölzchen- und Stöckchenrunde“, wie Kretschmann das Format einmal genannt hat, zunächst am liebsten abgeschafft hätten. Der scheidende Landesvater war da keine Ausnahme. Dabei hätten seine Berater das Format für ihn erfinden müssen, wenn es nicht schon existiert hätte.

„Das Herz der Demokratie ist der öffentliche Raum“

Denn Winfried Kretschmann war bedächtig genug, sich nie um Kopf und Kragen zu reden. Er hatte den Mut, in kontroversen Debatten Position zu beziehen und manchmal auch „nur“ durch sprachliche Originalität zu glänzen. Dabei hat Kretschmann die regelmäßigen „LPKs“ nie nur als nützliches Instrument zur Imagepflege gesehen. „Das Herz der Demokratie ist der öffentliche Raum“, sagte zum Abschluss noch einmal mit einem Zitat seiner Lieblingsphilosophin Hannah Arendt. Nach 465 Landespressekonferenzen in 15 Jahren zieht er das Fazit: „Räume wo Journalisten Politiker fragen, gehören konstitutiv dazu.“ Da habe man sich nicht zu ärgern – sondern zu antworten.