Der Mercedes SLS Foto: Daimler AG

Sulz soll Teststrecke für Daimler bekommen und will die Bürger von Anfang an beteiligen.

Stuttgart - Derzeit testet der Daimler-Konzern die Technik für seine neuen Fahrzeuge an vielen Stellen in Deutschland. Künftig soll dies weitgehend zentral an einem Platz geschehen. Drei Standorte im Land sind noch in der engeren Wahl.

Kaum eine Stadt, kaum ein Landkreis in Baden-Württemberg, wo es nicht längst einen Wirtschaftsförderer gibt. Die Aufgabe dieser Damen und Herren ist stets identisch: Das Werben für den jeweiligen Standort, das damit verbundene Heranholen finanzstarker Investoren, die Schaffung von zusätzlichen Arbeitsplätzen - und letztendlich die Sicherstellung einer sprudelnden Gewerbesteuer. In Sulz am Neckar (Kreis Rottweil) ist man diesen Zielen jetzt ein großes Stück näher gekommen, dort haben die Wirtschaftsförderer offenbar ganze Arbeit geleistet. Denn am 12. November soll, darf und muss der Daimler-Konzern seine Pläne für den Bau eines Prüfzentrums und einer Teststrecke bei einer Bürgerversammlung vorstellen. Das hat der Gemeinderat jetzt einstimmig beschlossen und damit dem Rätselraten vorläufig ein Ende gesetzt, ob die Region diese Ansiedlung gerne hätte oder lieber darauf verzichten würde.

Zwar betont ein Sprecher der Stadt, mit der Einberufung der Bürgerversammlung sei noch keine Vorentscheidung gefallen. Fakt ist aber: Der Widerstand vor Ort gegen das Projekt hält sich bisher sehr in Grenzen. "Der Daimler-Konzern hat Interesse an unserem Standort. Wir haben es auch, das steht außer Frage", sagte der Sprecher der Stadt am Mittwoch. Die Voraussetzungen scheinen ideal und ganz nach dem Geschmack des Autobauers zu sein. Daimler sucht seit Monaten ein Gelände, das maximal eine Stunde von Stuttgart und Sindelfingen entfernt und via Autobahn gut angebunden ist. In Sulz am Neckar ist beides der Fall. Ein rund 150 Hektar großes Areal nur zwei Kilometer von der A 81 ist als regionales Gewerbegebiet ausgewiesen - mit einer Bedingung: Wo jetzt noch Wiesen und Äcker sind, darf kein Gemischtwarenladen mit Waschanlage, Einkaufsmärkten und Spielhallen entstehen, sondern dort darf nur ein Investor zum Zuge kommen.

Daimler hat noch zwei weitere Standorte im Visier

Ob es Daimler wird? Eine Konzern-Sprecherin hielt sich am Mittwoch zurück. "Wir sprechen derzeit mit mehreren Gemeinden im Land, die nach unseren Kriterien infrage kommen." Orte wollte sie nicht nennen. Nach Informationen unserer Zeitung hat der Daimler-Konzern inzwischen eine Fülle von möglichen Standorten auf drei reduziert: Neben Sulz am Neckar sind das Empfingen (Kreis Freudenstadt) und die Nachbargemeinden Merklingen/Nellingen im Alb-Donau-Kreis). Die Pläne für die Ansiedlung sind überall dieselben. Demnach sucht der Automobilkonzern ein Gelände in einer Größenordnung zwischen 100 und 350 Hektar. Neben einem Ovalkurs sollen dort Teststrecken entstehen, eine Werkstatt und ein Veranstaltungszentrum gebaut werden und künftig verkehrstechnische Situationen simuliert werden können, wie sie zum Beispiel in der Stadt vorkommen.

"Es geht darum, dass wir alternative Antriebe, aber auch Fahrassistenzsysteme testen können. So etwas fehlt uns bisher", betonte die Sprecherin. Bei den Fahrassistenzsystemen handelt es sich unter anderem um Einrichtungen zur Unfallvermeidung, um automatische Bremshilfen und Rückfahrkameras. Die geplanten Gesamtinvestitionen für das sogenannte "Prüfzentrum Süd" bezifferte die Daimler-Sprecherin auf einen "hohen zweistelligen Millionenbetrag".

Über die Anzahl der entstehenden Arbeitsplätze herrscht derzeit noch Unklarheit. Heinz-Rudi Link, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Schwarzwald-Baar-Heuberg, sagte unserer Zeitung, er gehe je nach Größe der Ansiedlung von 30 bis 300 Arbeitsplätzen aus. Die Daimler-Sprecherin wollte sich nicht festlegen. Für den Konzern sei es wichtig, dass das Testzentrum von Sindelfingen und Untertürkheim für die Techniker und Entwicklungsingenieure "schnell zu erreichen" sei.

Dieses Argument dürfte auch einer der zentralen Gründe für die Suche nach dem neuen Standort sein. Zum einen gilt das bisherige Testgelände in Wernau (Kreis Esslingen) als zu klein, ist veraltet und grenzt obendrein an Naturschutzgebiete. Zum anderen müssen die Autoexperten derzeit für ihre Tests mal zum Hockenheimring, mal nach Papenburg (Niedersachsen), mal ins Ausland fahren. Mit einem zentralen Standort würden sich diese Probleme erledigen. Alle Beteiligten hoben deshalb am Mittwoch hervor, wie wichtig die geplante Bürgerversammlung sei. "Wir wollen die Bürger von vorneherein in das Projekt einbeziehen", hieß es bei Stadt und Wirtschaftsförderung, wo man eine Kopie der Proteste von Stuttgart 21 unbedingt vermeiden will. "Wir halten die Information der Bürger für zwingend", betonte auch die Daimler-Sprecherin. Wann die endgültige Standortentscheidung fällt, ließ sie offen.

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