Kabarettist Christoph Sonntag (links) und Ministerpräsident Winfried Kretschmann am Samstag in der Alten Kelter in Fellbach. Foto: Frank Eppler

Früher, lästert Fastenprediger Christoph Sonntag, hießen „Fake-News“ noch „Wahlversprechen“. Doch ohne Landtagswahl in diesem Jahr ging’s in der Alten Kelter in Fellbach nicht ganz so hart zur Sache.

Fellbach - Es ist eine Mischung aus Bierzelt und politischem Kabarett. Die deftige Musi fehlt nicht, wenn 1500 Besucher in der Alten Kelter in Fellbach bei der Aufzeichnung der SWR-Fernsehsendung „Das jüngste Geri(ü)cht“ auf Bierbänken hocken. Zum Nummer-eins-Hit der Grünen erklärt Christoph Sonntag, der als Bruder Christopherus im Büßergewand nun zum fünften Mal an diesem Ort selbstbewusst die schwäbische Version des bayerischen Derbleckens vorführt, einen Volksfestkracher. Claudia Roth in Berlin habe sich gerade mit einem schmissigen Volkslied nach Winfried Kretschmann erkundigt: „Ja, lebt der alte Holzmichl noch?“

Ja, er lebt noch, er lebt noch, er lebt noch! Ganz vorne hockt der Ministerpräsident am Grünen-Tisch – mit Landtagspräsidentin Muhterem Aras, Verkehrsminister Winfried Hermann und Umweltminister Franz Untersteller. Dass OB Fritz Kuhn wie immer bei diesem Spektakel nicht dabei ist, kann Gastgeber Sonntag erklären: „Er muss Kehrwoche auf der B 14 machen.“

„Smog im Schlafzimmer und kein Verkehr“

Der Feinstaub und Staurekorde in Stuttgart sind beherrschende Themen an diesem Vormittag. Weil keiner mehr mit dem Auto durch die Stadt komme, könne man mit dem Motorrad auf Gehwegen fahren. „Die Polizei kann die Verfolgung nicht aufnehmen – sie steckt im Stau fest“, beruhigt Bruder Christopherus. Ach ja, und jetzt wissen wir auch, was die in Stuttgart typischen Feinstaub-Ehen durchmachen: „Smog im Schlafzimmer und kein Verkehr.“

Neun Schläge braucht Kretschmann, um das Starkbierfass anzustechen, das nach alter Tradition helfen soll, die Fastenzeit zu überbrücken. Dies alles geschieht vor der Aufzeichnung. Der SWR will nicht zu viel Werbung für die Brauerei in die Sendung bringen. Dafür ist manches Werbung für München. Die Satire-Szenen mit Özan Cosar, Annette Postel und Co. aus einem Fitness-Studio sind zwar ganz nett, können aber dem bayerischen Singspiel vom Nockherberg nicht das Wasser reichen. Womit sich mal wieder zeigt, wie schlecht es ist, wenn man vergleichen kann.

Aber lassen sich Äpfel und Birnen vergleichen? Das Derblecken in Bayern geht auf das 19. Jahrhundert zurück – in Fellbach ist die „Tradition“ gerade mal fünf Jahre alt.

Landespolitiker haben Schonfrist

Natürlich gibt’s in der Alten Kelter nicht nur den grünen Biertisch. Bei den Roten sitzen SPD-Landeschefin Leni Breymaier und Ex-Minister Reinhold Gall. Die CDU ist durch die Minister Thomas Strobl, Susanne Eisenmann und Peter Hauk vertreten. Auch FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke und SWR-Intendant Peter Boudgoust fehlen nicht. Besonders laut klatschen alle, wenn Sonntag die AfD attackiert, was oft geschieht.

Mit dem SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz, zeigt sich in Fellbach, tun sich die Spaßmacher und Parodisten noch etwas schwer. Aber wir sind in Baden-Württemberg. Weil da keine Wahl ansteht, haben die anwesenden Landespolitiker Schonfrist. Dies könnte ein Grund dafür sein, warum das Starkbierfest in der ausverkauften Alten Kelter diesmal entspannt ist – so schön unverbissen.

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