Was passiert mit dem Zahngold von Verstorbenen nach dem Tod? In Ludwigsburg landet es nicht in der Urne und auch nicht bei den Angehörigen. Es nimmt einen anderen Weg.
Gold, Messing, Zink, Aluminium – in vielen Körpern befinden sich wahre Schätze. Sie sind in Zahnprothesen oder künstlichen Hüftgelenken zu finden, die einst eingesetzt wurden, um einen kranken Körper zu heilen. Aber der Altersprozess und letztendlich auch der Tod lassen sich nicht aufhalten. Das weiß auch Sabrina Reith. Sie leitet die städtischen Friedhöfe sowie das Krematorium in Ludwigsburg und hat täglich mit der Vergänglichkeit des Lebens zu tun, wenn sie nach einem Todesfall mit den Angehörigen eine Beerdigung plant.
Immer wieder wird hierbei von den Hinterbliebenen gefragt, ob sie nicht das Zahngold der Verstorbenen haben könnten. Schließlich sei das einiges wert, und eine Beerdigung teuer. „Wir ziehen hier keine Zähne“, lautet dann die Antwort von Sabrina Reith. Das sei jedoch die einzige Möglichkeit um zu garantieren, dass die Angehörigen auch genau das Gold bekommen, dass in den Zähnen des Verstorbenen steckt. „Das wollen wir aber nicht.“ Anders sei es technisch nicht möglich.
In der Urne landet das Gold allerdings auch nicht. Wo ist es dann?
Die Mitarbeiter im Krematorium versuchen den Tod auszublenden
Rund 80 bis 90 verstorbene Menschen werden pro Monat in das Krematorium in Ludwigsburg gebracht. Bei rund 30 bis 40 Prozent sei eine Erdbestattung vorgesehen. Die Restlichen werden erst verbrannt und finden dann in einer Urne die letzte Ruhe. Dafür zuständig ist Hagen von Brandenstein – ein Mann mit festem Händedruck und einem Namen, der zu seiner Arbeit zu passen scheint. Dass er jeden Tag mit dem Tod konfrontiert ist, versucht er auszublenden. Manche Schicksale gehen aber auch dem gelernten Metzger nahe. „Wenn ein Kind verstirbt und hier landet, ist es schon hart“, gibt er zu. Aber auch dann muss er seine Arbeit erledigen.
Dafür hebt er die Särge, die für eine Urnenbestattung vorgesehen sind, mit einem Kran auf einen Wagen. Dieser fährt die Särge in den Gasofen im Krematorium. Bei bis zu 850 Grad zerfallen Sarg und Leichnam innerhalb einer Stunde. Übrig bleiben drei bis sechs Kilogramm Asche, erklärt von Brandenstein.
Die Überreste werden in einem Nebenraum aufbereitet. Mit einem starken Magneten zieht von Brandenstein Metallteile aus dem Behälter mit Asche. Hängen bleiben etwa Zahnspangen, künstliche Hüftgelenke, aber auch Nägel aus den Särgen. Gelegentlich findet er auch Überraschendes, wie geschmolzenes Glas. Ein Verstorbener muss wohl eine Glasflasche in der Kleidung versteckt gehabt haben. „Manchmal geben Verwandte den Verstorbenen kleine Geschenke mit“, erklärt er. Der Rest wird in einer Trommel zerkleinert. Während diese sich dreht, trennen sich Asche und die verborgenen Edelmetalle. Während die Asche in eine Urne gefüllt wird, gelangen die wertvollen Metalle in ein verschlossenes Fach.
Nur die Leiterin Sabrina Reith darf es öffnen. „Etwa 200 bis 300 Gramm sammeln sich in einem Monat an“, verrät sie. Kleine Kugeln aus Aluminium, Zink und Keramik. „Darunter erkennt man auch deutlich das Gold“, so Reith. Und das ist einiges wert. Denn aus dem Verkauf der Edelmetalle gehen jährlich etwa 50 000 Euro hervor, teilt die Stadtverwaltung mit.
Der Verkauf der Edelmetalle bringt 50 000 Euro jährlich
Die Haushaltskasse möchte die Stadt damit aber nicht füllen. Stattdessen hat sie beschlossen, das Geld zu spenden. 60 Prozent gehen an die Bürgerstiftung Ludwigsburg. Mit den Erlösen wurden im vergangenen Jahr kulturelle Projekte unterstützt. Die restlichen 40 Prozent der Erlöse fließen an die Hospizinitiative Ludwigsburg. Der Verein unterstützt schwerkranke Menschen in ihrer letzten Lebensphase und begleitet auch deren Angehörige. So schließt sich der Kreislauf wieder. Der Erlös von Zahngold der Verstorbenen kommt denen zu Gute, die Menschen in großer Trauer Trost schenken.
Eine gute Sache, findet Sabrina Reith. Auch die Angehörigen der Verstorbenen sind damit einverstanden, dass die Erlöse gespendet werden. Bei jeder Urnenbestattung informiert Reith die Angehörigen vorab darüber, was mit den wertvollen Überresten geschieht. Beschwerden gab es bislang noch keine.
Und was das Zahngold angeht, meint sie mit Blick auf die Zukunft: „Irgendwann finden wir vielleicht gar kein Gold mehr in der Asche.“ Denn immer seltener bekommen Patienten von ihren Zahnärzten überhaupt noch Goldfüllungen. Bis sich das jedoch im Krematorium bemerkbar macht, könnten noch rund 20 Jahre vergehen, so Reith.
Zahlen und Fakten
Statistiken
Das Statistische Landesamt erhebt Zahlen zur Geburten- und Sterberate. Demnach sind im Landkreis Ludwigsburg im Jahr 2023 insgesamt 5422 Menschen verstorben, während nur 5125 Menschen geboren wurden.
Wem gehört Zahngold?
Es ist rechtlich nicht eindeutig, wem die Edelmetalle nach dem Tod gehören. Zunächst würden sie, nachdem der Verstorbene verbrannt wurde, niemandem gehören, berichtet der Bayerische Rundfunk, der mit Gerold Steiner, Richter am Bayerischen Justizministerium, gesprochen hat. Zwar haben die Angehörigen ein vorrangiges Recht, können dieses aber mit ihrem Einverständnis an das Krematorium übertragen.