Ein Kreisliga-B-Duell in Kernen war nicht nur ein Offenbarungseid für sportliche Fairness. Vor dem Waiblinger Amtsgericht wird auch wegen gefährlicher Körperverletzung verhandelt.
Dass ein Spiel 90 Minuten dauert und erst vorbei ist, wenn der Schiedsrichter abpfeift, zählt zu den Standardphrasen des Fußballs. Im Fall eines denkwürdigen Kreisliga-B-Kicks zwischen Kosova Kernen und der Spvgg Rommelshausen stimmt die so einleuchtende wie oft zitierte Binsenweisheit aber offenbar nicht. Die Aufarbeitung des sportlich brisanten Lokalderbys beschäftigt auch über ein Jahr nach dem Schlusspfiff die Justiz – und wirkt wie eine Bestätigung, weshalb viele Eltern ihre Kinder lieber nicht auf den Fußballplatz schicken.
Denn während es in anderen Sportarten üblich ist, dem Gegner auch nach einem harten Fight noch sportlich fair die Hand zu schütteln, hat die aufgeheizte Atmosphäre in Kernen für mehrere Strafanzeigen wegen gefährlicher Körperverletzung gesorgt. Gleich reihenweise brannten Spielern wie Betreuern die Sicherungen durch, und weil enthemmte Akteure nach der Partie im Mai 2024 auf den Schiedsrichter losgingen, hagelte es teils empfindliche Strafen.
Sportgericht verhängt Spielsperren gegen Spvgg Rommelshausen
Das Sportgericht des Württembergischen Fußballverbands jedenfalls verhängte gleich sechs über Wochen und Monate dauernde Spielsperren, ausnahmslos übrigens für die Spvgg Rommelshausen. Und auch der Unparteiische erinnert sich mit Schrecken an den Tag als ihn Ordner vor einer aufgebrachten Meute schützen mussten. „Ich hatte noch einige Wochen wirklich Angst“, sagt der 31-jährige Referee vor dem Waiblinger Amtsgericht aus.
Dort im schmucklosen Sitzungssaal versucht Richterin Figen Basoglu-Waselzada zu klären, ob das aus den Fugen geratene Lokalderby nur ein Offenbarungseid für sportliche Fairness war, oder möglicherweise auch eine strafrechtliche Relevanz hat. Fast ein Dutzend Zeugen – Spieler, Trainer und Klubfunktionäre – sind geladen, um ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen. Ob sich tatsächlich erhellen lässt, wer wann wen gestoßen, getreten oder mit einem Faustschlag in die Magengrube beglückt hat, ist allerdings mehr als fraglich. „Eine Rudelbildung“, sagt der Schiedsrichter achselzuckend, „gab es gefühlt doch alle fünf bis zehn Minuten.“
Spieler von Kosova Kernen vor Gericht
Auf der Anklagebank des Amtsgerichts sitzt ein Spieler von Kosova Kernen. Er soll, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, nach seinem Ausgleichstreffer zum 2:2 im Gerangel um den Ball den Torhüter der Spvgg Rommelshausen umgestoßen haben – und zwar so heftig, dass der Keeper mit dem Kopf aufs Metallgestänge des Tornetzes fiel und offenbar minutenlang behandelt werden musste. Auch von einem Tritt gegen den Kopf des Torhüters ist in der Anklageschrift die Rede, auf dem Rückweg vom Tatort im Fünf-Meter-Raum soll der Stürmer auch noch einen am Boden liegenden Verteidiger mit seinem Kickstiefel malträtiert haben.
Ob das wirklich alles stimmt, ist eine gar nicht so einfach zu beantwortende Frage. Denn schildern können die Zeugen die Szene allenfalls in Bruchstücken. Und nach einem Jahr ist die Erinnerung an den exakten Ablauf bei vielen Akteuren offenbar längst verblasst – oder wird von am Klubstammtisch getroffenen Mutmaßungen überlagert.
Schiedsrichter kritisiert Spieler des Spvgg Rommelshausen
Ein Vereinsfunktionär der Spvgg beispielsweise erzählt im Gerichtssaal durchaus glaubhaft von einem Rededuell an der Auswechselbank, bei der sich der nach seiner Darstellung überaus aggressive Kosova-Stürmer bereits in der ersten Halbzeit eine gelbe Karte eingehandelt habe. „Für mich war der da schon reif für einen Platzverweis, der hätte das Tor gar nicht mehr schießen dürfen“, gibt er im Gerichtssaal zu Protokoll. Im Spielberichtsbogen freilich ist gar keine Verwarnung für den angeblich so über die Stränge schlagenden Spieler vermerkt – wenn die Geschichte stimmt, muss es sich um einen anderen Kosova-Akteur handeln.
Auch der Schiedsrichter stützt die These vom nach allem tretenden Hitzkopf nicht. Aggressiv sind seiner Erinnerung nach vor allem die Spvgg-Spieler aufgetreten. „Die Kosova-Leute haben meine Entscheidungen akzeptiert ohne sich zu beschweren und mir was Schlechtes zu sagen“, sagt er.
Der minutenlang behandelte Torhüter spielte bis zum Schlusspfiff durch
Das deckt sich mit dem Spielprotokoll, in dem neben einer Flut an gelben Karten auch ein Sofort-Platzverweis für einen Spvgg-Ersatzspieler und zwei Ampelkarten aufgeführt sind. Für Kosova gab es keine rote Karte – möglicherweise mit ein Grund für den 3:2-Sieg. Ausgerechnet die Szene, um die es vor dem Amtsgericht geht, hatte aber auch der Unparteiische nicht im Blick, weil er nach dem Ausgleichstor mit der Protokollierung des Treffers beschäftigt war. „Für mich wirkte das ein bisschen übertrieben“, sagt er über die Blessur des Torhüters. Verletzungsbedingt wechseln übrigens musste Rommelshausen nicht. Sowohl der Keeper als auch der angeblich getretene Verteidiger spielten bis zum Schlusspfiff durch.