Neue Perspektiven: Ministerpräsident Kretschmann beim Besuch der SAP-Kreativwerkstatt im kalifornischen Palo Alto Foto: Reiner Pfisterer

Was ist das Erfolgsgeheimnis des Silicon Valley, des Tals, in dem Firmen wie Apple und Google entstanden sind? Worin besteht sein besonderer „Spirit“? Das wollte Ministerpräsident Winfried Kretschmann an Ort und Stelle ergründen. Herausgefunden hat er einiges, wenn auch nicht alles . . .

Palo Alto - Scheitern ist gut – das soll mal einer verstehen. Hier behaupten sie, es sei selbstverständlich, es gehöre zum Leben. Jedenfalls gehört es zum Unternehmerleben im Silicon Valley, jenem ganz und gar eigenwilligen und eigenartigen, etwa 80 Kilometer langen Landstrich in der Nachbarschaft von San Francisco an der amerikanischen Westküste.

In engem Umkreis sind hier Apple, Facebook und Google beheimatet, Unternehmen, die die Welt verändern. Sie verkörpern das Gegenteil von Scheitern. Sie stehen für märchenhaften Erfolg. Das täuscht über die Tatsache hinweg, dass Tausende andere Unternehmen, sogenannte Start-ups, keinen Erfolg haben und auf der Strecke bleiben. Das Bemerkenswerte daran ist: Die Menschen hier finden das völlig okay, oft sogar hilfreich, weil es einen weiterbringen kann. „Failure is an option“, lautet ein Grundsatz im Silicon Valley. Wo die von Ministerpräsident Winfried Kretschmann angeführte, 80-köpfige Delegation aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft auch hinkommt – überall fällt dieser Satz.

Der Deutsche Andreas von Bechtolsheim, einer der großen Internet-Gestalten des Silicon Valley, bringt die Start-up-Kultur auf eine schlichte Formel: „Wenn eine Idee nicht funktioniert, gibt es eben eine andere.“ Wer wird denn gleich aufgeben. „In Deutschland hingegen kann man sich ein Scheitern nicht leisten“, sagt von Bechtolsheim. Deshalb gehe man dort auch weniger Risiko ein.

Scheitern, Risiko – das sind im Silicon Valley positiv besetzte Begriffe. Darin zeigt sich einer der großen Unterschiede. Eine Quote von eins zu neun – eine Unternehmensgründung gelingt, neun gehen schief – ist Kapitalgebern in Deutschland nicht zu vermitteln. Hier, im Silicon Valley, gilt das als Erfolg: „Es werden Zehntausende Pläne geschmiedet. Einige Tausend werden gefördert, davon sind etwa hundert erfolgreich“, sagt von Bechtolsheim. Er zählte zu den ersten, die an Google glaubten und die damals unbekannte Firma mit Startkapital versorgten. Heute ist er Milliardär.

Die Messlatte für das, was man Erfolg nennt, liegt allerdings hoch: Ein Start-up muss das Potenzial für mindestens 100 Millionen Dollar (etwa 90 Millionen Euro) Umsatz haben, damit von Bechtolsheim als Risikokapitalgeber einsteigt. Was vermessen klingt, wurde im Silicon Valley vielfach bewiesen: Einige Firmen haben ihren Umsatz innerhalb von nur vier Jahren von 100 Millionen auf eine Milliarde Dollar geschraubt – umgerechnet 900 Millionen Euro.

Dazu kommen immer mehr Start-ups, die aufgrund ihrer fabelhaften Geschichte „Unicorn“, zu deutsch „Einhorn“-Firmen genannt werden. Zu ihnen zählt Uber, der aufstrebende Online-Fahrvermittlungsdienst, der 40 Milliarden Dollar (36 Milliarden Euro)wert sein soll. Oder „Airbnb“, der Online-Marktplatz zur Vermietung von Privatunterkünften. Sechs Jahre nach seiner Gründung wird er bereits mit zehn Milliarden Dollar (36 Milliarden Euro) taxiert.

Der Ausgangspunkt ist oft nur eine Idee. Von Bechtolsheim spricht vom „Horizont-Effekt“ nach dem Vorbild von Seefahrer Christoph Columbus: „Wenn man nicht daran glaubt, wird man nicht losfahren.“ Im Silicon Valley fahren Tausende los, in dem festen Glauben, hinter dem Horizont etwas Neues zu entdecken und gutes Geld damit zu verdienen.

Diese Einstellung zum Unternehmertum scheint eines der Geheimnisse des Silicon Valley zu sein. „Die Zukunft gehört denen, die sie bauen“, zitiert von Bechtolsheim eine Weisheit, nach der hier gedacht und gelebt wird. Er selbst prägt den Begriff der „Ideenwirtschaft“. Nicht dass es in Deutschland keine Ideen gäbe, oft würden diese aber in umständlichen Prozessen versickern.

Im Silicon Valley, diesem unauffälligen Tal der Superlative, greifen viele Räder ineinander: Ideen meist junger Entwickler werden von Venture-Capital-Gebern wie von Bechtolsheim mit gewaltigen Summen Risikokapitals gefördert. Dazu kommt die Beratung durch sogenannte Acceleratoren in und außerhalb von Universitäten, die helfen, Ideen am Markt zu platzieren.

Ein zentraler Baustein vieler Erfolgsgeschichten aus dem Silicon Valley ist die Privatuniversität Stanford, die heute als beste Universität der Welt gilt. Sie steht ebenso auf dem Besuchsprogramm Kretschmanns und seiner mit vielen Wissenschaftlern besetzten Delegation wie die staatliche Universität in Berkeley, ebenfalls ein Zentrum der Innovation. Die Bedeutung von Stanford zeigt sich in einem Vergleich: Würden die Firmen, die von hier ihren Ausgang nahmen, einen Staat bilden, nähme dieser gemessen an der Wirtschaftsleistung weltweit Platz zehn ein. Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) gerät angesichts der Bedingungen für die rund 15 000 Studenten und 11 000 Graduierten ins Schwärmen: „Die Forschung wird ganz früh an die Studenten herangebracht.“

In Stanford zeigt sich wie überall im Silicon Valley: Die Zukunft ist das, was man in Deutschland „multikulti“ nennen würde. Die Amerikaner sprechen von „Diversität“. Tatsache ist: Hier versammelt sich die Programmierer-Jugend der Welt, zumindest ein Teil davon – und beileibe nicht der schlechteste. Viele sprechen Deutsch wie Michael, ein junger Informatiker aus Berlin, der seit drei Monaten in der Google-Zentrale in Mountain View arbeitet: „Hier sind die Besten“, sagt er ohne Anflug von Überheblichkeit. Ganz klar: Das Silicon Valley ist ein Tummelplatz für Talente. Viele fühlen sich davon magisch angezogen.

Die Magie lässt sich rational erklären. Tanja Rückert, Executive Vice President & COO beim einzigen deutschen Software-Unternehmens von Weltrang, nennt im Gespräch mit der baden-württembergischen Delegation in Palo Alto vier Erfolgsfaktoren: die multikulturellen Belegschaften und Teams, das in Milliardenumfang vorhandene Risikokapital, die Gründer- und Unternehmermentalität – und das gute Wetter. Gerade die weichen Faktoren sind allem Anschein nach wichtig: Kostenlose Eiscreme und Biosäfte für die Mitarbeiter, Yoga-Kurse und coole Wohlfühlbüros – das alles spielt eine Rolle. Dazu kommen handfeste Gründe: Die Einstiegsgehälter liegen bei 100 000 Dollar (89 500 Euro) und darüber.

Das alles macht einen Teil des „Spirit“ aus, dem Kretschmann im „mächtigsten Tal der Welt“ nachspürt, wie der Wissenschaftsjournalist Christoph Keese das Silicon Valley nennt. Der Ministerpräsident sieht diese Faktoren bei seinen Firmenbesichtigungen bestätigt – besonders bei Apple, der Firma, die ihn am nachhaltigsten beeindruckt, „weil sie radikal vom Kunden her denkt“. Aber auch beim Mercedes-Benz-Forschungszentrum in Sunnyvale, wo Kretschmann erstmals in ein selbstfahrendes Auto einsteigt, sowie bei Bosch und bei SAP. Die Firmen sind seit vielen Jahren im Silicon Valley vertreten, um von den Entwicklungen hier zu profitieren und sie mitzugestalten. Was auch auffällt: Das Durchschnittsalter in vielen Firmen liegt bei Mitte 20.

Der Geist des Silicon Valley – das kann man erahnen – ist jung, hip, unbedingt willig, manchmal auch etwas verschroben. Dass er auf dieser „Expedition“ (Kretschmann) doch nur schemenhaft erkennbar wird, liegt daran, dass sich etliche der Firmen gegen die Öffentlichkeit abschirmen – am rigorosesten Apple und der Elektroautohersteller Tesla. Zudem sammelt man in vier Tagen eher Eindrücke als Erkenntnisse.

Die aber sind tief. Dazu zählen die Warnungen des Internet-Gurus und Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels, Jaron Larnier, der vor einer Konzentration der Datenmacht warnt. Zugleich treten die Chancen der Digitalisierung hervor. Kretschmann sieht sich darin bestärkt, „dass man in Baden-Württemberg etwas zu muss“. Man dürfe aber nicht krampfhaft versuchen, das Silicon Valley zu kopieren zu wollen. „Das wäre illusorisch.“

Beeindruckt ist der Grünen-Politiker davon, welchen Stellenwert die High-Tech-Firmen der Ökologie beimessen – bei Google wird er als „Vorreiter“ gelobt. Kretschmann kommt zu dem Schluss: „Das Silicon Valley denkt und handelt grün.“ Ein Satz, den man von ihm vermutlich noch öfter hören wird.

Hängen bleibt auch ein anderer Satz: „Wir haben ebenfalls schöne Geschichten zu erzählen.“ Gemeint ist die baden-württembergischen Wirtschaft, die sich den Zukunftsthemen Digitalisierung und Industrie 4.0 längst angenommen habe. Auch Michael Resch, Direktor an der Universität Stuttgart, erinnert an die eigenen Stärken: Die Kooperation zwischen Universitäten und der Industrie ist bei uns viel ausgeprägter.“ Er sieht keinen Grund für Untergangsszenarien: „Wir haben es selbst in der Hand.“

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