Die Sporthallen am Berufschulzentrum Öde dienen als Gemeinschaftsunterkünfte. Im Gegensatz zu anderen Gebäuden sollen hier aber keine weiteren Etagenbetten aufgestellt werden. Foto: Giacinto Carlucci

Noch gibt es im Kreis Göppingen Kapazitäten in Sammelunterkünften. Doch die Zukunft lässt Böses ahnen. Daher wird die Fläche pro Flüchtling von sieben auf viereinhalb Quadratmeter gesenkt.

Die Kapazität des Landkreises Göppingen in Sammelunterkünften für Asylbewerber und Geflüchtete steigt und steigt. Derzeit sind es rechnerisch 3087 Plätze in 45 Objekten – von der Turnhalle bis zum Wohnhaus. Noch immer müssen etwa die beiden Sporthallen am Berufsschulzentrum Öde belegt werden, aber auch Industriehallen werden als Wohnraum genutzt. Das schaffe derzeit noch etwas mehr Kapazität als benötigt wird. Doch weil der Druck ebenfalls immer weiter wächst und außerdem ein riesiges Personalloch bei der Betreuung klafft, bleibt die Lage äußerst angespannt.

 

Das ist die Quintessenz des Berichtes, den die Landkreisverwaltung jetzt im Sozialausschuss abgab. Vor allem die langfristige Unterbringung in den Kommunen stellt angesichts des leer gefegten Wohnungsmarktes eine enorme Herausforderung für die Zukunft dar. Landrat Edgar Wolff erwähnte in seinem Fazit die Brandbriefe, die derzeit bei den Kommunalverbänden kursierten. „Wir haben schon Sorgen, ob wir das alles stemmen können.“

Monatliche Zugänge von 250 bis 400 Menschen erwartet

Seit Lea Müller, die Abteilungsleiterin Asyl- und Flüchtlingswesen beim Landratsamt Göppingen, zuletzt im Ausschuss die Lage skizziert hatte, sind vier Monate vergangen, die Probleme aber nicht kleiner geworden. Denn der Druck auf den Landkreis, Unterkünfte für Geflüchtete zu schaffen, übersteigt deutlich den der „Krisenjahre“ 2015 und 2016, erklärte Müller. Damals waren es 1800 beziehungsweise 1500 Zugänge, im vergangenen Jahr kamen aber fast 2900 Menschen in die Sammelunterkünfte. Schon jetzt seien es schon wieder mehr als 435 in diesem Jahr, berichtete die Abteilungsleiterin. Und es könnte noch schlimmer kommen: „Wir müssen uns auf monatliche Zugänge von 250 bis 400 Menschen einstellen“, sagte Lea Müller.

Die Folge: „Um dem Zuweisungsdruck des Landes standzuhalten“, so Lea Müller, kann sich der Landkreis nur noch damit behelfen, dass er den zur Verfügung stehenden Wohnraum pro Bewohner deutlich einschränkt: Statt sieben Quadratmeter pro Person sind es nur noch viereinhalb. Das habe das Ministerium aufgrund der aktuellen Lage so angewiesen, berichtete die Abteilungsleiterin. Auf die Frage, wie das in der Praxis umgesetzt werde, verwies sie darauf, dass mehr Stockbetten statt Einzelbetten eingesetzt würden – allerdings nicht in den Turnhallen, wo es schon eng genug zugehe.

Akuter Personalmangel bei der Flüchtlingsbetreuung

Ende Januar waren im Landkreis Göppingen allein 3244 ukrainische Flüchtlinge registriert. Damit liegt der Landkreis etwa 260 unterhalb dessen, was er an Personen rechnerisch aufnehmen müsste. Und: Bei der derzeitigen Zugangssituation muss der Landkreis auch künftig mit einer Zuweisung von 30 Ukrainern pro Woche rechnen. Im Frühjahr sei auch wieder mit einer starken Zunahme der „sonstigen Asylsuchenden“ aus anderen Ländern zu rechnen.

Enorme Leistungen habe das Team bei der sogenannten Anschlussunterbringung vollbracht, berichtetet die Abteilungsleiterin: Waren es im vergangenen Jahr noch 78 Menschen pro Monat, die man weitervermitteln konnte, seien es jetzt schon mehr als 300. Allerdings ist eines der drängendsten Probleme der akute Personalmangel bei der Flüchtlingsbetreuung. Immer noch seien knapp 22 Vollzeitstellen unbesetzt. Bewerber seien dafür kaum zu finden, sagte Müller. Die vorhandenen Mitarbeiter fangen den Personalmangel auf – mit Überstunden.

Die Ausschussmitglieder waren besorgt. Raimund Bühler (Freie Wähler) beispielsweise sprach von „einer Bugwelle von Aufgaben, die wir vor uns herschieben“. Er erinnerte auch daran, dass das Ziel letztlich die Integration der Menschen sei. Landrat Wolff sagt, der Personalmangel sei mittlerweile so durchgängig, dass er den Kreis dazu zwingen könnte, die Standards in der Flüchtlingsbetreuung zu reduzieren. „Wir versuchen das zu vermeiden, aber wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen.“