Jan Henning vom Kreisfischereiverein sieht die Entwicklung der Kormoranpopulation rund um die Böblinger Seen mit Sorge. Foto: Langner

Die Kreisfischer machen sich Sorgen. Kormorane und Gänse werden immer mehr zum Problem rund um Böblingens Seen. Wird es Zeit, dass ein Stadtjäger die Tiere abschießt?

Graugänse, Enten und Kormorane tummeln sich kreischend und schnatternd auf und um den Oberen See – was für die einen wie ein idyllisches Vogelparadies wirken mag, ist für Jan Henning ein einziges Ärgernis. „Wir haben hier wirklich ein riesengroßes Problem“, sagt der 56-Jährige, der als Mitglied beim Kreisfischereiverein (KFV) Böblingen regelmäßig vor Ort unterwegs ist. Aus seiner Sicht werden neben den Gänsen vor allem Kormorane immer mehr zur Plage. „Ein einzelner von denen frisst ein halbes Kilo Fisch am Tag“, sagt er.

 

Bei der Vielzahl an Vögeln, die an diesem Februarnachmittag an den Seen zu beobachten sind, rechnet er mit rund 25 Kilo Fisch, die täglich von den Kormoranen weggefuttert oder durch ihre Hakenschnäbel verwundet werden und dann qualvoll verenden. „Wenn das so weitergeht, ist der See in zwei, drei Jahren leergefischt“, fürchtet Jan Henning.

Kreisfischer sehen wachsende Gänsepopulation mit zunehmender Sorge

Als Gewässerwarte und Pächter der Böblinger Seen sehen die Kreisfischer aber nicht nur die Kormorane, sondern auch die wachsende Gänsepopulation mit zunehmender Sorge – aus hygienischer Sicht ebenso wie mit Blick auf die Aufenthaltsqualität der Bevölkerung.

Laut Stadtverwaltung überwache man das Thema Gänse „kontinuierlich“ und setze dabei auf verschiedene Strategien, um die Tiere zu „vergrämen“, wie das in der Jägersprache heißt. Bisherige Versuche mit Greifvögeln zeigten allerdings wohl nur kurzfristige Erfolge, daher wolle man sich auf nachhaltigere Maßnahmen konzentrieren – darunter der Austausch von Eiern mit Attrappen.

Ein weiterer Ansatz ist eine blickdichte Bepflanzung rund um die Seen. Gänse sind Fluchttiere, wenn Röhricht und Buschwerk ihnen die Sicht aufs rettende Wasser versperrt, schreckt sie das ab. Genau diese Gedanke steckte übrigens zuletzt auch hinter der testweisen Absperrung des Spielplatzes Siebeneck an der Uferstraße, wo ein Zaun insbesondere während der Mauser die Sicht der Gänse zum See abschirmen sollte.

Kinder teilen sich die Spielplätze am See schon länger mit Gänsen. Foto: Langner

Die Stadt will das Fütterverbot für Gänse effektiver durchsetzen

Maßgeblich für die Eindämmung des Gänsebestands ist aber wohl vor allem das Nahrungsangebot. Deshalb wolle die Stadt das Fütterungsverbot durch bessere Beschilderung und verstärkte Kontrollen künftig noch effektiver durchsetzen.

Außerdem prüft man in Böblingen auch die Einsetzung eines Stadtjägers zur Weiterentwicklung des 2022 etablierten „Gänsemanagementkonzepts“. Der Kreisfischereiverein spricht sich schon lange dafür aus, den Tierbestand durch Abschuss zu kontrollieren.

Kormorane nutzen den Bootssteg als Ruheplatz. Foto: Langner

Bei den Kreisfischern dürften man die angekündigten Maßnahmen mit Wohlwollen aufnehmen – und tatsächlich nimmt man im Verein wohl eine „Neuausrichtung“ bei den Verantwortlichen im Böblinger Rathaus wahr. Die „mitunter verhärtete Haltung“ und „stark ideologisch geprägte Betrachtung des Themas durch einzelne Akteure“ weiche allmählich einer „offenen Kommunikation und der Diskussion von Ideen, sowie des Austausches am Runden Tisch“, stellt KFV-Vorsitzende Patrick Hocker positiv fest.

Auch beim Thema Kormorane sind die Kreisfischer in engem Austausch mit der Böblinger Stadtverwaltung. Schon 2025 hatte der Verein deswegen Alarm geschlagen. Damals wie heute sieht man auf dem Rathaus aber keine Notwendigkeit, weitere Maßnahmen zu ergreifen. Zum einen seien Maßnahmen gegen Kormorane nur sinnvoll, wenn diese auf Landkreis- oder besser noch auf Landesebene passieren. Zum anderen sei das Vorkommen im landesweiten Vergleich noch verträglich.

Einen Anstieg der Anzahl von Kormoranen am Oberen See beobachten wir jedes Jahr im zeitigen Frühjahr“, teilte das Grünflächenamt mit. Die Vögel würden zwei bis drei Wochen bleiben und anschließend weiterziehen.

„Aus unserer Sicht hat sich die Situation in den vergangenen Jahren weiter zugespitzt

Patrick Hocker, Vorsitzender des Kreisfischereivereins über die Kormoranpopulation an den Böblinger Seen

Tatsächlich ist mittlerweile vor Ort von Kormoranen nichts mehr zu sehen. Dennoch sieht man die Entwicklung bei den Kreisfischern weiterhin mit Sorge. „Aus unserer Sicht hat sich die Situation in den vergangenen Jahren weiter zugespitzt“, berichtet KFV-Chef Patrick Hocker von einem deutlichen Rückgang bei mehreren Fischarten.

Das Problem sei dabei nicht allein, dass die Wasservögel die Böblinger Seen als eine Art „All-you-can-eat-Buffet“ sehen, sondern auch jene Arten beim Laichen stören, die als Beute zu groß für sie sind. Das habe gravierende Auswirkungen auf den Fischbestand. Das Problem: Kormorane gelten – wie die Stadt Böblingen in einer Stellungnahme betont – nach dem Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) als besonders geschützte Art.

Zwar ist der Bestand laut Naturschutzbund Deutschland (NABU) nicht mehr gefährdet, dennoch hat man dort eine eigene Sichtweise auf das Thema. „Für die Kormorane kann davon ausgegangen werden, dass ihr Bestand keinerlei Gefahr für die Fischbestände im See darstellt“, meint beispielsweise Evelyne Jeanrond, Pressesprecherin beim NABU Sindelfingen-Böblingen und Umgebung.

Bei den Kreisfischern sieht man dies ganz anders: „Das ist eine richtige Notlage“, sagt der Fischer Jan Henning. Er fordert, dass die Stadt das Thema endlich konsequenter angeht. Im Vereinsvorstand ist man derselben Meinung: „Der Schutz einer Art darf aus unserer Sicht nicht dazu führen, dass andere Arten – einschließlich Fischbestände – dauerhaft geschädigt werden“, fordert KFV-Chef Patrick Hocker einen „ausgewogenen Ansatz, der sowohl Artenschutz als auch Gewässerökologie berücksichtigt“.

Die Böblinger Seen

Pachtvertrag
Die Böblinger Seen sind über einen laufenden Fischereipachtvertrag an den Kreisfischereiverein (KFV) verpachtet. Laut Fischereigesetz (FischG) ist der Pächter verpflichtet, einen dem Gewässer entsprechenden Fischbestand zu erhalten und zu hegen. Dabei dürfen die am Wasser lebende Tier- und Pflanzenwelt einschließlich ihrer Lebensgemeinschaften „nicht mehr als notwendig“ beeinträchtigt werden.

Fischbestand
Der KFV ist als Pächter unter anderem dazu verpflichtet, einen angemessenen Fischbestand und seine Ertragsfähigkeit zu erhalten. Dazu zählt, dass er der Stadt regelmäßig über Stückzahl, Arten und Gewicht berichtet.