Ralph Rieck (links) und Michael Medla vom Esslinger Kreisjugendring wollen das Thema Antisemitismus in den Fokus rücken. Foto: /Philipp Braitinger

Der Kreisjugendring Esslingen ist entsetzt über den Angriff der Hamas auf Israel. In einer Kampagne bezieht er klar Stellung.

Der Schock sitzt tief. Die islamistische Terroraktion der Hamas, die seit zwei Wochen Israel erschüttert, habe Fassungslosigkeit hervorgerufen, sagen der Vorstandsvorsitzende des Esslinger Kreisjugendrings (KJR), Michael Medla, und der KJR-Geschäftsführer Ralph Rieck. „Das moralische Entsetzen ist immens“, sagt Rieck. Es sei Zeit, öffentlich Position zu beziehen. Am Freitag wurde die Stellungnahme „Solidarität mit Israel“ veröffentlicht. Dahin heißt es: „Menschenverachtende Überfälle und Hass auf unschuldige Menschen sind durch nichts zu rechtfertigen.“

 

Der Kreisjugendring pflegt seit dem Jahr 1974 eine Partnerschaft mit der israelischen Stadt Givatayim östlich von Tel Aviv. Man sei mit den Gedanken und der Trauer bei den getöteten, entführten und verletzten Opfern, bei den Familien und Angehörigen, steht in der Stellungnahme. Momentan stehe die Betonung der uneingeschränkten Solidarität mit Israel im Vordergrund, hob Ralph Rieck hervor. „Jetzt ist nicht die Zeit für ein Aber“, macht er klar.

Auswege aus der Echokammer

Allerdings wird die Zeit für die Diskussion des Nahostkonflikts aus Sicht des KJRs kommen. Seit Längerem beobachten die Mitarbeiter, dass es nicht nur Jugendlichen schwerfällt, die Flut an Informationen im Internet selbstständig zu bewerten und zu filtern. „Ich bin schnell in meiner Echokammer“, sagt Medla. Dort würden die Positionen rasch immer radikaler und Widersprüche ausgeblendet. Dem möchte der Kreisjugendring entgegentreten. So könnten beispielsweise Einwohner aus der israelischen Partnerstadt Givatayim für Diskussionen eingeladen werden. Erste Anfragen an Schriftsteller sowie an israelische und muslimische Musikgruppen für gemeinsame Konzerte seien bereits gestellt worden.

Das Thema Antisemitismus soll in den Fokus rücken. „Es braucht auch Orientierung“, sagt Rieck. Diese könnten unter anderen die Mitarbeiter des KJR in ihrer täglichen Arbeit mit vielen Jugendlichen im Landkreis bieten. Dabei müsse man auch widersprechen, wenn fundamentale Werte des Zusammenlebens infrage gestellt würden. „Wir wollen an dieser Stelle deutlicher die Auseinandersetzung führen“, erklärt er.

Zunächst werden Plakate und Sticker verteilt. Auf den Plakaten steht: „Wir lieben das Leben und die Menschen. Gegen Rassismus, Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit“. Ein QR-Code leitet auf die Seiten des KJR weiter, auf der die komplette Stellungnahme „Solidarität mit Israel“ zu finden ist.

Antisemitismus in Deutschland

Das Engagement gegen Antisemitismus braucht aus Sicht des KJR Esslingen neue Konzepte. „Es ist ein langer Prozess, den wir vor uns haben“, sagt Rieck. Ob in der Vergangenheit dem Antisemitismus in Deutschland zu zögerlich entgegengetreten wurde? „Mag sein, dass man zu lange weggeschaut hat“, gibt Rieck zu. An dieser Stelle hätten sich viele Menschen in Deutschland nicht getraut, deutlich Position zu beziehen. Es sei aber notwendig, diese Auseinandersetzung zu führen. Auch in einer multikulturellen Gesellschaft müsse es eine Verständigung über das Zusammenleben geben. Der KJR erlebe das in seiner täglichen Arbeit. In die Einrichtungen kämen Jugendliche mit völlig unterschiedlichen kulturellen, religiösen oder weltanschaulichen Hintergründen. „Es ist nicht so, dass jeder kommt, und es funktioniert. Es ist eine tägliche Auseinandersetzung“, berichtet Ralph Rieck.

Termin Der Kreisjugendring organisiert einen Vortrag mit Musik. Die Veranstaltung „Youth Against Antisemitism – Lesung, Party, Konzert“ ist am Samstag, 9. Dezember, um 19.30 Uhr im Jugendhaus Komma in Esslingen. Gelesen wird aus dem Buch „Judenhass Underground“, das verstecken Antisemitismus thematisiert.