Ein Journalist geht nach der Pressekonferenz der Grünen, auf der Ministerpräsident Kretschmann seine Kandidatur für die Landtagswahl 2021 bekannt gegeben hat, mit einem Kretschmann-Aufsteller durch die Stadt. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Seine Leidenschaft für dieses Amt sei ungebrochen, begründet Ministerpräsident Kretschmann seine Entscheidung, sich 2021 erneut zur Wahl zu stellen. Er hat aber auch noch andere Gründe. Arnold Rieger

Stuttgart - Ein bisschen erinnert die Szene an einen Kindergeburtstag: Der Großvater macht seinen Enkeln ein Geschenk, und diese strahlen über beide Backen. Die Enkel, das sind an diesem denkwürdigen Donnerstag die beiden Grünen-Landeschefs San­dra Detzer und Oliver Hildenbrand. Etwas Schöneres als die erneute Kandidatur von Winfried Kretsch­mann können sie sich gar nicht vorstellen: „Sie sehen eine Partei in bester Laune“, jauchzt Hildenbrand. Nur der Gönner selbst, im dunklen Anzug und mit grün-weiß gestreifter Krawatte, bleibt dabei eigentümlich ernst.

Leicht ist ihm dieses Geschenk – man kann es fast wörtlich nehmen, denn die Südwest-Grünen feiern gerade ihren 40. Geburtstag – auch keineswegs gefallen. Seit Monaten berichtet Kretschmann von inneren Kämpfen und von der Waagschale, auf die er alle Argumente legt. Und so schwingt viel Pflichtbewusstsein mit, als er sagt: „Ich werde wieder meinen Hut in den Ring werfen und der Partei zur Verfügung stehen.“

Seine Frau sagt: Mach’s!

Bis in die letzten Tage hat er offenbar mit sich gerungen, erneut mit Freunden, Funktionären und natürlich mit der Familie geredet. Da hat er Unterschiedliches gehört – nicht von den Grünen, wohlgemerkt, selbst der „Flurfunk“ der Partei habe nichts anderes gesendet als das Signal: Bitte mach’s! Aber so mancher politikferne Freund habe dann schon Zweifel gesät. Und die Familie: „Da können Sie sich ja vorstellen, was so gesagt wird.“

Doch weiter hat ihn das alles nicht gebracht. Also hat er Synopsen aufgemalt mit Pro und Kontra – und wieder zerrissen. Ja, nicht mal auf der griechischen Halbinsel Peloponnes, wo er Ende August Urlaub machte, kam ihm die Erleuchtung. Zwar habe seine Frau ihn klar zur Kandidatur ermuntert, berichtet er, aber letztlich müsse man dann doch ganz allein entscheiden.

Der neugierige Fuchs

Und warum das Zaudern? „Wohlbedacht“ müsse eine solche Entscheidung sein, betont er in einem Brief, den er am Donnerstag an alle Grünen-Mitglieder geschickt hat. Schließlich sei mit dem Amt des Ministerpräsidenten „eine große Verantwortung für Land und Menschen“ verbunden. Natürlich hat auch sein Alter eine Rolle gespielt, daraus macht er kein Hehl. Kretschmann ist jetzt 71, bei der Landtagswahl im Frühjahr 2021 wird er knapp 73 sein. Aber dieses physiologische Alter spiele keine Rolle, konstatiert er sogleich und erwähnt – wie so oft bei diesem Thema – den früheren Gouverneur von Kalifornien, Jerry Brown, der auch mit über 80 noch als „raumgreifendes Kraftpaket“ daherkomme. Nein, nicht das Alter, sondern ob man sich fit fühle, sei wichtig, befindet Kretschmann: „Entscheidend ist, ob man dem Amt körperlich gewachsen ist.“

Das sei er, versichert der 71-Jährige. Und noch eins nimmt er für sich in Anspruch: Leidenschaft und Neugier – woraufhin der studierte Biologe einen kleinen Exkurs ins Tierreich anschließt und erklärt, dass Menschen im Unterschied zu Füchsen auch noch im hohen Alter neugierig seien.

Bloß noch kein Wahlkampf!

Nun ist Winfried Kretschmann bei den Sachgründen für seine Kandidatur angelangt, und da spricht ganz der Ministerpräsident aus ihm. Er referiert vom Klimawandel „in Natur und Politik“, von den aktuellen Herausforderungen und darüber, dass die Politik den Menschen einiges zumuten müsse. Fliegen zum Beispiel müsse teurer werden, wenn man es mit innovativen Kraftstoffen klimaneutral mache. Deshalb wolle er Innovationen fördern. Die Platte klingt vertraut, Begriffe wie „Transformationsprozess“ und „disruptiv“ gehen ihm locker über die Lippen.

Schließlich intoniert Kretschmann eine Melodie, die mit einiger Sicherheit der Grünen-Wahlkampfschlager werden dürfte: „Ich will Stabilität im Wandel geben.“ Es sei doch gut, sekundiert Parteichef Hildenbrand, wenn man bei all den Veränderungen „an der Spitze jemand hat, auf den man sich verlassen kann“. Ein „stabiles Wertegerüst“ sei dafür notwendig, spinnt Kretschmann den Faden weiter, und auch die Grünen-Landeschefin Detzer spricht von Erfahrung, Mitte und Maß. Die CDU wird aufhorchen, denn mit diesen Begriffen hat einst schon der frühere Ministerpräsident Erwin Teufel (80) Wahlkampf gemacht.

Die Büchsen werden gespannt

Von einem Schlagabtausch anderthalb Jahre vor dem nächsten Urnengang will der Grünen-Kandidat allerdings noch nichts wissen. Er glaubt: „Das geht den Leuten auf den Zeiger.“ Von seiner CDU-Rivalin Susanne Eisenmann spricht er denn auch voller Hochachtung: Sie sei eine „absolut respektable Konkurrentin“.

Wie lange dieser Burgfriede hält? CDU-Generalsekretär Manuel Hagel ätzt am Donnerstag jedenfalls schon mal, den Südwest-Grünen mangele es an Personal und Perspektiven. Hagel: „Die Grünen wollen Herrn Kretschmann offenbar im Amt zu seinem eigenen Denkmal erstarren lassen – und er ist bereit dazu.“ Auch AfD, FDP und SPD spannen bereits ihre Büchsen.

Keinesfalls will Kretschmann den Eindruck erwecken, die Wahl „sei irgendwie schon gelaufen, nur weil ich kandidiere“. Nein, der Wahlkampf werde vermutlich kein Spaziergang, sondern Kampf, mutmaßt er. Und er rechnet auch damit, dass die Konkurrenz dann auch sein Lebensalter aufs Tapet bringt: „Selbstverständlich kann man das Alter thematisieren. Ob es klug ist, ist eine andere Frage.“

„Na klar“, kommt es wie aus der Pistole geschossen, als man ihn fragt, ob er für die gesamte nächste Wahlperiode kandidiert, also bis 2026. Das liege doch in der Logik der Wahl. Nein, die Absicht, nur eine halbe Amtszeit zu regieren, habe er nicht: „Damit sollte man auch nicht antreten.“ Nur „Landesgroßvater“ will er nicht genannt werden: „Das gefällt mir nicht, was soll das sein?“ Er habe schon mit dem Wort „Landesvater“ seine Probleme, gibt er zu Protokoll.

Irgendwann ist ihm dann doch noch zum Scherzen zumute. Er gibt ein Versprechen ab: „Ich kann ziemlich sicher sagen, dass ich zum vierten Mal nicht antrete.“

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