Die Sperrmüllabfuhr ist bei Bestellung kostenlos. Auch im Kreis Göppingen. Dort muss ein Entsorger jetzt auf Vorwürfe reagieren. Denn ein Video zeigt einen brisanten Fall.
Sperrmüll fällt in praktisch jedem Haushalt früher oder später einmal an. Grundsätzlich ist die Abholung in den meisten Stadt- und Landkreisen bis zu einem gewissen Umfang kostenlos. In Stuttgart beispielsweise kann man zweimal im Jahr kostenfrei Sperrabfall anmelden und abholen lassen. In „haushaltsüblichen Mengen“, versteht sich. Im Landkreis Göppingen ist das einmal jährlich der Fall. Dort hat eine Familie jetzt aber außergewöhnliche Erfahrungen gemacht, die Konsequenzen nach sich ziehen.
„Laut Sperrmüllkarte darf man vier Kubikmeter vors Haus stellen“, erzählt der Schwiegersohn der Familie aus Wäschenbeuren. Also räumt man am Wochenende alte Möbel raus – ein Ecksofa, eine Schrankwand, zwei kleinere Schränke, alles fein zerlegt. Nach groben Berechnungen der Besitzer nicht mehr, als erlaubt ist. Und weit davon entfernt, die „haushaltsübliche Menge“ deutlich zu überschreiten.
50 Euro auf die Hand
Am 23. März fährt das Müllauto vor. „Ich bin rausgegangen, um die Männer zu fragen, ob sie einen Kaffee wollen“, erzählt der Schwiegersohn. Was ihm da entgegnet wird, ist einigermaßen überraschend. „So etwas habe ich ja noch nie gesehen, das sind mindestens zehn Kubikmeter“, regt sich einer der Müllmänner sofort auf. Er mache diese Arbeit seit Jahren, aber so etwas sei ihm noch nie untergekommen.
Angesichts der überschaubaren Menge ist die Familie sehr verwundert. Es entspinnt sich eine kleine Diskussion, in deren Verlauf sie sogar anbietet, nachzumessen, um wie viel Sperrmüll es sich wohl handle. Doch darauf geht die Besatzung des Müllwagens nicht ein. Sie packt nur das Sofa und eine dünne Schrankrückwand ein und lässt kurzerhand verlauten, mehr könne man unmöglich mitnehmen.
Doch diese Haltung ändert sich schnell wieder. Denn einer der Männer kommt näher und sagt: „Es soll schon unbedingt weg, oder? Das wäre nicht schlecht?“ Um dann die konkrete Forderung nachzuschieben: „Tu was für die Kasse.“ Für 50 Euro sei man bereit, alles mitzunehmen. Die Familie lehnt fassungslos ab, muss mitansehen, wie das Müllauto verschwindet – und beschwert sich beim Entsorger.
Der ist in diesem Fall nicht Kommune oder Landkreis, sondern ein privates Unternehmen. Im Auftrag des Göppinger Abfallwirtschaftsbetriebs übernimmt es diese Aufgabe im gesamten Landkreis. Dort habe man sich zunächst nicht sehr interessiert an der Beschwerde gezeigt, berichtet der Schwiegersohn. Nach einigem Hin und Her erwähnt er am Telefon, dass der gesamte Vorgang von der Videokamera am Hauseingang aufgezeichnet worden ist – mit Bild und Ton. Daraufhin habe man die Rückmeldung erhalten, dass der gesamte Sperrmüll am nächsten Tag kostenlos abgeholt werde, erzählt er. Das passiert dann auch.
Unterweisung für alle Mitarbeitenden
Mitarbeiter, die von Bürgern Geld erpressen wollen, damit sie den Sperrmüll mitnehmen? Bei dem Entsorgungsunternehmen bestätigt man, dass es in Wäschenbeuren „zu dem geschilderten Vorfall bei der Sperrmüllabholung gekommen ist“. Nach Eingang der Beschwerde habe man den Vorgang unternehmensintern aufgearbeitet. „Hierzu gehörte die Anhörung der beteiligten Mitarbeitenden. Das Verhalten des Betroffenen wurde umgehend abgemahnt sowie alle anderen Mitarbeiter wurden entsprechend unterwiesen“, sagt eine Sprecherin.
Sie betont: „Unabhängig von der Einschätzung der genauen Sperrmüllmenge gilt für uns: Eine Kopplung der regulären Sperrmüllabholung an zusätzliche Zahlungen entspricht in keinem Fall unseren internen Vorgaben.“ Die Mitarbeitenden seien weder berechtigt, eigenständig Entgelte für die Sperrmüllabholung zu verlangen, noch die Leistung von einer Extra-Zahlung abhängig zu machen. Den Eindruck, die Masche könnte vielleicht nicht das erste Mal angewendet worden sein, weist sie zurück: „Weitere vergleichbare Fälle, in denen bei der Sperrmüllabholung aktiv zusätzliche Zahlungen gefordert wurden, sind uns nicht bekannt.“
Und was sagt man beim Landratsamt Göppingen dazu? Der Vorfall in Wäschenbeuren sei erst durch die Presseanfrage bekannt geworden, heißt es dort. Der betroffene Bürger habe sich direkt beim Entsorger beschwert. Man habe dort jetzt ebenfalls nachgefragt und den Vorfall bestätigt bekommen. Es handle sich um „einen langjährigen und zuverlässigen Vertragspartner des Abfallwirtschaftsbetriebs“. Der Vorgang werde dort unternehmensintern aufgearbeitet.
Grundsätzlich gilt: Die Sperrmüllabholung ist über die Abfallgebühren finanziert. Es gelten die Regelungen der Abfallwirtschaftssatzung des Landkreises Göppingen, dass pro Abfuhrtermin maximal vier Kubikmeter Sperrmüll bereitgestellt werden dürfen. „Mengen, die darüber hinausgehen, werden nicht mitgenommen und sind durch die Bereitstellenden entsprechend anderweitig zu entsorgen, zum Beispiel über die Wertstoffzentren im Landkreis. In Zweifelsfällen erfolgt eine Dokumentation durch das Abfuhrpersonal, insbesondere, wenn Mehrmengen oder nicht zulässige Abfälle bereitgestellt wurden“, heißt es beim Landratsamt. Zusätzliche Zahlungen seien nicht vorgesehen - noch nicht einmal Trinkgelder.