Seine Tour startet Martin Tschepe am Marktplatz in Ludwigsburg. Foto:  

Ein neuer Jubiläumsradweg führt rund um den Landkreis Ludwigsburg. Unser Autor und begeisterter Radfahrer Martin Tschepe hat die gut 160 Kilometer lange Strecke durch Wälder, Wiesen, Weinberge und Wohngebiete erkundet.

Nach gut einer Stunde und etwa 20 Kilometern die erste von vielen Bergprüfungen: auf geschottertem Untergrund führt der Ludwigsburger Jubiläumsradweg bei Gerlingen hinauf in Richtung Schloss Solitude. Die Sonne brennt vom Himmel, obgleich es noch lange nicht Mittag ist. Der Schweiß rinnt in Strömen. Wer mag, macht einen Abstecher zu dem einstigen Lustschloss der württembergischen Herzoge und Könige. Wir indes wollen möglichst schnell einmal rum um den Landkreis, sind deshalb früh am Morgen in Ludwigsburg auf dem Marktplatz gestartet. Die Stippvisite des imposanten Schlosses fällt also aus.

 

Menschenleere Pfade und Industriegebiete

An diesem Werktag ist auf den meisten Abschnitten des Rundradwegs, der zum 50. Geburtstags des Kreises Ludwigsburg im Jahr 2023 ausgewiesen worden ist, kaum was los. Wo die Trasse durch Wohngebiete führt oder an Werkhallen vorbei, ist das anders: auf diesen Straßen sind oft viele Autofahrer unterwegs. Also Obacht geben, Radfahrer! Bald führt der Weg, der bis dato noch nicht beschildert ist, wieder durch einen einsamen Wald in Richtung Krummbachtal und auf menschenleeren Pfaden bergauf: Oben angekommen empfängt eine Frau, geschätzt Mitte 50, die Radfahrer aus Ludwigsburg. Sie erzählt, dass sie oft diese Anhöhe besuche, wegen des imposanten Ausblicks.

Los geht es auf einer Fahrradstraße in Ludwigsburg. Foto: Martin Tschepe

Kilometer 28: Links ein Schild, das auf das Naturschutzgebiet Gerlinger Heide hinweist, rechts noble Häuser mit grandiosem Blick in Richtung Landkreis Ludwigsburg. Wenig später gurgelt unten im Glemstal das Flüsschen. Vögel zwitschern, Idylle pur. Vorbei geht es an der Fleischmühle, die zum Glemsmühlenweg gehört.

Schon ein paar Pedaltritte weiter sind Radfahrer wieder mitten im Alltagsleben der Menschen in Ditzingen. Auf die Stadt folgen wieder weite Felder, am Himmel kreist ein Greifvogel. Fühlt sich an wie Urlaub!

Auf vielen Abschnitten fühlt sich die Tour für den Autor fast wie Urlaub an. Foto: Martin Tschepe

Kilometer 46: Heimerdingen. Im Zeilwald ist es kühl, Insekten summen. Bald führt der Weg durch Riet und Enzweihingen, entlang der Enz und hinter dem Vaihinger Ortsschild vorbei am Enzbad – und dann rein in die Stadt. Radeln mit Burgblick: über Vaihingen thront das Schloss Kaltenstein. Kilometer 56: Am Ortsausgang steht ein Schild, das hinweist auf die KZ-Gedenkstätte.

Badestopp? Die Seewaldseen liegen direkt am Rundweg

Bald folgt der nächste heftige Anstieg und es geht vorbei an der Eselburg. Hier, in der Region Kraichgau-Stromberg, sind einige Wanderwege ausgeschildert, zum Beispiel der Eselburg-Rundweg. Der Jubiläumsradweg führt nun mitten durch einen Wengert. Das Weingut Walz lädt auf einem Plakat ein zur Veranstaltung „Wein O’Clock“. Dort spielt am 6. September Andy Burgert. Leicht bergab geht es vorbei an den Seewaldseen bei Horrheim – die einzigen ausgewiesenen Badegewässer im Landkreis Ludwigsburg.

Die Region Kraichgau-Stromberg hat auch einige Wanderwege zu bieten. Foto: Martin Tschepe

Kilometer 72: Gündelbach. Mitten im Flecken sitzt Matthias Ullrich aus Brackenheim auf einer Bank. Der Mann, 66 Jahre jung, trägt ebenfalls Bikekleidung, verschnauft und erzählt, dass er oft Fahrrad fahre, vielerorts. Die Wege rund um Gündelbach seien „sensationell, traumhaft“. Und vom Jubiläumsradweg habe er zumindest schon mal gelesen. Aber gut 160 Kilometer? „Das würde ich schaffen“, sagt Ulrich: „Aber muss das sein? In meinem Alter . . .“ Nein, das muss sicher nicht sein – man könne die Runde allerdings ja auch etappenweise radeln.

Matthias Ullrich macht in Gündelbach eine Pause. 160 Kilometer? Das würde er schon schaffen – aber es geht ja auch in Etappen. Foto: Martin Tschepe

Wenig später wieder in den Weinbergen ein Schild „Vorsicht, Wengertarbeiten!“ Auf diesem Abschnitt des Jubiläumswegs im Nordwesten des Landkreises ist auf den Kreisstraßen kaum mehr los als auf den für Autos gesperrten Abschnitten im Forst. Grandios! Bald am Wegrand dieses Schild: „Gündelbacher Steige. Land der 1000 Hügel. Spürst Du das auch!“ Diese Frage ohne Fragezeichen sondern mit Ausrufezeichen ist wohl rein rhetorischer Natur: Klar spürt der Radler diese Steigung! Und wie! Der Schweiß rinnt noch stärker als am Anstieg in Richtung Schloss Solitude. Das ist hart, hart an der Grenze – an der Leistungsgrenze und zugleich auch an der Landkreisgrenze.

Ein kurzer Stopp in Häfnerhaslach. Ein Brunnen mit kühlem Wasser am Wegrand mit der Warnung „Kein Trinkwasser!“ Und ein offenes Bücherregal mit Lesestoff zum Mitnehmen. Weiter geht’s dann mal wieder gefühlt stetig bergauf. Auch der Mittlere Rennweg führt durch den Wald.

Kilometer 84: gut die Hälfte der Strecke ist geschafft. Ein Schild weist zur Ruine Blankenhorn. Endlich: Ein asphaltierter Weg bergab! Mit Tempo 50 rast der Radfahrer also bei Cleebronn vorbei am Michaelsberg und am Freizeitpark Tripsdrill. In der Ferne ist das Kreischen der Menschen in der Achterbahn zu hören.

Kilometer 91: Auf der Württemberger Weinstraße geht’s nach Bönnigheim, dort empfängt die Besucher ein Banner: „Beste Weingärtnergenossenschaft Deutschlands 2023“. Auf verwinkelten und verwaisten Gassen führt der Jubiläumsweg durch den Ort mit seinen Fachwerkfassaden. Am Ortsausgang steht ein Rewe-Markt, bei dem alles zu haben ist, was das Radler-Herz begehrt: Bananen, Cola, Fleischkäse, Kaffee und Kuchen. Ein sportlicher Radler, der eine Flasche isotonisches Getränk leert, sagt: der Jubiläumsweg sei ja schön und gut, „aber nichts für Rennradfahrer“ – womit der Mann sicher Recht hat.

Kreischen aus Tripsdrill ist bei Cleebronn zu hören

Kumpel Günter Eckert (li.) hat sich mit auf die Tour gewagt. Foto: Martin Tschepe

Weiter geht es für uns nach Kirchheim und dann runter an den Neckar. Auf einem Rastplatz haben sich zwei Männer niedergelassen, die erzählen, dass sie den Neckartalradweg fahren. Von Tübingen nach Mannheim: „Toll hier!“ Kurzer Stopp in Besigheim, jener Stadt, von der viele Bewohner und Besucher sagen, sie sei die schönste im Landkreis. Sie bietet viel: malerische Gassen, Geschäfte, Gaststätten und Cafés, schmucke Gebäude und einen historischen Marktplatz.

Kilometer 111: Mundelsheim. Ein schönes, kleines Freibad direkt am Neckarufer, und daneben Heinzis Biergarten sowie eine Station des Kanuverleihs Die Zugvögel. In diesem Ort verlässt der Jubiläumsweg das Neckarufer: Rechts abbiegen und wieder rein in die Berge und weiter durch Winzerhausen bis nach Oberstenfeld.

Kilometer 123: Ein heftiges Unwetter mit Gewitter und Hochwasser stoppt unsere Tour. Erst am Nachmittag des nächsten Tages geht’s weiter – fast genau 24 Sunden nach der Ankunft in Oberstenfeld. Hoch über dem Ort thront die Burg Lichtenberg – und am Himmel strahlt wieder die Sonne. Mitten im Flecken sitzen zwei Rentner und schlecken ein Eis. „Wir sind am Ende“, sagt einer der Herren und lacht. Er und sein Kumpel haben eine etwa 70 Kilometer lange Radtour unter anderem durch das Schozachtal beendet. Der Jubiläumsweg führt nun ohne jede Steigung durch Groß- und Kleinbottwar.

Die Radtour muss wegen eines Unwetters unterbrochen werden

Im Bottwartal zieht ein Gewitter auf, das zu einer Unterbrechung der Tour führt. Foto: Martin Tschepe

Kilometer 133: Steinheim. Entlang der Murr und weiter nach Erdmannhausen, dann in einem Zick-Zack-Kurs über die Felder bis nach Affalterbach. Von einer Hochebene aus hat man einen tollen Blick bis ins Remstal. Die Route führt über den Lemberg, vorbei am Kulturbiergarten Sieben Eichen und über Hochdorf und Hochberg ans Neckarufer bei Neckarrems. Noch einmal geht es über den Fluss. Ankunft in Aldingen.

Kilometer 155: Das Finale führt vorbei am Flugplatz Pattonville und am Golfplatz, unter der B 27 durch und nach Kornwestheim. Hinter der Stadt, mitten auf den Feldern, schließt sich der Kreis: Genau hier hat die Runde einmal um den Kreis begonnen. 164 Kilometer sind auf dem Tacho. Was für eine coole Ausfahrt!

Der Neckar ist ein stetiger Begleiter – bis zum Ende. Foto: Martin Tschepe