Dieser Anblick wird bald der Vergangenheit angehören: Die Villa Bolz (Bildmitte oben) soll abgerissen werden Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Mit Spannung war die Entscheidung erwartet worden, jetzt liegt sie vor: Das Land wird die Villa Bolz am Killesberg nicht erwerben. Damit ist der Abriss des Hauses, in dem der von den Nazis ermordete frühere württembergische Staatspräsident Eugen Bolz gewohnt hat, so gut wie besiegelt.

Stuttgart - Das Ende der Villa Bolz war vorgezeichnet. Die Enkel des früheren württembergischen Staatspräsidenten Eugen Bolz (1881–1945) hatten nach dem Tod ihrer Mutter 2011 im vergangenen Jahr das 13 Ar große Anwesen am Kriegsbergturm 44 an das Stuttgarter Wohnungsbauunternehmen wohnbau-Studio verkauft. Eine Kontaktaufnahme mit dem Land als möglichem Kaufinteressenten kam aus verschiedenen Gründen nicht zustande. Die Öffentlichkeit nahm von dem Vorgang keine Notiz.

Seit rund einem Jahr arbeitet das wohnbau-Studio Pläne für den Bau von vier exklusiven Eigentumswohnungen aus, die anstelle der nicht denkmalgeschützten Villa Bolz entstehen sollen. Für die Zeit bis zum Abriss ließ das Unternehmen gegen Miete eine Gruppe junger Leute ins Haus, die dort eine in Stuttgart beispielhafte Wohngemeinschaft bildeten – das Kollektiv 44. Sie halten das Andenken an den früheren Hausbesitzer hoch – jüngst mit einem Kulturwochenende.

Durch die intensive Berichterstattung unserer Zeitung wurde die Villa Bolz zu einem öffentlichen Thema. In der Folge machte sich ein breites gesellschaftliches Bündnis für den Erhalt des Gebäudes und die Einrichtung einer Gedenkstätte stark, darunter Ex-Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) und der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, der im Mai ein Seligsprechungsverfahren für den früheren Zentrumspolitiker Eugen Bolz in die Wege geleitet hatte.

„Charakter unwiderbringlich verloren“

Die Stadt Stuttgart reagierte ausweichend. Die Landesregierung ließ die Vorschläge intensiv prüfen – und kam jetzt zu einer Entscheidung: Sie wird die Villa Bolz nicht erwerben. Damit steht dem geplanten Abriss praktisch nichts mehr im Wege. Das Baugesuch ist auf dem Weg.

In fast gleichlautenden Briefen an Teufel und Fürst, die das Staatsministerium öffentlich gemacht hat, begründete Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) seine Entscheidung vor allem mit der fehlenden Authentizität des Gebäudes. „Zahlreiche Umbauten nach dem Zweiten Weltkrieg haben Charakter und Geist des Gebäudes unwiederbringlich verändert.“ Auch die Erreichbarkeit des Gebäudes und das Geld spielten eine Rolle. Die für die Villa Bolz notwendigen finanziellen Mittel hätten die Dimension der bereits existierenden Erinnerungseinrichtungen wie für den Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg im Alten Schloss um ein Vielfaches übertroffen.

Kretschmann will „ein Zeichen setzen“

In seinem Brief betonte Kretschmann zugleich, die aktuelle Diskussion habe gezeigt, dass die bisherigen Bemühungen, an den von den Nazis ermordeten Zentrumspolitiker zu erinnern, nicht ausreichten. Die Landesregierung wolle deshalb ein Zeichen setzen. „Wir werden die Präsenz von Eugen Bolz an dem Ort, an dem er lange Jahre tatsächlich gearbeitet und politisch gewirkt hat, deutlich aufwerten.“ Man habe sich entschlossen, den Neubau des Staatsministeriums neben der Villa Reitzenstein nach Eugen Bolz zu benennen. Auch im neuen Besucherzentrum des Staatsministeriums solle das Leben und Wirken von Eugen Bolz dargestellt werden. „Ich bin überzeugt, dass durch diese Geste sein Name und dadurch auch seine Haltung einen deutlichen Platz in der Öffentlichkeit finden werden“, schrieb Kretsch­mann. Er äußerte die Hoffnung, dass man den „zahlreichen Besuchergruppen der Villa Reitzenstein sein Leben und Wirken nahebringen könne“.

Eine Nachfrage im Staatsministerium ergab, dass die Besucherzahlen dort geringer sind als beispielsweise in der Stauffenberg-Gedenkstätte, die pro Jahr bis zu 10 000 Besucher zählt. „Innerhalb geführter Besuchergruppen besuchen hochgerechnet jährlich 2500 Personen die Villa Reitzenstein“, teilte ein Regierungssprecher mit. Dazu kämen 2000 Besucher am Tag der offenen Tür und weitere 3500 Personen im Rahmen der regelmäßigen Parköffnungen.

Keine Reaktion auf Nutzungsvorschläge

Auf Nutzungsvorschläge, die in der öffentlichen Diskussion vorgetragen wurden , ging Kretschmann nicht ein. Das Karls-Gymnasium, an dem Bolz einst sein Abitur ablegte, hatte vorgeschlagen, Geschichtsunterricht in der Villa Bolz abzuhalten. Der Ärztliche Direktor des Robert-Bosch-Krankenhauses, Professor Mark Dominik Alscher, hatte angeregt, neben einer Gedenkstätte eine Denkstätte für digitale Technik zu schaffen – als Brückenschlag von der Vergangenheit in die Zukunft. Auch die jungen Bewohner hatten eine Idee: Sie wollten aus der Villa Bolz eine „lebendige Gedenkstätte“ machen – als Angebot besonders auch für Jüngere.

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